„Was Russland einnimmt, sind Steinwüsten“

Russland nimmt nächste Städte ins Visier: Experte erklärt, warum es jetzt schwierig wird

Auf diesem von der Militärverwaltung der Region Luhansk zur Verfügung gestellten Foto sind am frühen Sonntag, 3. Juli 2022 beschädigte Wohngebäude in Lyssytschansk in der Region Luhansk in der Ukraine zu sehen.

Auf diesem von der Militärverwaltung der Region Luhansk zur Verfügung gestellten Foto sind am frühen Sonntag, 3. Juli 2022 beschädigte Wohngebäude in Lyssytschansk in der Region Luhansk in der Ukraine zu sehen.

Nachdem die russischen Streikkräfte mit Lyssytschansk die letzte ukrainische Festung in der Provinz Luhansk eingenommen haben, rücken sie nun weiter nach Donezk vor. Dort versuchen sie nach Angaben des ukrainischen Generalstabs, die nur 20 Kilometer von Slowjansk entfernten Ortschaften Bohorodytschne, Dolyna und Masaniwka einzunehmen.

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„Bei den Eroberungen von Lyssytschansk gab es dramatische Verluste auf beiden Seiten“, so die Beobachtung von Christian Mölling, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und Leiter des Programms Sicherheit und Verteidigung. „Aber die Ukraine hat es geschafft, Russlands Vormarsch zu verlangsamen.“ Um die nächsten größeren Städte wird Russland laut dem Sicherheitsexperten aber wohl wochenlang oder sogar über Monate kämpfen müssen. „Diese Städte, zum Beispiel Slowjansk, sind viel stärker befestigt“, sagt Mölling dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Sie sind wie eine Festung und stellen für Russland eine große Herausforderung dar.“

Luhansk vollständig erobert: Rückzug ukrainischer Streitkräfte aus Lyssytschansk

Nach wochenlangen Kämpfen haben russische Truppen nach eigener Darstellung die gesamte Region Luhansk erobert.

Auch die mehr und mehr eintreffenden westlichen Waffensysteme mit höherer Reichweite würden es Russland zunehmend schwerer machen.

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„Russland wird Wochen oder gar Monate brauchen, um die nächsten Städte einzunehmen.“

Christian Mölling,

Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und Leiter des Programms Sicherheit und Verteidigung

Russland hat Lyssytschansk nur unter einem enormen Aufwand einnehmen können. Russlands Präsident Wladimir Putin gratuliert den russischen Truppen zur „Befreiung“ der Region Luhansk. Der Großteil der einst 100.000 Bewohnerinnen und Bewohner ist allerdings geflohen und die Stadt weitgehend zerstört. „Was Russland in Donezk und Luhansk einnimmt, sind Steinwüsten“, sagt Thomas Jäger, Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln, dem RND. Putin wird seiner Einschätzung nach die eroberten Gebiete im Donbass in Russland eingliedern und Währung, Telekommunikation und Bildungssystem Russland angleichen. „Die geflüchteten Menschen werden wohl gezwungen werden, zurück in den Donbass zu kehren, wenn sie ihre Häuser und Wohnungen behalten wollen.“

„In der Konfliktregion wird mit Belarus ganz bewusst ein weiterer unberechenbarer Akteur ins Spiel gebracht.“

Thomas Jäger,

Professor für Internationale Politik und Außenpolitik an der Universität zu Köln

Dass Russland nach der Eroberung von Lyssytschansk die Region auch kontrollieren kann, hält Jäger für unwahrscheinlich – jedenfalls nicht ohne Militär. „Es dürfte eine fünfstellige Zahl an Soldaten nötig sein, um die Grenzen zu schützen und Aufstände zu verhindern.“ Für die Ukraine kommt es jetzt darauf an, welche schweren Waffen mit langer Reichweite und Luftverteidigungswaffen sie erhält. Sicherheitsexperte Mölling betonte, dass die Reichweite der russischen Artillerie sehr begrenzt ist. „Wenn die russischen Truppen vorrücken, kommen sie schnell in die Reichweite der westliche Artilleriesysteme – eine Art Todeszone.“

Unterstützung könnte Russland im Krieg gegen die Ukraine vom Nachbarland Belarus erhalten. „Wir haben praktisch eine Armee mit Russland“, sagte der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko. Er habe Putins Vorgehen „vom ersten Tag an“ unterstützt. Lukaschenko hat bisher zwar vermieden, eigene Soldaten in die Ukraine zu schicken. Allerdings sind russische Einheiten in Belarus stationiert und feuern von dort auf Ziele in der Ukraine.

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„Die russische Artillerie ist sehr begrenzt und wenn die russischen Truppen vorrücken, kommen sie schnell in die Reichweite der westliche Artilleriesysteme – eine Art Todeszone.“

Christian Mölling,

Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und Leiter des Programms Sicherheit und Verteidigung

„Mit den erneuten Drohungen wollen Putin und Lukaschenko die Abschreckung gegenüber dem Westen verschärfen, auch mit der Raketenstationierung in Belarus“, so die Einschätzung von Experte Jäger. „In der Konfliktregion wird mit Belarus ganz bewusst ein weiterer unberechenbarer Akteur ins Spiel gebracht.“ Er verweist darauf, dass die belarussische Armee als wenig schlagkräftig gilt. „Aber kleine Angriffe von Belarus könnten dazu führen, dass die Ukraine eine weitere Front verteidigen muss.“ Das würde die Verteidigung weiter erschweren.

Verlust von Lyssytschansk: Selenskyj kündigt Rückeroberung an

Trotz des Rückzugs der ukrainischen Armee aus der Stadt Lyssytschansk im Osten der Ukraine, sieht Selenskyj sie noch nicht als verloren an.

Doch auch DGAP-Forschungsdirektor Mölling gibt zu bedenken, dass es in der belarussischen Armee wenig Sympathie gebe, sich an dem Krieg Russlands zu beteiligen. „Belarus ist deshalb sehr verhalten, spielt auf Zeit und versucht, nicht in den Krieg hineingezogen zu werden.“

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