„Es ist einfach das, was Russland jedes Mal macht"

Gräultaten in Butscha: Moskaus Propagandamaschine auf „Autopilot“

Ein Zeuge gestikuliert neben dem Grab von zwei Zivilisten, die in einem Hinterhof in Butscha begraben wurden.

Ein Zeuge gestikuliert neben dem Grab von zwei Zivilisten, die in einem Hinterhof in Butscha begraben wurden.

Washington. Während die schrecklichen Bilder aus Butscha weltweit für Entsetzen sorgen, bleibt Russland bei seiner Version: Die Folterungen und Morde seien von Ukrainern verantwortet oder gar eine ausgefeilte Inszenierung.

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„Unter den ersten, die auftauchten, waren diese ukrainischen Aufnahmen, die zeigen, wie ein seelenloser Körper plötzlich die Hand bewegt“, hieß es am Dienstag in einem Bericht in den Abendnachrichten im staatlichen Fernsehsender Rossija-1. „Und in einem Rückspiegel ist zu erkennen, dass die Toten anscheinend sogar anfangen aufzustehen.“

Umfassend bemühten sich Korrespondenten und Moderatoren der staatlichen russischen Sender am Dienstagabend, den Millionen Zuschauern zu vermitteln, dass Bild- und Videoaufnahmen teilweise gefälscht seien und dass andere zeigten, dass die ukrainische Seite für die Gräueltaten verantwortlich sei.

Keine neuen Taktiken

Nachrichten als falsch abzutun und eigene Falschinformationen entgegenzusetzen, um so Verwirrung zu stiften und den Gegner zu untergraben, sind Taktiken, die Moskau seit längerem einsetzt. Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien haben sie neue Kraft entwickelt, wie etwa im Syrien-Krieg.

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Ein Argument, das die Russen bei den Toten von Butscha vorbringen, lautet, dass sich die Soldaten schon vorher aus dem Vorort von Kiew zurückgezogen hätten. Dabei belegen Satellitenbilder von Anfang März, dass damals schon Leichen auf den Straßen lagen, Tage nach der russischen Besetzung des Orts. In einem Video vom 2. April, aus einem fahrenden Auto aufgenommen und übers Internet verbreitet, sind die toten Körper noch an genau diesen Stellen in der Jablonska-Straße von Butscha zu sehen.

Hochauflösende Satellitenbilder des kommerziellen Anbieters Maxar Technologies, die von der Nachrichtenagentur AP unabhängig überprüft wurden, stimmten mit Blick auf die Positionen der Leichen mit separaten Videos vom Ort des Geschehens überein.

Nach Massaker in Butscha: Über 400 Menschen in Nachbarstadt Hostomel vermisst

Im Kiewer Vorort Hostomel sind am Mittwoch in einer Garage elf Leichen gefunden worden. Menschenrechtler versuchen den Verbleib der Personen zu klären.

Schon in einem Interview der AP am 7. März hatte der Bürgermeister von Butscha, Anatoli Fedoruk, berichtet, dass sich Leichen in den Straßen anhäuften. „Wir können die Leichen nicht einmal bergen, weil der Beschuss aus schweren Waffen weder tags noch nachts aufhört“, sagte er. „Hunde zerreißen die Toten in den Straßen der Stadt. Es ist ein Alptraum.“ Und in einem Gespräch mit der italienischen Nachrichtenagentur machte Fedoruk Ende März auch noch einmal klar auf russische Gewalt aufmerksam.

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Über das Wochenende sahen Journalisten der Nachrichtenagentur AP zudem Dutzende Leichen in Butscha, von denen viele aus kurzer Distanz erschossen wurden und einige die Hände auf dem Rücken gefesselt hatten. Mindestens 13 Leichen lagen demnach in und um ein Gebäude, das nach Angaben von Anwohnern vor dem Rückzug der russischen Truppen aus dem Gebiet von diesen als Stützpunkt genutzt wurde.

Dennoch beharren Offizielle und staatliche Medien in Russland auf ihrer Darstellung, verbreiten sie in ihren Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern. Sie erreicht in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen ihr Publikum. Ein Aufmacher auf der Website der Kreml-nahen Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ schrieb die massenhaften Tötungen der Ukraine zu und sprach von einem weiteren „unwiderlegbaren Beweis dafür, dass "der Völkermord in Butscha" von ukrainischen Streitkräften ausgeführt wurde“.

Ein am Dienstag veröffentlichter Meinungsbeitrag der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti legte nahe, dass die Tötungen von Butscha ein Trick des Westens seien, um noch einmal härtere Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

„Es ist einfach das, was Russland jedes Mal macht“

Butscha ist Analysten zufolge nicht der erste Fall im Ukraine-Krieg, in dem Moskau eine solche Informationsstrategie zur Kriegsführung einsetzt, um Schuld von sich zu weisen und koordiniert Falschinformationen zu verbreiten. „Es ist einfach das, was Russland jedes Mal macht, wenn es merkt, dass es einen PR-Rückschlag aufgrund begangener Gräueltaten erlitten hat“, sagt Keir Giles vom Russland- und Eurasien-Programm des Thinktanks Chatham House. „Das System wirkt damit fast wie ein Autopilot.“

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Schon vor dem Krieg dementierte Russland US-Geheimdienstberichte zum geplanten Einmarsch in der Ukraine. Im März stand eine Entbindungsklinik in Mariupol im Mittelpunkt: Russische Regierungsvertreter versuchten unter anderem auch, den Wahrheitsgehalt von AP-Fotos und -Berichten über die Lage nach der Bombardierung zu bestreiten. Auch hier wurde behauptet, die Verletzungen seien inszeniert worden.

Nach seiner Videoansprache an den UN-Sicherheitsrat über die Tötungen in Butscha zeigte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Videos von verkohlten und verwesenden Leichen dort und in anderen Städten. Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja bezeichnete sie als inszeniert.

Zwar versuchen Social-Media-Plattformen, die Propaganda und Falschinformationen möglichst abzuwehren. So hat Google Accounts des russischen Senders RT blockiert, Meta RT und Sputnik in Europa verboten. Doch Moskau findet Wege, seine Botschaften dennoch zu verbreiten - besonders mit Postings in verschiedenen Sprachen und über Dutzende offizielle russische Accounts.

Verwiesen wurde unter anderem auf ein Video des Bürgermeisters von Butscha, Fedoruk, das am 31. März aufgezeichnet wurde. „Er bestätigt, dass russische Truppen Butscha verlassen haben. Keine Erwähnung von Leichen in den Straßen“, twitterte der russische Diplomat Michail Uljanow. Doch hatte sich Fedoruk eben bereits in Interviews zu der Gewalt geäußert, bevor die russischen Truppen aus dem Gebiet abzogen.

„Das ist ein ziemlich massiver Messaging-Apparat, den Russland kontrolliert“, sagt Bret Schafer von der Washingtoner Denkfabrik Alliance for Securing Democracy. „Ob es offizielle Botschafts-Accounts sind, Bot- oder Troll-Accounts oder antiwestlich gesinnte Influencer – sie haben viele Wege, Plattformverbote zu umgehen.“

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RND/AP

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