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1923 war von Krisen überschattet

„Katastrophenjahr mit gutem Ende“

Ausstellung im Haus der Weimarer Republik, das 2029 als Erinnerungsort an die erste deutsche Demokratie eröffnet wurde. Am 31. Juli 1919 beschloss die Nationalversammlung die Weimarer Reichsverfassung, Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) unterzeichnete diese am 11. August im thüringischen Schwarzburg.

Ausstellung im Haus der Weimarer Republik, das 2029 als Erinnerungsort an die erste deutsche Demokratie eröffnet wurde. Am 31. Juli 1919 beschloss die Nationalversammlung die Weimarer Reichsverfassung, Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) unterzeichnete diese am 11. August im thüringischen Schwarzburg.

Berlin. Professor Michael Dreyer ist am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Der Politologe ist Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik e.V.

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Herr Professor Dreyer, die junge Weimarer Republik wankte 1923 – aber sie fiel nicht. Hat dieses Jahr die republikanischen Gedanken unter den Deutschen gestärkt oder geschwächt?

Es zeigte sich 1924, dass die Republik gestärkt worden war – denn es wurde besser. Kurioserweise hat der Hitler-Putsch im November 1923 dazu geführt, dass die politische Elite ihre Reihen enger schloss. In allererster Linie bewies aber Reichspräsident Friedrich Ebert in all diesen Krisen eine feste Hand und wendete die Vollmachten der Weimarer Verfassung an, um die Republik zu schützen. Im Jahr 1923 erwies sich, dass die Weimarer Republik eine stärkere Demokratie besaß, als ihre Gegner vermutet hatten.

Professor Michael Dreyer ist am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Der Politologe ist Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik e.V.

Professor Michael Dreyer ist am Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Der Politologe ist Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik e.V.

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Im Jahr zuvor war Reichsaußenminister Walther Rathenau ermordet worden. Hatte dies Einfluss auf die Krisenhaftigkeit des Jahres 1923?

Dieser Mord war Teil der Gewaltsituation in der Weimarer Republik, in der damals Hunderte ermordet wurden, überwiegend von Rechtsradikalen. Der Rathenau-Mord war herausragend, weil ein Regierungsmitglied umgebracht wurde. Er demonstrierte: Niemand konnte sich seines Lebens sicher sein. Unter diesem Eindruck erfuhr die Demokratie mit dem Republikschutzgesetz und der Einrichtung des Staatsgerichtshofs eine enorme Stärkung. 1923 konnten mit ihrer Hilfe manche Probleme gelöst werden.

Reichskanzler Joseph Wirth sprach 1922 nach der Ermordung Rathenaus davon, dass der Feind zweifellos rechts stünde. Wie verhielt sich die Linke zur Republik?

Die Linke lehnte sie genauso ab wie die extreme Rechte. Die KPD war absolut moskauhörig. Und im Jahr 1923 hielt das Politbüro in Moskau die deutsche Situation reif für eine proletarische Revolution. Die wurde für den Oktober geplant und abgesegnet – kam dann aber mit Ausnahme des Hamburger Aufstands unter Ernst Thälmann nicht zustande. Die KPD war zu diesem Zeitpunkt eine wesentlich größere Partei als die im Grunde bis 1930 vollkommen unbedeutende Nazipartei NSDAP.

Krisenjahr 1923
 
Demokratie auf dem Prüfstand

Die Weimarer Republik erlebte 1923 das schwerste Jahr seit ihrer Gründung. Dramatische Schlagzeilen, politische Krisen und Umbrüche prägen die Zeit vor 100 Jahren. Franzosen und Belgier besetzten das Ruhrgebiet, die Reichsmark erfährt eine gigantische Entwertung, Linke versuchen zu putschen und Adolf Hitler probt im November das erste Mal einen Aufstand gegen die Republik.

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Der Umgang mit Rechten und Linken ist bis heute ein Dauerthema unter Demokraten. Haben wir da ausreichend aus der Geschichte der Weimarer Republik gelernt?

Ich denke, unsere Demokratie ist wehrhaft. Doch es ist eben nicht aus den vermeintlichen Fehlern der Weimarer Republik, wie lange behauptet wurde, gelernt worden. Tatsächlich finden wir heute Elemente der wehrhaften Demokratie, die alle schon in Weimar vorhanden waren und in der Bundesrepublik übernommen worden sind. Eindeutig verbessert hat sich die Zusammensetzung der juristischen Elite. Richter drückten 1923 bei Rechtsradikalen gern ein Auge zu und ließen sie mit milden Strafen davonkommen, während gegen Linke die ganze Härte des Gesetzes angewendet wurde.

Verschiedene Geldscheine über 10 Milliarden Mark, 500 Milliarden Mark, 5 Billionen Mark und andere Werte, vornehmlich 1923 von der Deutschen Reichsbank ausgegeben, aufgenommen am 22. Oktober 2011.

Verschiedene Geldscheine über 10 Milliarden Mark, 500 Milliarden Mark, 5 Billionen Mark und andere Werte, vornehmlich 1923 von der Deutschen Reichsbank ausgegeben, aufgenommen am 22. Oktober 2011.

Die massive Geldentwertung 1923 hinterließ ein wirtschaftliches Trauma in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung. Wirkt es in der Inflationsangst der Deutschen von heute fort?

Man kann 1923 nicht isoliert betrachten, denn wenige Jahre später rollt die Welle der Weltwirtschaftskrise und 1945 bis 1948 gab es nochmals eine galoppierende Inflation als Resultat des nicht allein militärisch, sondern auch moralisch verlorenen Zweiten Weltkriegs. Innerhalb von gut 20 Jahren zweimal eine komplette Geldentwertung – das gräbt sich schon tief in eine Bevölkerung ein. Dabei waren Reiche und Proletarier von der Inflation weniger betroffen. Die einen hatten ihr Geld in Immobilien und in Fabriken, die anderen waren nie in der Lage gewesen, Ersparnisse anzulegen. Es traf immer die bürgerliche Mittelschicht – die allerdings einen Kernbestandteil des Staates und seines Apparates ausmacht. Dies führt zu Vertrauensverlusten.

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Heute fürchten sich die Menschen nach den Pandemiejahren vor dem Krieg Russlands in der Ukraine, der Energiekrise und der allgemeinen Teuerung. Gibt es etwas, was wir im Jahr 2023 aus dem Jahr 1923 lernen können?

Zunächst können wir mit Blick 100 Jahre zurück lernen, wie gut es uns trotz aller Krisen geht. Es existiert heute eine ganz andere Einstellung zur Demokratie, die Vertrauen schafft. Die Krise 1923 ist erheblich größer und dramatischer als alles, was wir im Moment in der Bundesrepublik erleben und bislang erlebt haben. Ich möchte die aktuellen Probleme nicht kleinreden – aber vor 100 Jahren sind Menschen in ihren Zimmern verhungert.

1923 war für Sie …

… ein Katastrophenjahr mit einem guten Ende, weil die Republik durch politisches Krisenmanagement und das Finden von Lösungen stabiler daraus hervorging. Ich hoffe nicht, dass wir jemals in der Bundesrepublik einer solchen Prüfung unterzogen werden.

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