Hohe Spritpreise in Europa

Was andere Länder dagegen tun und wie wir Öl sparen können

Benzinpreise an einer Tankstelle in Berlin-Wilmersdorf am 10. März.

Benzinpreise an einer Tankstelle in Berlin-Wilmersdorf am 10. März.

Tanktourismus – ein Wort, das in diesen Tagen immer populärer wird. Denn in Deutschlands Nachbarländern ist der Sprit zum Teil deutlich günstiger als an hiesigen Tankstellen. Besonders beliebt: Polen. Hier ist sowohl Diesel als auch Benzin bis zu 80 Cent günstiger. Wie kann das sein?

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Die polnische Regierung hat auf steigende Energiepreise bereits Ende 2021 reagiert und senkte zunächst die Mineralölsteuer – als Reaktion auf die hohe Inflation. Anfang Februar folgte dann die Senkung der Mehrwertsteuer auf Sprit von ehemals 23 auf 8 Prozent. Das hat einen enormen Andrang an den Tankstellen zufolge, weshalb mehrere Tankstellenketten bereits Tanklimits eingeführt haben. So ist es an vielen Zapfsäulen nur noch erlaubt maximal 50 Liter abzuzapfen.

Osteuropäische Länder deckeln Spritpreis

Auch andere europäische Länder haben auf die brisanten Preisentwicklungen reagiert. Eine besonders rigorose Maßnahme hat Ungarn ergriffen und vergangenen November den Spritpreis gedeckelt. Seitdem darf der Liter nicht mehr als 480 Forint, umgerechnet rund 1,30 Euro, kosten – egal ob Diesel oder Benzin. Seit einigen Tagen tut es Slowenien dem Nachbarland gleich und hat eine Spritpreis-Obergrenze von 1,50 Euro festgelegt. Gelten soll das zunächst für 30 Tage.

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Viele Italiener nutzen diese Gelegenheit und betätigen sich ihrerseits als Tanktouristen. Denn bei ihnen liegen die Preise um die 2 Euro. Zwar hat die italienische Regierung aktuell noch keine aktive Entlastung für die Bürger beschlossen, jedoch besteuert sie die zusätzlichen Energiekonzerngewinne der vergangenen sechs Monate mit 10 Prozent. Das dadurch eingenommene Geld soll anschließend für ein milliardenschweres Maßnahmenpaket verwendet werden.

Tankrabatte in Frankreich und Österreich

Auch in Frankreich bewegen sich Preise aktuell um die 2 Euro, doch Präsident Emmanuel Macron hat bereits Entlastungen beschlossen: Ab April erhält jeder, der tankt, einen Nachlass von 15 Cent pro Liter. Gelten soll der Tankrabatt zunächst für vier Monate. Schon zuvor war der Präsident, der mitten im Wahlkampf steckt, seinen Bürgern entgegengekommen und hatte das Kilometergeld erhöht sowie allen Französinnen und Franzosen, die monatlich weniger als 2000 Euro netto verdienen, einen sogenannten „Energiecheck“ von 100 Euro zukommen lassen.

Einen Tankrabatt planen auch unsere österreichischen Nachbarn. Zusätzlich hat die Regierung um Bundeskanzler Karl Nehammer ein Hilfspaket in Höhe von 2 Milliarden Euro geschnürt. Unter anderem soll das Geld dazu dienen, die Pendlerpauschale zu verdoppeln. Zusätzlich möchte man die öffentlichen Verkehrsmittel attraktiver machen, indem die Preise gesenkt werden. Dafür sind weitere 150 Millionen Euro eingeplant. Gelten sollen die meisten Bestimmungen vorerst bis zum Sommer 2023.

Belgien, Niederlande und Schweden senken Steuern

Wenn nicht Deckelungen und Tankrabatte die Mittel der Wahl sind, dann Steuersenkungen. So greifen etwa Belgien, die Niederlande und Schweden zu dieser Maßnahme. Die belgische sowie die niederländische Regierung haben bereits die Verbrauchersteuer auf Diesel und Benzin gesenkt. In den Niederlanden wird zusätzlich ab 1. April die Kraftstoffsteuer um 21 Prozent gesenkt. Diesel wird damit rund 11 Cent günstiger, Benzin 17 Cent. Aktuell liegen die Preise bei einer Rekordhöhe von bis zu 2,50 Euro. Das Nachbarland Belgien entlastet seine Bürger in ähnlichem Ausmaß.

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Schweden geht den gleichen Weg und hat angekündigt, die Kraftstoffsteuer ab Juni für fünf Monate um 1,30 Kronen, umgerechnet 12 Cent, zu senken. Gerüchte um eine Steuersenkung machen sich zudem in Großbritannien breit. Laut Medienberichten zieht Finanzminister Rishi Sunak eine Steuererleichterung von fünf Pence je Liter in Betracht.

Mehrere Entlastungsvorschläge in Deutschland – keine Einigung

Und in Deutschland? Beschlossen ist in Sachen Spritkosten-Entlastung noch so gut wie nichts. Derzeit werden verschiedene Optionen diskutiert: Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) plädiert für einen Tankrabatt – ähnlich dem Modell Frankreichs. Sein Ziel: Den Spritpreis sicher unter 2 Euro drücken. Bei den Koalitionspartnern SPD und Grünen stieß er damit jedoch auf wenig Begeisterung. Sie – wie auch Wirtschaftsexperten – verweisen darauf, dass ein Tankrabatt den Mineralölkonzernen Anreize liefern würde, den Spritpreis hoch zu halten.

Die Grünen werben ihrerseits für ein Energiegeld, ähnlich dem Klimageld, das bereits im Koalitionsvertrag Erwähnung findet. Es solle direkt an die Bürgerinnen und Bürger ausgezahlt werden. Hier werden allerdings Bedenken laut, ob das Konzept schnell genug umgesetzt werden könnte.

Die SPD, allen voran Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, hat wiederum ein Mobilitätsgeld ins Spiel gebracht, das gestaffelt nach dem Einkommen mit dem Monatsgehalt überwiesen werden könnte. Der Vorschlag sieht vor, dass man bis 2000 Euro Bruttomonatseinkommen 50 Euro bekommen könnte, bis 3000 Euro Monatseinkommen 35 Euro und bis 4000 Euro Monatseinkommen 20 Euro.

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Neuerdings steht auch in Deutschland das Thema Steuersenkung im Raum. Zuvor hatte Finanzminister Lindner diese Möglichkeit abgelehnt, nun schließt er sie nicht mehr grundsätzlich aus, wie er am Dienstag im Bundestag sagte.

Öl sparen? Internationale Energieagentur hat Zehn-Punkte-Plan

Dauerhaft können Entlastungspakete aber nicht die Lösung sein, um die angespannte Lage auf dem Ölmarkt zu entspannen. Vielmehr lautet die Frage: Wie können wir weniger Öl verbrauchen? Die Internationale Energieagentur (IEA) hat dazu einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt. Die Vorschläge sollen zur sofortigen Reduzierung des Ölverbrauchs von Industriestaaten führen. Der Einschätzung der IEA nach können die Maßnahmen die Ölnachfrage ich den nächsten vier Monaten um 2,7 Millionen Barrel pro Tag senken – von jetzigen 44,6 auf schätzungsweise 41,9.

Als ersten Schritt sollten laut der Energieagentur die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen um mindestens zehn Kilometer pro Stunde reduziert werden. Damit könnten 0,4 Millionen Barrel pro Tag eingespart werden, wie eine Statistik des Onlineportals Statista zum Thema zeigt. Das Problem in Deutschland: Im Gegensatz du den anderen europäischen Ländern gibt es bis dato kein generelles Tempolimit auf Autobahnen.

Carsharing und Best Practices für Kraftstoffnutzung

Ebenso viele Einsparungen ließen sich jedoch auch über autofreie Sonntage in Großstädten und eine Homeofficeregelung erzielen. Demnach würden drei Homeofficetage pro Woche – insofern möglich – zu einer weiteren Reduzierung von 0,4 Millionen Barrel pro Tag führen. Auch Carsharing, sprich Fahrgemeinschaften bilden, in Kombination mit Praktiken zur effizienteren Kraftstoffnutzung von Autos können den Ölverbrauch um dieselbe Menge verringern. Zu Letzterem zählen zum Beispiel die regelmäßige Kontrolle des Reifendrucks und der Verzicht auf die Klimaanlage.

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Diese Vorgehensweisen ließen sich im Übrigen auch bei der Nutzung von Lkw umsetzen. Wenn Logistiker dann noch ihre Fahrzeugladung optimieren und Leerfahrten weitestgehend vermeiden, ließe sich eine Einsparung von 0,3 Millionen Barrel erzielen. Und apropos Arbeitswelt: Der Verzicht auf nicht zwingend notwendige Geschäftsreisen per Flugzeug würden zum selben Ergebnis führen.

Kein Fliegen, dafür mehr Bahn, Bus und Zug fahren

Auf das Fliegen bezieht sich auch ein weiterer Vorschlag: Kurzstreckenflüge vermeiden, wenn es Alternativen mit Hochgeschwindigkeits- oder Nachtzügen gibt. Klimapolitisch wurde diese Maßnahme bereits oft diskutiert, in Frankreich sogar inzwischen umgesetzt: Das aktuelle Klima- und Resilienzgesetz verlangt die Annullierung von Flügen, wenn es Alternativen gibt, um das Ziel innerhalb von zweieinhalb Stunden zu erreichen. Die Öleinsparung würde bei einer europaweiten Umsetzung jedoch vergleichsweise gering ausfallen: 0,1 Millionen Barrel pro Tag.

Ein probates Mittel, das ebenfalls immer wieder in der Diskussion ist, sei die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs. Die IAE schlägt vor, die Fahrpreise für U-Bahnen, Busse und Stadtbahnen vorübergehend zu senken. Zusätzliche sollten Anreize zum Radfahren geschaffen, Städte fahrradfreundlicher gestaltet werden. Damit ließen sich kurzfristig ebenfalls 0,3 Millionen Barrel pro Tag einsparen.

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Autofahren nur noch an bestimmten Tagen

Auch kein neuer Ansatz und auf kurze Frist gesehen verhältnismäßig wenig effektiv sei die Stärkung der E-Mobilität. Sie würde 0,1 Millionen Barrel pro Tag einsparen. Jedoch können Maßnahmen, die jetzt ergriffen werden, um die Einführung von Elektrofahrzeugen zu beschleunigen, nachhaltige Auswirkungen auf die Zukunft haben, wie die IAE resümiert.

Zu guter Letzt schlägt die Energieagentur vor, die Nutzung privater Autos einzuschränken. So könnte es eine Regelung gibt, die es an bestimmten Tagen nur Autos mit ungeraden Kennzeichen erlaubt auf der Straße zu sein, an anderen Tage nur solchen mit geraden Kennzeichen. Die Einsparung betrage immerhin 0,2 Millionen Barrel pro Tag.

Unsichere Rohöl- und Erdgasversorgung

Schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine waren die Energiekosten europaweit gestiegen. Seit Kriegsbeginn am 24. Februar kam es jedoch zu regelrechten Preisexplosionen, insbesondere in der ersten Märzwoche. Ein Liter Diesel kostete in Deutschland zu diesem Zeitpunkt 65 Cent mehr als vor Kriegsausbruch, Benzin rund 45 Cent. Grund dafür ist die Unsicherheit, ob eine stabile Rohöl- und Erdgasversorgung auch weiterhin gesichert ist, denn Russland ist ein existenzieller Lieferant. Aktuell sind die Spritpreise hierzulande wieder etwas gesunken: ein Liter Super kostet rund 2 Euro, ein Liter Diesel 2,17 Euro.

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