Haiti nach dem Erdbeben: Nichts gelernt, nichts verändert

Ein Mann hält sich an einem Baum vor einem eingestürzten Gebäude im Bezirk Aquin fest.

Ein Mann hält sich an einem Baum vor einem eingestürzten Gebäude im Bezirk Aquin fest.

Port-au-Prince. Mit Entsetzen schauen die Menschen in Haiti auf den Südwesten ihres Landes und sehen die Zerstörungen, die das Beben der Stärke 7,2 am vergangenen Wochenende verursachte. Mindestens 2100 Menschen kamen ums Leben, mehr als 12.000 sind verletzt, verwundet oder verstümmelt, 61.000 Häuser sind zerstört, 70.000 beschädigt.

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Es sei, als wiederhole sich 2010, sagt Arnold Antonin, Filmemacher und Aktivist der Zivilgesellschaft, der sich seit vielen Jahren für ein anderes, ein erdbebensicheres Haiti einsetzt. „Ich bin schockiert, aber ich habe nichts anders erwartet.”

Haiti sei noch verletzlicher als vor elf Jahren, es wurde alles versäumt, was die Zivilgesellschaft und Experten nach dem Jahrhundertbeben empfohlen haben. „Kein Umweltschutz, keine bessere Bauplanung, gar nichts“, sagt Antonin im Gespräch. Am Nachmittag des 12. Januar 2010 wurden in nur 37 Sekunden weite Teile der haitianischen Drei-Millionen-Hauptstadt pulverisiert, 220.000 Menschen starben, 2,3 Millionen wurden obdachlos.

Aus dem dieses Mal sicheren Port-au-Prince schaut dieser Tage auch die Menschenrechtsaktivistin Rosy Auguste in den Südwesten, und auch bei ihr kamen die traurigen Erinnerungen zurück an das, was damals passierte. „Noch immer ist die Regierung nicht in der Lage, schnell und effektiv Hilfe zu leisten, weil alles aus der Hauptstadt organisiert wird“, sagt die Anwältin beim Netzwerk RNDDH.

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„Die versprochene Dezentralisierung ist ausgeblieben ebenso wie der Aufbau einer sanitären Infrastruktur“, unterstreicht Auguste gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Die Krankenhäuser in den betroffenen Departements im Südwesten sind völlig überfordert.“

Das karibische Armenhaus Haiti sei nicht nur wegen seiner geografischen Lage, den Umweltsünden wie der Abholzung der Wälder und der fehlenden Infrastruktur sehr gefährdet für Naturkatastrophen wie Erdbeben und jetzt gerade wieder einem Hurrikan.

„Hinzu kommt das politische Chaos“, sagt Rosy Auguste und nennt vor allem den Mord an Präsident Jovenel Moïse vor gut einem Monat und das nicht funktionierende Parlament. All das habe zu einem temporären Machtvakuum geführt.

Weiterhin abhängig von internationaler Hilfe

So bleibt Haiti ein internationaler Sozialfall, der seine Dramen und Krisen nicht ohne die Hilfe der zahlreichen kirchlichen, staatlichen und nicht staatlichen Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt lösen kann. Das kann man auch jetzt wieder betrachten.

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Am Dienstag gab die Europäische Union 3 Millionen Euro Soforthilfe frei. Um die schnelle Wirksamkeit der Hilfe zu gewährleisten, sollten die Mittel über in dem Karibikstaat tätige Hilfsorganisationen verteilt werden, kündigte die EU-Kommission an. Die Hilfen sollen vor allem für die Ausstattung der Krankenhäuser, die Trinkwasserversorgung und Notunterkünfte verwendet werden.

Dabei war gerade nach 2010 die Kritik am „NGO-Staat“ Haiti riesig, als die globalen Helfer und ihre Organisationen faktisch alle Hilfe allein koordinierten, was hinterher zu massiver Kritik seitens der haitianischen Politik und Intellektualität führte. Allerdings sei daran erinnert, dass Präsident René Préval nach dem Beben für mehrere Tage unauffindbar blieb und Haiti im wörtlichen und übertragenen Sinne ohne Führung dastand.

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass damals 13 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern für den Wiederaufbau des Inselstaates von ausländischen Regierungen und internationalen Organisationen versprochen wurden, aber nur weniger als die Hälfte ausgezahlt wurde. Vieles davon floss zudem in korrupte Hände.

Der noch sehr frische Premierminister Ariel Henry ist jetzt immerhin präsent und versucht, so gut es geht die Hilfe zu organisieren und den Eindruck zu erwecken, als sei der Staat zumindest aktiv, auch wenn ihm die politischen und wirtschaftlichen Mittel fehlen. Henry verspricht, „die Energien zu verzehnfachen“, um möglichst viel Leben zu retten.

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Menschenrechtsaktivistin Auguste kann angesichts dieses Versprechens nur den Kopf schütteln. Denn gerade die drei vom Beben betroffenen Departements liegen auf der Halbinsel Tiburon, die praktisch durch die Bandengewalt vom Rest des Landes abgeschnitten ist.

Der Südausgang von Port-au-Prince werde in Martissant von den bewaffneten und brutalen Banden kontrolliert, die trotz Verhandlungen mit der Regierung kaum jemanden durchlassen, Wegzoll kassieren oder gleich die Hilfe kidnappen. So könne den betroffenen Menschen eigentlich nur aus der Luft geholfen werden.

Arnold Antonin denkt schon einen Schritt weiter. Er macht sich erneut vehement dafür stark, die zerstörten Regionen im Südwesten „nachhaltig, gerecht, ökologisch und erdbebensicher“ aufzubauen. Der Filmemacher, der zugleich eine der wichtigsten Stimmen der haitianischen Zivilgesellschaft ist, hat aber wenig Hoffnung: Damals war das Jahrhundertbeben auch eine Jahrhundertchance, die chaotische Kapitale neu zu denken und zu konstruieren.

„Haiti hätte sozialen Wohnungsbau gebraucht. Bekommen hat es stattdessen architektonische Anarchie und Verslumung.“ Würde die Hauptstadtregion heute noch einmal von einem Beben getroffen, würden noch mehr als die 220.00 Menschen sterben, die damals ums Leben kamen, ist sich Antonin sicher.

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