Gaskrise und Inflation

Euro auf Talfahrt: Was gegen den Verfall des Geldes hilft

Eine Ein-Euro-Münze steht auf einem Ein-Dollar-Schein. Der Euro-Kurs ist erstmals seit fast 20 Jahren auf ein Dollar-Tauschverhältnis von eins zu eins gefallen.

Eine Ein-Euro-Münze steht auf einem Ein-Dollar-Schein. Der Euro-Kurs ist erstmals seit fast 20 Jahren auf ein Dollar-Tauschverhältnis von eins zu eins gefallen.

Wer in diesem Sommer eine USA-Reise geplant hat, für den wird es teuer. So schwach wie zu Beginn dieser Woche war der Euro zuletzt vor 20 Jahren, kurz nachdem auch für alltägliche Geschäfte von D-Mark auf Euro umgestellt worden war.

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Für einen Euro bekommt man im Augenblick nur einen Dollar. 2008 mussten Amerikaner für eine Einheit der europäischen Gemeinschaftswährung noch 1,47 Dollar hinblättern. Gaskrise, Inflation und vor allem die Zinspolitik der US-Zentralbank FED drücken den Wert des europäischen Geldes.

Kurs fällt immer weiter: Ein Euro mittlerweile so viel wert wie ein US-Dollar

Rezessionsängste und eine zögerliche EZB-Geldpolitik versetzen den Euro seit Monaten in den Sinkflug.

In früheren Jahren galt ein niedriger Euro zwar als schlecht für die Touristen, aber als hilfreich für den Außenhandel, weil man so die eigenen Produkte preisgünstig auf den internationalen Märkten anbieten konnte. Doch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eben nicht nur eine Zeitenwende in der internationalen Politik gebracht, sondern auch einige volkswirtschaftliche Binsenweisheiten aus den Angeln gehoben.

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Die Lage ist wie so oft in Europa kompliziert: Sogar bei Finanzexperten herrscht Ratlosigkeit, wie der Euro-Raum aus der Misere von Inflation, Geldentwertung und Werteverfall wieder herauskommt. „Es gibt keine einfache Lösung“, sagt Michael Voigtländer, Finanzmarktexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Das klassische Rezept gegen Inflation ist eine kräftige Erhöhung der Zinsen. Die Europäische Zentralbank (EZB) geht diesen Weg aber nur zögerlich. Für seine Sitzung am kommenden Donnerstag hatte der EZB-Rat eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte angekündigt. Selbst innerhalb des Gremiums mehren sich die Stimmen, die sagen, dass das niemals reichen wird.

Knappheit erzeugt Preissteigerung

Die Gegenseite betont, dass die EZB die wahren Gründen für die aktuelle Teuerungswelle gar nicht bekämpfen könne, da die Zentralbanker weder Weizenschiffe über das Schwarze Meer steuern noch neue Gasfelder erschließen könnten.

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„Jetzt haben wir eine Kosteninflation. Gas und Nahrungsmittel sind wirklich knapp“, sagt IW-Experte Voigtländer. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen nun erhöhe, könne sie daran nicht viel ändern: „Die Knappheit bleibt“, erläutert Voigtländer – und was knapp ist, hat einen hohen Preis.

Eine Erhöhung der Zinsen kann sogar eine Rezession auslösen, also ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung über mehrere Quartale hinweg. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Entwicklung innerhalb der nächsten zwölf Monate ist zuletzt auf 45 Prozent gestiegen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Finanzdienstes Bloomberg unter renommierten Ökonomen hervor. Im Juni lag die Wahrscheinlichkeit noch bei 30 Prozent.

Die Bundesregierung mischt sich in Fragen der Zinspolitik nicht ein – jedenfalls nicht öffentlich. Aber auch hinter den Kulissen gibt es im Kanzleramt derzeit keine klar formulierten Wünsche, ob und in welchem Tempo die EZB unter Führung der Französin Christine Lagarde die Zinsschraube anziehen sollte. Zu unwägbar sind die Chancen und Risiken der Folgen einer Zinserhöhung.

Derzeit liegen die Leitzinsen der EZB noch bei null Prozent. Ein Wert, den Ökonomen früher für unmöglich gehalten hatten. Aber das Zinsniveau verharrt seit fast acht Jahren auf diesem niedrigen Niveau. Für Deutschland war lange alles prächtig: niedrige Zinsen, keine Inflation, Außenhandelsüberschüsse, Jobwunder, preiswertes Gas sowie preiswerte Konsumgüter aus China, Indien und anderen Niedriglohnländern.

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Mit dem Krieg und den gestiegenen Preisen für Energie und Nahrungsmittel hat sich die Lage radikal verändert. Im Mai musste der frühere Exportweltmeister Deutschland zum ersten Mal seit 1991 ein Handelsdefizit hinnehmen. Für Deutschland ist das eine neue Situation. Die Euro-Zone insgesamt gibt inzwischen deutlich mehr Geld für Importe aus, als Geld durch Exporte hereinströmt.

In Deutschland kletterten die Preise im Juni um 7,6 Prozent. In der EU-Zone verzeichnete die Inflationsrate einen Rekordwert von 8,6 Prozent. Der Effekt des Energiepreisschocks: „Es wird auch den privaten Haushalten direkt Kaufkraft abgezogen, die Geld nicht mehr für andere Dinge ausgeben können. Das dämpft die Nachfrage“, sagte Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, dem RND.

Inflation bereitet den Deutschen derzeit die größten Sorgen

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8,6 Prozent: Das ist kein Wert, den die EZB akzeptieren kann. Die Notenbank hat als oberste Priorität die Preisstabilität auf ihre blaue Fahne geschrieben. Demnach soll die allgemeine Preissteigerung für private Haushalte nicht mehr als rund 2 Prozent betragen. Die EZB muss also etwas tun.

Für die aktuelle Lage gibt es kein direktes Vorbild. Einen Vergleich kann man mit dem Beginn der 70er-Jahre ziehen. 1973 im Herbst spitzte sich die Lage während des Jom-Kippur-Krieges zu, der vom 6. bis zum 26. Oktober von Ägypten, Syrien und weiteren arabischen Staaten gegen Israel geführt wurde. Damals drosselte die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) die Ölfördermengen um etwa 5 Prozent. Wie der russische Präsident Putin heute den Westen mit der Minderung der Gaslieferungen unter Druck setzt, zogen damals die arabischen Länder die Daumenschrauben an wegen der Unterstützung des Westens für Israel.

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In der Folge explodierte der Ölpreis. Nach dieser ersten Ölkrise 1973 erhöhte damals die dafür noch zuständige Bundesbank die Leitzinsen. Es folgte eine kurze Rezession – die Inflation konnte überwunden werden.

Doch so einfach lässt sich das nicht auf die heutige Situation übertragen – vor allem, weil damals kein Krieg in Europa geführt wurde. „Jetzt kann man natürlich eine Rezession herbeiführen, die so tief ist, dass auch die Öl- und Gaspreise nachgeben“, erläutert Dullien. Zugleich gibt er zu bedenken: „Die Frage ist, ob man das auch wirklich möchte.“

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Energiepreise hauptverantwortlich

Die von Putins Regime erzeugte Drosselung der Erdgaslieferungen macht etwa die Hälfte der aktuellen Teuerungswelle aus. Hinzu kommen steigende Nahrungsmittelpreise und Engpässe in vielen Lieferketten. Auch ohne den Krieg in der Ukraine wäre Deutschland mutmaßlich in eine wenn auch deutlich moderatere Inflation geraten. Das Ende des Lockdowns im vorigen Herbst hat einen Kaufrausch ausgelöst. Und die wieder steigende Mobilität sowie das Hochfahren der Produktion in der Industrie sorgten zudem für steigende Energiepreise.

Den Höhepunkt der Teuerungswelle erwarten die von Bloomberg befragten Ökonomen in diesem Quartal – also bis Ende September. Danach soll sich die Lage nur ganz langsam entspannen. Eingepreist ist allerdings noch nicht die Möglichkeit, dass Putin nach der Wartung der Pipeline Nord Stream 1 den Gashahn zugedreht lässt und damit für eine dramatische Zuspitzung der Lage sorgt.

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Schon im vergangenen Herbst hätte es Zinserhöhungen geben müssen, meinen manche EZB-Beobachter. Die Europäische Zentralbank hielt aber erst einmal die Füße still. Und nun? Nach Informationen des RND sind auch die Ökonominnen und Ökonomen im Frankfurter EZB-Turm unentschlossen. IW-Experte Voigtländer beschreibt das Dilemma: „Wir sind sowieso schon am Rand einer Rezession. Wenn man nun die Zinsschraube noch anzieht, dann wird es für Staaten und Unternehmen noch teurer, Kredite aufzunehmen. Und das belastet die Wirtschaft.“

Die EZB hat angekündigt, dass sie die Zinsen normalisieren wird. Das ist richtig, und die EZB sollte diese Ankündigung auch umsetzen.

Sebastian Dullien,

Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK

Die EZB hat in Voigtländers Augen dennoch keine andere Wahl, als ein Signal zu setzen, „dass sie die Inflation bekämpft. Sie darf das aber nicht zu stark machen.“ Auch für Dullien ist klar: „Die EZB hat angekündigt, dass sie die Zinsen normalisieren wird. Das ist richtig, und die EZB sollte diese Ankündigung auch umsetzen.“

Zinserhöhungen angekündigt

Eine Erhöhung auf 0,25 Prozent ist bereits beschlossene Sache. Weitere Aufschläge in mehreren Etappen bis zu 1,25 Prozent sind geplant. Ob das als Inflationsbremse reichen wird, wagt derzeit niemand zu prognostizieren. Dullien verweist aber darauf, dass bereits die Ankündigung von Zinserhöhungen Wirkungen gezeigt hat. Die Hypothekenzinsen sind deutlich nach oben gegangen. „Das wird das Wachstum bremsen und wird dämpfend wirken.“ Aber er räumt auch ein, dass eine Zinserhöhung auf Wirtschaftsleistung und Geldpolitik richtig erst nach vier bis sechs Quartalen wirke.

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Für den Finanzexperten Voigtländer indes hängt vieles davon ab, wie sich die Löhne in Deutschland und in anderen Ländern entwickeln. „Es besteht die Gefahr einer Übersteuerung, und dann wird es schwierig.“ Was passieren kann: Die Lohn-Preis-Spirale beginnt sich zu drehen, durch die sich üppige Tarifabschlüsse und Preissteigerungen gegenseitig hochschaukeln. Das kann in einer sogenannten Stagflation münden: enorme Teuerung bei gleichzeitigem ökonomischen Stillstand. Am Ende einer solchen Entwicklung steht als schwerwiegendste Folge eine hohe Arbeitslosigkeit.

Ein solches Szenario lässt sich laut Voigtländer wiederum „nur mit einer rigorosen Zinspolitik und unter Inkaufnahme einer Rezession stoppen“. Deshalb sei es ein guter Schritt, wenn die Politik die Lohnsituation durch steuerfreie Einmalzahlungen entspannen könnte.

Gewerkschaften wehren sich vehement dagegen, weil sie Eingriffe in die Tarifautonomie befürchten. Außerdem wird aus Kreisen der Arbeitnehmerorganisationen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Tarifabschlüsse bislang moderat ausgefallen sind und derzeit von einer Lohn-Preis-Spirale nichts zu erkennen sei. Und: Ein gesundes Maß an Lohnerhöhungen, so Dullien, sei notwendig und sollte in den Tariftabellen abgebildet werden – wegen der Kaufkraft.

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