New York ist zurück – aber anders

Die Bars sind voll, die Partys zurück: New Yorker am Times Square.

Die Bars sind voll, die Partys zurück: New Yorker am Times Square.

New York. Josh Weinberg und seine Frau Tania leben seit Jahrzehnten in New York. Und bevor die Pandemie kam, hätten sie sich nie träumen lassen, dass sie einmal die Stadt verlassen würden. Tania ist Kuratorin und Direktorin einer Kunststiftung, ihr Berufsleben dreht sich um die New Yorker Kunstwelt. Josh ist niedergelassener Psychotherapeut.

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Doch als sich im Sommer des vergangenen Jahres die Krise in der Stadt immer länger hinzog, verloren Josh und Tania die Nerven. Sie waren mit ihrem kleinen Baby rund um die Uhr in ihrer Harlemer Wohnung eingesperrt und versuchten, online ihre Geschäfte am Leben zu halten. Auf den Straßen von Harlem tobten Woche für Woche Black-Lives-Matter-Unruhen, und die Schießereien in der Nacht nahmen wöchentlich zu. Im Juli gaben Josh und Tania dann schließlich auf und mieteten ein Haus in den Catskills, einem waldigen Mittelgebirge rund 200 Kilometer nördlich der Stadt.

Mittlerweile haben sie sich dort eingerichtet. Sie haben ein Haus mit einem großen Grundstück gekauft, wo ihre jetzt ein Jahr alte Tochter frei herumlaufen und in einem kleinen Wäldchen spielen kann. Sie haben Gefallen am Gärtnern gefunden, Tania hat im Ort ein Yogastudio entdeckt, und am Wochenende fahren sie an einen nahe gelegenen See zum Baden. New York scheint unendlich weit weg zu sein.

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Doch ab September geht in der Millionenstadt endgültig das Leben wieder los. Nachdem bereits im Frühjahr die Läden, die Restaurants und Bars, die Museen, Galerien, Fitnessstudios und Sportplätze wieder öffneten, soll im Herbst auch das restliche kulturelle Leben hochgefahren werden. Die Theater am Broadway machen wieder auf, die Schulen und Universitäten gehen auf vollen Betrieb. „New York Is Back“, wie auf Plakaten der Stadt überall zu lesen ist.

Menschen nehmen an einer gemeinsamen Yogastunde inmitten des Times Square teil.

Menschen nehmen an einer gemeinsamen Yogastunde inmitten des Times Square teil.

Josh und Tania sind aber noch zögerlich. Sie werden sich auf gar keinen Fall gleich wieder voll in ihr New Yorker Leben stürzen. „Erst mal eine Mischlösung, ein paar Tage pro Woche vielleicht“, sagt Josh. Ganz werden sie ihr Landidyll bestimmt nicht aufgeben, und das nicht nur, weil auch in New York trotz hoher Impfzahlen die Inzidenzwerte bedenklich steigen. Es herrscht auch insgesamt eine Verunsicherung, wie es mit der Stadt weitergeht.

An der Oberfläche gibt es in New York seit Monaten wieder ganz viel Normalität. Die ­U-Bahn-Zü­ge zum Strand von Coney Island sind an heißen Sommertagen so voll, als hätte es nie eine Pandemie gegeben. Und am berühmten Nathan’s-Hot-Dog-Stand an der Surf Avenue musste man im Juli schon wieder eine halbe Stunde anstehen, um sein Würstchen zu bekommen.

Partystimmung im Washington Square Park

Im Washington Square Park in der Mitte des Boheme-Viertels Greenwich Village herrscht schon seit Juni Partystimmung. Seit sich hier im vergangenen Sommer regelmäßig Black-Lives-Matter-Protestierende versammelten, hat sich der Park zum Treffpunkt junger Menschen aus der ganzen Stadt und zur angesagten Partylocation entwickelt.

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Der große Treppenaufgang des Metropolitan Museums an der Fifth Avenue ist wieder wie vor der Pandemie voller Menschen, die vor oder nach ihrem Besuch in der Sonne sitzen, ein Eis von einem der vielen am Museum geparkten Trucks essen und die Sonne genießen. Im Inneren windet sich die Eintrittsschlange kreuz und quer durch die monumentale Eingangshalle, und vor den Gemälden der beliebtesten Ausstellungen wird geschoben und gedrängelt wie eh und je.

Die ersten Jazzclubs im Village bieten Livekonzerte an, in den Nachtclubs in Chelsea wie dem Marquee oder dem Tao wird bis 4 Uhr morgens aufgelegt. Und an der Ninth Avenue in Hell’s Kitchen, dem schwulen Bardistrikt der Stadt, hat man am Gay-Pride-Wochenende ausgelassen gefeiert.

Nicht alles so, wie es vor der Pandemie war

Doch wenn man genauer hinschaut, dann wird deutlich, dass in New York noch lange nicht alles wieder so ist, wie es vor Ausbruch der Pandemie einmal war.

An den Times Square etwa, dem geografischen und symbolischen Zentrum Manhattans, ist zwar einiges von der hektischen Betriebsamkeit zurückgekehrt. Die große Kreuzung von Broadway und Seventh Avenue, die auf dem Höhepunkt der Pandemie vor einem Jahr gespenstisch leer gefegt war, ist wieder voller Leben. Doch das Publikum ist ein deutlich anderes geworden.

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Die große Plaza zwischen den monumentalen LED-Werbetafeln wird beherrscht von afroamerikanischen und Latinojugendlichen aus den Außenbezirken, die sich hier treffen, Musik hören, tanzen und flirten. Touristenmassen aus aller Welt, die Selfies machen, auf eine Stadtrundfahrt warten oder versuchen, ein günstiges Ticket für eine Broadway-Show zu ergattern, gibt es hingegen nicht mehr. Für die meisten Besucherinnen und Besucher aus europäischen und asiatischen Ländern gibt es noch Einreisebeschränkungen, und die Broadway-Theater sind noch geschlossen.

Plakatwerbung für Corona-Schutzimpfungen: Diejenigen, die sie sich verabreichen lassen, bekommen Freifahrten.

Plakatwerbung für Corona-Schutzimpfungen: Diejenigen, die sie sich verabreichen lassen, bekommen Freifahrten.

Und wie es dann mit dem Broadway weitergeht, ist noch immer ungewiss. Auch im Herbst werden die Touristinnen und Touristen noch lange nicht in vollem Umfang zurückkommen, und die Theater dürfen noch lange nicht mit voller Kapazität arbeiten. Wie die Theaterbranche, die vor der Corona-Krise jährlich 1,7 Milliarden US-Dollar eingespielt hat und jetzt extrem leidet, das übersteht, ist ungewiss.

Das Gleiche gilt für die Tourismusbranche, einen der Stützenpfeiler der New Yorker Wirtschaft. Vor der Pandemie generierte der Tourismus in New York beinahe 40 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr und annähernd 10 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen. Im vergangenen Jahr sanken diese Zahlen auf praktisch null.

Nun ist zumindest der inneramerikanische Tourismus langsam angelaufen. Man sieht am Times Square wieder Familien aus dem Mittleren Westen, die sich in einem für New Yorker unerträglich langsamen Tempo auf dem Bürgersteig entlangbewegen und etwas ängstlich um die Jugendlichen aus der Bronx herumschleichen. Doch der internationale Tourismus fehlt schmerzlich.

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Das spürt kaum jemand so sehr wie Sanel Huskanovic, ein serbisch-stämmiger Deutscher, der vor der Pandemie am Times Square ein Reisebüro für deutsche und italienische Touristen betrieb. Huskanovic musste sein Büro schließen und 50 Mitarbeiter entlassen. Er gab seine Luxuswohnung in Brooklyn auf und zog mit einem Freund zusammen in eine WG. Und es ist für ihn kein Ende dieser Situation in Sicht.

Immerhin produziert er mittlerweile wieder für seine deutschen Fans in den sozialen Medien Videos von den Straßen von New York. „Ich gebe nicht auf“, sagt er. „Ich habe mir schon einmal als mittelloser Einwanderer aus dem Nichts etwas aufgebaut.“ Und so glaubt er fest daran, dass er das auch diesmal wieder schafft.

Auch eine andere Gruppe, die vor Corona den Times Square bevölkert hat, ist noch nicht zurückgekehrt. Von den Büroangestellten, die einst in den gläsernen Bürotürmen des zentralen Businessdistrikts gearbeitet haben, ist bislang nur ein Bruchteil zurückgekommen. Die Foodtrucks, die hier um die Mittagszeit Hochkonjunktur hatten, sind bis heute nicht wieder da. Entlang des Broadways, einst eine Premiumlocation für den Einzelhandel, stehen in einem guten Drittel der Schaufenster Schilder mit der Aufschrift „zu vermieten“.

Viele sollen im Homeoffice bleiben – das spart Büromieten

Ob der zentrale Geschäftsdistrikt von New York, Motor der Wirtschaft des ganzen Landes, jemals seine nervöse, hektische Energie zurückbekommt, steht noch immer in den Sternen. Büroangestellte von Midtown-Firmen berichten davon, dass die Rückkehr an den Arbeitsplatz im Herbst optional sei. Für die meisten Angestellten sind keine fixen Büros mehr vorgesehen, sondern flexible Arbeitsplätze. Die Firmen haben entdeckt, dass sie Millionen an Mietkosten im teuersten Karree der Welt sparen können.

Das sichtbarste Symbol der Wolkenkratzerkrise in der Stadt sind derzeit zweifellos die mitten in die Pandemie hineingebauten Hudson Yards. Das als schillernde Luxusstadt geplante Ensemble von Designerhochhäusern im Westen Manhattans ist seit dem Beginn der Pandemie zur Geisterstadt verkommen. Die Prestigewohnungen des 25-Milliarden-Dollar-Projekts stehen leer, in den exklusiven Boutiquen langweilen sich die Verkäuferinnen und Verkäufer. Die „Vessel“, eine als neue New Yorker Großattraktion gedachte begehbare Großskulptur, hat sich zur morbiden Metapher des Niedergangs gewandelt. Allein in diesem Jahr haben sich drei Menschen von dem 100 Meter hohen Gebilde in den Tod gestürzt.

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Die Langzeitfolgen der Krise für die Stadt sind noch lange nicht abzusehen. Da ist zum einen die Frage, was aus dem Zentrum Manhattans wird, dessen Treiben und dessen Energie Synonym ist für den speziellen Spirit der Stadt. Wird New York je wieder das dynamische Zen­trum der dynamischsten Wirtschaft der Welt – oder entsteht hier eine ganz neue urbane Kultur?

New Yorker genießen ihre Freizeit in einem Park.

New Yorker genießen ihre Freizeit in einem Park.

Vor allem jedoch macht sich die Stadt um die Steuereinnahmen von kommerziellen Mietern und dem Tourismus Sorgen, die ganz sicher auch im kommenden Jahr noch lange nicht wieder an das Vor-Corona-Niveau werden heranreichen können. Dabei benötigt das Stadtsäckel dringend das Steuergeld von Banken, Technologiefirmen und Urlaubenden. Im kommenden Jahr wird der Stadthaushalt voraussichtlich eine Lücke von 5,4 Milliarden Dollar aufweisen.

Dieses Defizit wird nur eines der enormen Probleme sein, das der neue Bürgermeister von New York mit auf den Weg bekommt, wenn er Anfang des Jahres 2022 sein Amt antritt. Die bevorstehende Wahl im November wird von vielen Beobachterinnen und Beobachtern sowie Bürgerinnen und Bürgern als die wichtigste seit den Siebzigerjahren angesehen, als New York bankrott war, die ärmeren Stadtviertel zu abgebrannten Slums verkamen und die Gewaltkriminalität völlig außer Kontrolle geraten war.

Die Ära des unbegrenzten Wachstums ist vorbei

Nicht wenige New Yorker befürchten, dass die Stadt wieder in diese „bad old days“ verfallen könnte, wenn im Januar der falsche Mann das Ruder übernimmt. Die Ära des unbegrenzten Reichtums und Wachstums ist mit der Pandemie jäh zu Ende gegangen, die Kandidaten der Vorwahlen malen Horrorszenarien von drohender Verwahrlosung und Anarchie.

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Dabei waren viele der Probleme der Stadt, die sich durch Corona verschärft haben, schon lange vorher abzusehen – die extreme soziale Ungleichheit etwa, die die Pandemie unübersehbar gemacht hat. In armen, schwarzen und Latinobezirken wie Harlem und der Bronx waren die Infektions- und Todeszahlen um ein Vielfaches höher als in den wohlhabenden weißen Gegenden. Beengte Wohnverhältnisse, der Zwang, trotz allem zur Arbeit gehen zu müssen, und die medizinische Unterversorgung haben hier die Epidemie voll durchschlagen lassen.

Hinzu kommt eine Obdachlosenkrise, die völlig außer Kontrolle geraten ist. Rund 70 000 New Yorkerinnen und New Yorker haben kein Heim, und der derzeitige Bürgermeister Bill de Blasio hat es nicht geschafft, auch nur ansatzweise eine Besserung herbeizuführen, obwohl genau dies eines seiner zentralen Wahlkampfversprechen war.

Trend zu immer größerer Ungleichheit

Die Pandemie hat den Trend zu immer größerer sozialer Ungleichheit deutlich verschärft. In den Außenbezirken ist die Arbeitslosigkeit noch immer deutlich höher als in Manhattan. Während die Dienstleister und Finanziers in ihren Wochenendhäusern auf Long Island am Computer ihren Geschäften nachgehen, sitzen die Wachleute, das Reinigungspersonal, die Straßenverkäufer und die Chauffeure auf der Straße.

Gänzlich neu ist indes, dass die Gewaltkriminalität erstmals seit den Neunzigerjahren wieder extrem ansteigt. Im Jahr 2020 wurden in New York 462 Menschen erschossen, 45 Prozent mehr als im Jahr davor. Alles deutet darauf hin, dass es 2021 noch wesentlich mehr werden.

Über die Gründe für den Anstieg der Gewalt sind sich die Soziologinnen und Soziologen weitestgehend einig. „Die marginalisierten und isolierten Gruppen der Gesellschaft, die für Gewalt am anfälligsten sind, fühlen sich durch die Pandemie noch stärker vernachlässigt als vorher“, sagt Thomas Abt, Direktor der nationalen Kommission für durch die Pandemie ausgelöste Kriminalität. Und so leben viele in New Yorker erstmals seit mehr als 20 Jahren wieder in Angst davor, in Bandenkriege verwickelt zu werden, so wie jüngst sieben Passanten, die bei einer Schießerei zweier rivalisierender Gangs am helllichten Tag schwer verletzt wurden.

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Eric Adams soll nach Meinung vieler neuer Bürgermeister der Stadt werden.

Eric Adams soll nach Meinung vieler neuer Bürgermeister der Stadt werden.

Der Mann, der all dies jetzt richten soll, heißt Eric Adams. Der bisherige Stadtteilpräsident von Brooklyn hat die Bürgermeistervorwahl der Demokratischen Partei gewonnen und gilt somit als überlegener Favorit für den Posten. Adams gilt als genau der richtige Mann für diesen Augenblick. Der ehemalige Streifenpolizist hat die Vorwahl nicht zuletzt deshalb gewonnen, weil man ihn für fähig hält, die Kriminalität wieder in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig ist er als Afro­ameri­kaner aus einfachen Verhältnissen sensibel für die Nöte der Unterschicht. „Ich weiß, was der Beamte fühlt, der spät in der Nacht auf Streife ist. Ich weiß aber auch, was der schwarze Junge an der Ecke fühlt, der ständig Angst davor haben muss, mit dem Knie eines Polizisten im Nacken auf dem Asphalt zu landen“, sagte Adams in einem Interview mit der „New York Times“.

Anders, als der Milliardärsbürgermeister Michael Bloomberg, der über zwölf Jahre hinweg New York seinen eigenen Worten zufolge zum „Luxusprodukt“ gemacht hat, gilt Adams nicht als blind gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit in der Stadt. Aber er scheint auch – anders als sein direkter Vorgänger Bill de Blasio, der als extrem ineffektiv gilt – einer zu sein, der Dinge anpacken und bewegen kann.

Die Aufgaben, die sich vor Eric Adams auftürmen, scheinen überwältigend. Und so bleibt der Weg New Yorks in die Zukunft ungewiss. Josh und Tania Weinberg warten jedenfalls lieber erst einmal ab.

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