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Ärzteverband Marburger Bund im Interview

Masken, Impfpflicht, Corona-Welle im Herbst: Entgleitet der Politik das Coronavirus?

Susanne Johna, Vorsitzende des Marburger Bundes, kritisiert die Abschaffung der Maskenpflicht.

Schauen Sie eigentlich noch jeden Morgen auf die Corona-Zahlen, Frau Johna?

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Vielleicht nicht jeden Morgen, aber die Infektionszahlen sind weiterhin wichtig und geben uns eine Orientierung. Wir sehen ganz eindeutig einen Zusammenhang zwischen der Inzidenz und den Krankenhausaufnahmen. Das Infektionsgeschehen bewegt sich auf einem hohen Niveau und viele Krankenhäuser kommen gerade wieder an ihre Grenzen. Es kann also nicht davon gesprochen werden, dass die Krankenhausaufnahmen von der Inzidenz entkoppelt sind, wie manche meinen. Nur ist die Hospitalisierungsrate jetzt geringer als bei den früheren Corona-Wellen.

„Mein Eindruck ist, die Politik schaut nicht mehr genau auf die Belastung der Krankenhäuser.“

Susanne Johna,

Vorsitzende des Marburger Bundes

Trifft das wegen der milderen Verläufe jetzt mehr die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte?

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Ja, das stimmt, dort ist die Belastung gerade besonders hoch. Viele niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen können die Versorgung nur noch sehr schwer aufrechterhalten, weil so viele Menschen mit Erkrankungssymptomen zu ihnen kommen, die häufig auf die Omikron-Variante BA.2 zurückzuführen sind. Erste Untersuchungen zeigen, dass an dieser Variante deutlich mehr Menschen erkranken als noch bei der ersten Omikron-Welle.

Ende der Maskenpflicht: Was raten die Experten?

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Obwohl Krankenhäuser und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte unter einer enormen Belastung stehen, fallen nun fast überall auch die letzten Corona-Maßnahmen. Hört die Politik die Rufe der Krankenhäuser nicht?

Mein Eindruck ist, die Politik schaut nicht mehr genau auf die Belastung der Krankenhäuser. Dies macht sich auch jetzt in der Diskussion um die Hotspotregelung bemerkbar. Da wird argumentiert, es gebe zwar eine Belastung, aber keine Überlastung der Krankenhäuser oder des Gesundheitswesens. Die Frage ist doch, wann beginnt die Überlastung? Sind die Kliniken erst dann überlastet, wenn sie Triage in der Notaufnahme machen müssen? So weit dürfen wir es nicht kommen lassen. Die Situation in den Krankenhäusern muss wieder stärker in den Fokus rücken.

„Es wäre ein Fehler, das Coronavirus jetzt zu unterschätzen.“

Susanne Johna,

Vorsitzende des Marburger Bundes

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Was raten Sie?

Ich kann nur an die Länder appellieren, die Maskenpflicht in möglichst vielen Bereichen beizubehalten. Die FFP2-Masken haben sich neben der Impfung als sehr probates Mittel zur Pandemiebekämpfung herausgestellt. Angesichts der hohen Inzidenzen bleiben Masken weiterhin wichtig. Am Ende können wir Ärztinnen und Ärzte aber nur an die Menschen appellieren, auch ohne besondere Vorschrift weiterhin eine Maske zu tragen. Das betrifft vor allem Innenräume, in denen sich viele Menschen aufhalten. Dass jetzt – bei diesem Infektionsgeschehen – in vielen Geschäften keine Maskenpflicht mehr gilt, halte ich aus medizinischer Sicht für falsch. Gerade in Supermärkten und Restaurants sind Masken weiterhin von großer Bedeutung, um Infektionen einzudämmen.

Klinikärzte fordern bessere Arbeitszeiten und mehr Geld

An kommunalen Kliniken in ganz Deutschland gab es am Donnerstag Warnstreiks.

Angesichts der umfangreichen Lockerungen haben viele Menschen aber den Eindruck, Corona sei jetzt vorbei.

Ja, es wäre schön, wenn die Pandemie vorbei wäre – ist sie aber nicht. Wir sehen jetzt sehr viele leichtere Corona-Fälle, und jüngere Menschen haben eine Corona-Erkrankung meist nach einer Woche gut überstanden. Wir dürfen aber nicht vergessen: Auch diese Menschen sind krank, fallen am Arbeitsplatz aus und infizieren in ihrem familiären Umfeld sehr häufig andere Menschen. Mich besorgt außerdem, dass ein Teil der Menschen nach ihrer Corona-Infektion über einen längeren Zeitraum mit gesundheitlichen Folgen zu kämpfen hat. Leider gibt es nach wie vor keine verlässlichen Angaben darüber, wie viele Menschen nach einer Infektion unter Long Covid leiden und noch gibt es auch keine guten Behandlungsmöglichkeiten. Die Fälle, die wir aus der Alpha- und Delta-Welle kennen, sind aber besorgniserregend genug. Es wäre ein Fehler, das Coronavirus jetzt zu unterschätzen.

„Wenn es keine Mehrheit für eine Impfpflicht ab 18 Jahren gibt, brauchen wir zumindest eine Impfpflicht für alle ab 50 Jahren.“

Susanne Johna,

Vorsitzende des Marburger Bundes

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Lassen Sie uns nach vorne schauen: Wie blicken Sie auf den Herbst?

Ich mache mir große Sorgen, dass wir im Herbst in eine neue große Welle geraten und schon wieder ein Déjà-vu erleben. Wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Wir sehen den Herbst am Ende des Tunnels und haben die große Befürchtung, dass die Krankenhäuser wieder enormen Belastungen ausgesetzt sind, wir wieder planbare Eingriffe verschieben müssen und es wieder umfangreiche Corona-Maßnahmen braucht. Bereits die letzte Welle hat die Krankenhäuser an den Rande ihrer Belastungsgrenze gebracht. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kliniken haben bereits gekündigt oder zumindest ihre Arbeitszeit reduziert. Wir können uns keine weitere Corona-Welle in einem Ausmaß wie bisher leisten.

Was hilft aus Ihrer Sicht am besten?

Am wichtigsten ist eine vorübergehende Impfnachweispflicht, um eine Überlastung der Kliniken zu verhindern. Denn nur knapp 60 Prozent der Bundesbürger haben bisher eine Auffrischimpfung erhalten und die Impfquote stagniert seit Wochen. Damit die Impfpflicht auch rechtzeitig gegen eine weitere Corona-Welle wirken kann, müssen wir uns beeilen und dürfen nicht mehr wochenlang warten.

Wie sehen Sie die Chancen für eine Impfpflicht?

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Ich hatte gehofft, dass sich eine Impfpflicht ab 18 Jahren durchsetzt. Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Wenn es keine Mehrheit für eine Impfpflicht ab 18 Jahren gibt, brauchen wir zumindest eine Impfpflicht für alle ab 50 Jahren. Wichtig ist, dass wir diese Nachweispflicht jetzt sofort einführen und nicht erst im Herbst. Denn dann ist es zu spät. Wir haben in dieser Pandemie oft genug erlebt, dass die Politik erst einmal abgewartet und dann viel zu spät reagiert hat. Immer hieß es, das konnte ja keiner vorher wissen. Es stimmt, dass wir auch jetzt nicht genau wissen, wie sich die Pandemie im Herbst entwickeln wird. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir dann eine weitere Welle oder neue Virusvariante haben werden. Weltweit gibt es noch immer einen sehr hohen Anteil Ungeimpfter, unter denen sich neue Virusvarianten entwickeln können.

Höhepunkt der aktuellen Corona-Welle wahrscheinlich erreicht

Die Corona-Inzidenzen in Deutschland waren zuletzt so hoch gestiegen wie noch nie zuvor in der Pandemie. Jetzt deutet sich eine leichte Entspannung an.

Auch viele der Geflüchteten aus der Ukraine sind ungeimpft.

Ja, die gesundheitliche Betreuung der Geflüchteten aus der Ukraine muss deutlich vereinfacht werden. Das betrifft nicht nur die Corona-Impfung, die wir viel niedrigschwelliger anbieten müssen, sondern auch andere Impfungen. Wir brauchen kurzfristig pragmatische und unbürokratische Lösungen. Konkret heißt das: Jeder registrierte Geflüchtete soll in ein Impfzentrum gehen und dort eine Schutzimpfung gegen Corona bekommen können, anstatt erst Anträge bei den Kommunen stellen zu müssen. Daneben gilt es noch weitere bürokratische Hürden zu überwinden. In einigen Bundesländern gibt es gar keine Regelung zur Frage, ob Geflüchtete auch eine elektronische Gesundheitskarte erhalten.

Aber eine Behandlung ist doch trotzdem möglich, oder?

Grundsätzlich schon, aber Ärztinnen und Ärzte müssen einen hohen bürokratischen Aufwand betreiben, damit das Krankenhaus am Ende die Behandlungskosten auch erstattet bekommt. Wir haben aber im Moment wirklich alle etwas Besseres zu tun, als Formulare auszufüllen. Dabei gibt es gut erprobte Möglichkeiten, wie das sogenannte „Bremer Modell“. Dabei handelt es sich um eine Gesundheitskarte für Geflüchtete, bei denen das Sozialamt den Krankenhäusern die Kosten direkt erstattet. Die Geflüchteten müssen sich also nicht erst ein Behandlungsschein vom Sozialamt abholen. Dieses System hat sich auch bei den vielen Geflüchteten 2015 bewährt.

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