Marcos und Co.: Warum in den Philippinen immer dieselben Familien an der Spitze stehen

Aus einer der einflussreichsten Familien des Landes: Ferdinand Marcos Junior.

Aus einer der einflussreichsten Familien des Landes: Ferdinand Marcos Junior.

Manila. „Außer Korruption bringen sie doch nichts!“, schimpft Herminio Dizon, während er seinen Blick fest auf die sich verdichtende Straße richtet. Es ist kurz vor 16 Uhr, aber die abendliche Rushhour beginnt in Manila schon jetzt. So stark ist das Aufkommen von Autos hier jeden Tag, dass viele Pendlerinnen und Pendler entweder möglichst früh oder spät ihren Arbeitsplatz verlassen, um den Verkehr zu entzerren. Krasse Staus entstehen trotzdem. „Für sieben Kilometer werden wir jetzt ungefähr eine Stunde brauchen. Das ist die Schuld der korrupten Dynastien“, sagt Dizon.

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Der 60-jährige Taxifahrer aus der philippinischen Hauptstadt hat Gründe für seine Wut. Er weiß, dass kaum irgendwo auf der Welt die Verkehrslage so desolat ist wie in Manila. Und dass sich sein Land durch die hohe Konzentration von Wohlstand auf wenige Familien auszeichnet, von denen viele auch noch den Staat regieren. „Die Philippinen sind eigentlich ein reiches Land. Wir hätten das Geld, um die Verkehrssituation zu verbessern. Mit U-Bahnen und besseren Straßen. Aber die Dynastien bereichern nur sich selbst“, sagt Dizon.

Was beim Zuhören zuerst nach Polemik klingt, ist eine Einschätzung, die im südostasiatischen Land nahezu Konsens ist: Wenige Familien haben viel Macht und setzen diese nicht zuletzt im Dienst des eigenen Wohlstands ein. Rund 250 „politische Dynastien“ in den Philippinen vererben ihre Ämter praktisch über Generationen. Die neue Regierung, die im Juli ihre Arbeit aufgenommen hat, ist das jüngste Beispiel: Präsident Ferdinand Marcos ist der Sohn des einstigen gleichnamigen Diktators, Vizepräsidentin Sara Duterte wiederum ist die Tochter des vorherigen Präsidenten Rodrigo Duterte.

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Der nun aus dem Amt geschiedene Duterte konnte gleich mehrere seiner Kinder in politischen Ämtern unterbringen: Sein Sohn Sebastian ist der jetzigen Vizepräsidentin Sara auf den Bürgermeisterposten der südlichen Stadt Davao gefolgt. Paolo Duterte, ein weiterer Sohn von Rodrigo, wurde ins House of Representatives gewählt. Ähnlich sieht es mit der Marcos-Dynastie aus: Schon der Vater des Diktators Marcos war Politiker. Sandro Marcos, der älteste Sohn des nun als Präsident regierenden Ferdinand Marcos Junior, ist erst 28 Jahre alt und schon Kongressmitglied.

Theoretisch ist es so: Abgeordnete müssen sich der Wiederwahl stellen und können durch das Votum des Wahlvolks durch andere Kandidaten ersetzt werden. In der Praxis aber geschieht dies kaum. „Auf viele Menschen, vor allem solche ohne höhere formale Bildung, üben altbekannte Namen eine große Anziehungskraft aus“, sagt Ellen Tordesillas, langjährige Journalistin für das Faktencheckportal Verafiles und Kritikerin politischer Dynastien. „Den Dynastien gelingt es häufig, die Unterstützung ihrer lokalen Basis in der Provinz zu sichern.“

Die Beliebtheit in den Heimatregionen der Politikerfamilien gelinge einerseits durch Vorzeigeprojekte wie Infrastrukturinvestitionen, andererseits aber durch enge Zusammenarbeit mit lokalen und mittlerweile auch sozialen Medien sowie ein Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten. Dies wiederum hat einen wichtigen Ursprung in der mehr als 300 Jahre währenden spanischen Kolonialgeschichte des Landes. Zwar hatte es Privilegien durch Verwandtschaft schon vor Beginn der spanischen Herrschaft ab 1565 gegeben, wurde dann aber manifestiert.

Ab 1898 beherrschte die USA das Land

Als ab 1898 die USA das Land beherrschten, wurde die alte Ordnung formal abgeschafft, blieb in weiten Teilen dennoch bestehen. Kritische Beobachterinnen und Beobachter sehen hierin einen Zusammenhang damit, dass das Vermögen der reichsten Familien immer wieder schneller wächst als die Volkswirtschaft insgesamt und dass die Philippinen in internationalen Korruptionsvergleichen regelmäßig schlecht abschneiden. Laut einer Umfrage von Transparency International finden 86 Prozent der Menschen im Land, dass Korruption ein großes Problem ist. Generell wird dies mit den Dynastien in Verbindung gebracht.

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Taxifahrer Herminio Dizon, der die im Jahr 1986 durch eine Demokratierevolution beendete Diktatur von Ferdinand Marcos Senior miterlebte, erwähnt die Milliarden US-Dollar, mit denen sich die Familie Marcos am Staat bereichert hat. Kritiker und Kritikerinnen der liberaleren Regierungsoberhäupter ab 1987 betonen, dass auch unter den Namen Aquino und Arroyo, aus deren Familien es jeweils zwei Präsidenten gegeben hat, die Korruption aufgeblüht sei.

Dabei dürfte es dieses Problem eigentlich nicht mehr geben. Die nach dem Ende der Marcos-Diktatur verabschiedete und seit 1987 gültige demokratische Verfassung verbietet politische Dynastien ausdrücklich. Nur wurde nie ein Gesetz beschlossen, das genauer definiert, was eine Dynastie ist oder wie deren gesetzeswidriges Aufkommen zu behandeln wäre. „Wie sollte so etwas auch durchs Parlament gehen?“, fragt die Journalistin Ellen Tordesillas mit zynischem Unterton. „Diejenigen, die darüber abstimmen, würden damit die Grundlage ihrer Macht angreifen.“

Zuletzt vor vier Jahren brachte der Abgeordnete Francis Pangilinan einen entsprechenden Gesetzesentwurf ein, der eine Dynastie als Abfolge miteinander verwandter Politikerinnen oder Politiker definierte und für dessen Aufkommen Strafen vorsah. Während sich der Text zwar eng an die allgemeineren Erwähnungen in der Verfassung hielt, war der Entwurf nicht mehrheitsfähig – obwohl sich der damalige Präsident Rodrigo Duterte gern als Außenseiter und Gegner alter Eliten stilisierte.

Eintrag ins Gästebuch: Gerade erst besuchte US-Außeminister Antony Blinken das Land.

Eintrag ins Gästebuch: Gerade erst besuchte US-Außeminister Antony Blinken das Land.

Nur hat Duterte, der ursprünglich aus der ärmeren Mittelschicht stammt, längst seine eigene Dynastie begründet. Und nicht nur deshalb ist unwahrscheinlich, dass dieses in den Philippinen allseits anerkannte Pro­blem von Macht durch Blut in den nächsten Jahren gelöst wird. Schließlich regiert mit Ferdinand Marcos Junior nun ein Mann, dessen Vater einst von Demokratieaktivisten und ‑aktivistinnen aus dem Land getrieben wurde. Der Sohn hat es mit aufwendigen PR-Kampagnen und langem Atem geschafft, seine Familie wieder an die Macht zu bringen.

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Dessen Sohn Sandro wiederum hat Dynastien gegenüber Medien als etwas „Natürliches“ bezeichnet. Das passt zur Beobachtung von Daniel Bruno Davis, einem Politikwissenschaftler der US-amerikanischen University of Virginia. Gegenüber dem Sender ANC sagte Davis jüngst: „Die politischen Parteien sagen den Wählern nicht, wofür sie stehen. Am Ende geht es nur um die Persönlichkeiten.“ Und dies sei durchaus gewollt. Denn je stärker der Klang eines etablierten Familiennamens nachhallt, desto erfolgreicher die Zementierung einer Dynastie.

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