Trotzdem klarer Favorit

Niedrige Beteiligung, Unsicherheit bei Bürgern – Macron in Sorge vor Wahl in Frankreich

Paris: Ein Mann geht an Wahlkampfplakaten der französischen Präsidentschaftskandidaten vorbei. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich finden am 10. und 24. April 2022 statt.

Paris: Ein Mann geht an Wahlkampfplakaten der französischen Präsidentschaftskandidaten vorbei. Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich finden am 10. und 24. April 2022 statt.

Paris. Der aktuelle Amtsinhaber Emmanuel Macron ist laut Umfragen der klare Favorit bei der Präsidentenwahl in Frankreich am Sonntag. Aber es gibt eine große Unbekannte in diesem Rennen. Ungewöhnlich viele Wähler sagen, dass sie nicht sicher sind, für wen sie stimmen werden oder dass sie nicht vorhaben, wählen zu gehen. Und das bringt Ungewissheit in die Wahl.

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Der proeuropäische Politiker der Mitte führt in Umfragen weiter mit einem komfortablem Vorsprung vor seinen Mitbewerbern. Seine Hauptherausforderin, die weit rechts stehende Marine Le Pen, scheint aber in der jüngsten Zeit zugelegt zu haben. Beide sind somit in einer guten Position, die Stichwahl am 24. April zu bestreiten. Das wäre dann eine Wiederholung der Wahl von 2017, die Macron am Ende mühelos gewann.

Macron warnt vor Optimismus

Aber er warnt vor übermäßigem Optimismus, dass es diesmal so ausgehen wird. Es gebe „keine Sicherheit“, sagte er auf seiner ersten Großkundgebung am vergangenen Samstag in der Nähe von Paris. „Schenkt Umfragen oder Kommentatoren, die definitiv klingen und euch sagen, dass die Wahl schon gelaufen ist und alles glatt laufen wird, keinen Glauben. Vom Brexit bis hin zu so vielen Wahlen – was unwahrscheinlich erscheint, kann passieren!“ schrieb er seinen Anhängern ins Stammbuch.

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Jüngsten Umfragen zufolge könnte Le Pen mit einer besseren Ausgangsposition als 2017 in die Stichwahl gehen, die sie seinerzeit mit 34 Prozent der Stimmen zu 66 Prozent für Macron verlor. Demnach liegt sie derzeit zwar weiter hinter dem Präsidenten, aber die Lücke ist viel kleiner geworden – offenbar dank ihrer Strategie, ihre Rhetorik und ihr Image abzumildern. Das ermöglicht es ihr, sowohl Anti-Macron-Stimmen als auch Unterstützung von Rechtsaußen zu gewinnen.

Und dann ist da die sogenannte „McKinsey-Affäre“, die Macrons Wahlkampf seit Kurzem plagt. Der Begriff bezieht sich auf eine amerikanische Firma, die angeheuert wurde, um die französische Regierung bei deren Corona-Impfkampagne und anderen Maßnahmen zu beraten. Ein jüngster Bericht des französischen Senats wirft Fragen über die Benutzung privater Berater auf und wirft McKinsey vor, Steuern umgangen zu haben. Das Problem verfolgt Macron bei seinen Wahlkampfauftritten und ist Futter für seine Rivalen.

Dennoch befürchten viele in Macrons Lager, dass ein erheblicher Teil seiner Unterstützer bereits fest von einem Sieg ausgeht und deshalb auf eine Stimmabgabe verzichten wird. „Natürlich mache ich mir Sorgen“, sagt etwa der 28-jährige Julien Descamps, der Macrons Partei angehört.

Macron selbst hat dazu aufgerufen, sowohl gegen Frankreichs Rechtsaußen als auch Linksaußen mobil zu machen. „Buht sie nicht aus, bekämpft ihre Ideen“, sagte er. Zur letzteren Gruppe zählt Mitbewerber Jean-Luc Mélenchon, der seine Unterstützerbasis ausbauen konnte, aber in Umfragen weiter mit deutlichem Abstand hinter Le Pen auf dem dritten Platz liegt. Weitere Hauptherausforderer Macrons sind Eric Zemmour, ein anderer weit rechtsstehender Kandidat, und die Konservative Valérie Pécresse.

Wahlbeteiligung in Frankreich sinkt seit Jahren

Die Wahl des Staatsoberhauptes zieht in Frankreich traditionell die meisten Wähler an. Aber die Beteiligung ist von 84 Prozent 2007 auf etwa 78 Prozent 2017 gesunken, und Studien zeigen, dass diesmal noch mehr Franzosen den Wahlurnen fernbleiben könnten als vor fünf Jahren. Insbesondere junge Leute und Angehörige der Arbeiterschicht scheinen weniger zur Stimmabgabe zu neigen als Rentner und Wähler der oberen Schicht.

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Die 45-jährige Liza Garnier im Pariser Vorort Montmorency kann sich für niemanden unter den Bewerbern und Bewerberinnen erwärmen. „Ich glaube nicht mehr an das, was Politiker sagen. Sie machen viele Versprechungen, und wenn sie dann an der Macht sind, sind wir enttäuscht“, so Garnier. „Ich habe den Eindruck, dass mehr und mehr Leute denken, dass es nutzlos ist. Wählen, für wen? Für was?“ Sie selbst erwägt, einfach keinen Namen anzukreuzen, sogar auch in einem zweiten Wahlgang zwischen Macron und Le Pen. „Ich will zeigen, dass ich nicht zufrieden bin.“

Viele Wähler sind besorgt über die steigenden Preise insbesondere von Nahrungsmitteln und Energie. Soziale Leistungen, Immigration, Umwelt und Sicherheit zählen zu den weiteren Hauptanliegen. Aber ein großer Teil der Franzosen hat das Gefühl, dass diesen Fragen im laufenden Wahlkampf nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet worden ist, zum Teil deshalb, weil der Krieg in der Ukraine alle anderen Themen überschattet.

Kevin ist ein junger Geschichts- und Erdkundelehrer in einer öffentlichen Mittelschule in einem verarmten Vorort nördlich von Paris. Der 26-jährige, der sich als Linker bezeichnet, beklagt einen Mangel an politischer Debatte im Wahlkampf und sagt, dass er „sehr desillusioniert“ von der gegenwärtigen politischen Szene in Frankreich sei. Kevin, dessen Nachname nicht genannt werden kann, weil er als Staatsangestellter zur Neutralität vor Wahlen verpflichtet ist, überlegt noch, ob er überhaupt jemandem seine Stimme gibt. Macron und Le Pen, so sagt er, würden sie auf jeden Fall nicht erhalten.

Macron, der zuletzt die meiste Zeit mit diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Krieges verbracht hat, versucht nun seine kurze Wahlkampagne anzukurbeln, mit diversen Interviews und Auftritten. „Jetzt ist die Zeit zu mobilisieren“, sagte er am Samstag vor Anhängern. „Jetzt ist es Zeit zu kämpfen.“

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RND/AP

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