30 Jahre nach dem „Ende der Geschichte“

Nie mehr Krieg? Der unbeirrte Glaube an den Sieg der liberalen Demokratie

Sieht keine Alternative zum Liberalismus: der amerikanische politische Philosoph Francis Fukuyama.

Sieht keine Alternative zum Liberalismus: der amerikanische politische Philosoph Francis Fukuyama.

Francis Fukuyama war ja nicht der Erste mit der Vorstellung einer guten Endzeit. Georg Wilhelm Friedrich Hegel beispielsweise sah 1806 die damalige Überfigur Napoleon höchstselbst durch seine Stadt reiten. Der beeindruckte 36‑jährige Philosoph, enthusiastisch über die Errungenschaften der Französischen Revolution, glaubte am Vorabend der Schlacht von Jena, in dem Kaiser der Franzosen den „Weltgeist zu Pferde“ zu sehen. Und er propagierte prompt den „Telos der Geschichte“, das erreichte Endziel von allem. Im vermeintlichen Sieg der Revolution über die preußische Monarchie erkannte Hegel das Triumphieren von Freiheit und Vernunft. Besser geht’s nicht. Was sollte noch groß kommen danach außer der immer­währenden Harmonie?

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Fukuyamas These vom Sieg der liberalen Demokratie wurde angezweifelt

Die kam bis heute nicht. Fukuyama hat die These seines berühmten Essays „Das Ende der Geschichte?“ von 1989 (und später seines Bestsellers „Das Ende der Geschichte“ von 1992) bis heute dennoch nicht verworfen. Darin hatte der damals ebenfalls 36‑jährige Sohn japanisch­stämmiger amerikanischer Eltern ein Zeitalter der liberalen Demokratie prophezeit (wenn auch natürlich nicht sofort für alle Länder der Welt). Die totalitären Systeme der extremen Linken und Rechten hätten abgewirtschaftet.

Diese These wurde bei ihrem Erscheinen viel diskutiert, missverstanden, angezweifelt – trotz des sichtbaren Wandels durch Gorbatschow, Glasnost und Perestroika, trotz des KGB-Willens, Stalins Verbrechen untersuchen zu wollen und der Bereitschaft des polnischen Noch-Staatspräsidenten Jaruselzki zur Machtteilung mit der Solidarnosc.

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Francis Fukuyama war gut im Prophezeien

Der Politikwissenschaftler Fukuyama, unter der US‑Präsident­schaft von George Bush senior stellvertretender Direktor für Strategie­planung bei Außenminister James Baker, war gut im Prophezeien. Im Mai 1989 bereits hatte er seinem Dienstherrn nahegelegt, die deutsche Wieder­bereinigung werde unzweifelhaft kommen und man solle sich schon mal rechtzeitig damit auseinandersetzen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Deutschland-Experten im US‑Außenministerium noch völlig gegenteiliger Auffassung. Die Wieder­vereinigung kam ebenso wie die von Fukuyama vor allen anderen Fachleuten und Sachverständigen vorausgesagte Auflösung des Warschauer Pakts. Der Weltgeist à la Fukuyama war jetzt eindeutig westlich, die kommende Welt sollte ideologisch homogen werden.

Die westliche Welt erzittert vor einem unberechenbaren Diktator

Und heute? Von Homogenität keine Spur. Die westlichen Demokratien erzittern stattdessen vor einem Diktator und Imperator, der – ob irre, der propagandistischen Ukraine-Geschichts­schreibung der von ihm schmerzlich vermissten Sowjetunion auf den Leim gegangenen oder einfach nur weil er, egal wie, in die Geschichts­bücher der Zukunft eingehen will – sein eigenes Land mund- und denktot gemacht hat, und ein prosperierendes, demokratisches Land, zerbombt. Ein Welt­destabilisierer ist am Werk, der dessen Bewohner von seinen Soldaten foltern, vergewaltigen, töten lässt und an diesem Sonntag zum orthodoxen Osterfest parallel zum von ihm befohlenen Massenmord in der Kirche die Hände faltet, was aussieht, als wolle er den Nächsten­liebe propagierenden Gründer seiner Religion mit seiner Anwesenheit verspotten.

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Der Putinismus in seiner bislang aggressivsten Gestalt überzieht die ganze Welt mit Furcht. Fukuyamas Zukunftswelt, die liberalen Demokratien des Westens, werden mit der Drohung von einem eurasischen Reich von Wladiwostok bis Lissabon, mit dem Menetekel Atombombe geduckt zu halten versucht – zum Teil erfolgreich. Was kommt da noch? Was hätte Hitler getan, hätte er die Atombombe gehabt? Die Antwort ist klar. Ein ganz anderes „Ende der Geschichte“ ist derzeit im Bereich des Möglichen.

Schon 1989 wurde das Ende der Diktaturen bezweifelt

Der Publizist Josef Joffe hatte bereits Ende September 1989, da war die Ausgabe des Außen­politik­magazins „The National Interest“ mit Fukuyamas Essay quasi noch druckfrisch, gegen dessen Vorstellung vom liberalen Triumph eben das angeführt: „zigtausende sowjetische Atombomben und die größte Armee der Welt“. Joffe richtete den Blick damals auch nach Peking, wo das Tian’anmen-Massaker Anfang Juni gezeigt habe, „dass niemand sein Leben darauf verwetten kann, dass die Macht nicht doch aus Gewehrläufen kommt“. „Der Markt allein“, so Joffe damals, „macht noch keine Demokratie“. Und er verwies dabei auf die relativ freie Wirtschaft im national­sozialistischen Deutschland.

Heute ist Fukuyama zwar immer noch überzeugt vom Liberalismus als einzigem System, „das langfristigen Erfolg“ bringt. Aber er hat zwischen­zeitlich immer wieder Relativierungen seiner These vorgenommen. 2006 setzte sich der Politik­wissen­schaftler in seinem Buch „Amerika?“ – letztlich unentschlossen – mit den Neocons und dem nicht rundheraus abgelehnten Prinzip eines „Exzeptionalismus“ auseinander, mit dem Politiker die USA über die anderen Nationen erhoben. Und thematisierte 2018 in dem Band „Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ das Heraufziehen autoritärer Herrschaften, die wachsende Popularität der Populisten.

Fukuyama 2018: Die liberale Demokratie kann Rückschläge erleiden

Angesichts der Präsident­schaft von Donald Trump verschob Fukuyama darin das „Ende der Geschichte“, weil die liberale Demokratie eben auch Rückschläge erleiden könne. Der große Spalter Trump schlug sich scheinbar auf die Seite benachteiligter Teile der Gesellschaft. Deren Kampf um Würde und Gleich­berechtigung befand Fukuyama zwar als berechtigt. Sah jedoch die in jenen Kreisen heraufziehenden, populistisch gut befeuerbaren Opfer­narrative, die in Hass auf andere Gruppen umschlugen. Ein neuer Tribalismus gefährde die Demokratie, so Fukuyama. Diese seine Prophezeiung erfüllte sich am Dreikönigstag 2021 im Sturm aufs Kapitol in Washington.

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In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ sah der heute 69‑Jährige am Samstag (23. April) den Liberalismus durchaus angeschlagen. Er werde von seinen Gegnern aus der Linken mit der Markt­wirt­schaft gleichgesetzt und für Ungleichheiten verantwortlich gemacht. Und von Rechts der Zerstörung der nationalen Identität bezichtigt, „weil er die Grenzen für Fremde öffnet“.

Fukuyama sieht einen Wandel in den Abhängig­keiten voraus

Die alten Feindbilder sind wieder da, ein Kalter Krieg 2.0 ist heraufgezogen. „Und sicherlich ist die politische Feindseligkeit in gewisser Weise noch grösser als während des Kalten Krieges“, sagte Fukuyama in der „NZZ“ eingedenk des Angriffskriegs auf die Ukraine – „wegen der Gräueltaten, welche die Russen begangen haben.“ Schon mit Einsetzen der Covid-Pandemie habe eine Zurück­drängung der Globalisierung begonnen, die sich durch den Ukraine-Krieg verstärke. Abhängigkeiten (wie etwa die Deutschlands von russischem Gas) würden künftig sorgfältig überdacht. „Es wird eine wirtschaftliche Trennung geben“, so Fukuyama.

Trotzdem beharrt der Philosoph in seinem neuesten Buch „Liberalism and its Discontents“ („Der Liberalismus und seine Unzufriedenheiten“, noch nicht übersetzt, erschienen bei Profile Books, 192 Seiten, 15,99 Euro) darauf, dass sich die liberale Demokratie, der extern und intern zugesetzt wird, schlussendlich behaupten wird: „Die Länder sind bereits so vielfältig, dass nur der Liberalismus sie zusammen­halten kann.“ Er sei „die einzige realistische Option“.

Das „Ende der Geschichte“ – es ist nur verschoben, nicht aufgehoben.

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Über Francis Fukuyama

Francis Fukuyama (69) ist Politikwissenschaftler und politischer Philosoph. Derzeit lehrt er als Professor an der Universität Stanford in Kalifornien. Bekannt wurde er 1989 durch seine These vom „Ende der Geschichte“, die er zunächst in einem Essay, später in Buchform ausbreitete. Der Siegeszug der „liberalen Demokratie“ verzögerte sich, in seinem neuen Buch „Liberalism and his Discontents“ setzt er sich mit den Bedrohungen des Liberalismus auseinander, dessen unbedingte Verteidigung er einfordert. Fukuyama ist verheiratet und hat drei Kinder.

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