Weitere Gräueltaten erwartet

Putin sammelt seine Truppen für einen Großangriff auf die Ostukraine

Ein Konvoi russischer Panzer fährt bei Mariupol auf der Hauptstraße, die die Stadt mit Donezk verbindet. (Archivbild)

Ein Konvoi russischer Panzer fährt bei Mariupol auf der Hauptstraße, die die Stadt mit Donezk verbindet. (Archivbild)

Berlin/Lwiw. Während die westlichen Partner der Ukraine als Reaktion auf Gräueltaten verstärkte Waffenlieferungen in Aussicht stellen, lässt der russische Präsident Wladimir Putin seinen nächsten Militärschlag vorbereiten.

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In einem 400 Kilometer langen Viertelkreis fahren die um Kiew abgezogenen russischen Landstreitkräfte über eigenes Gebiet zum Ausgangpunkt eines möglichen weiteren Angriffs. Die Nato erwartet von dort eine baldige Großoffensive mit teils neu ausgerüsteten russischen Soldaten auf den Osten der Ukraine.

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Dabei gibt es noch keine endgültige Klarheit über die Ziele Putins: Ob er nach einem nun noch brutaler geführten Angriff schon im Mai einen Sieg verkünden und eine Verhandlungslösung suchen wird, oder - und davor warnte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg - „viele Monate oder sogar Jahre“ kämpfen lässt. Bemerkenswert: Militärexperten sagen der Deutschen Presse-Agentur, dass die russischen Kräfte auch bei ihrem zweiten Versuch nicht mit einem schnellen Sieg rechnen sollten, allerdings womöglich weiter rücksichtslos auf Zivilisten und die Infrastruktur feuern würden.

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Kräfteverhältnis zwischen russischen und ukrainischen Truppen stimmt „grundsätzlich nicht“

Ein grundsätzliches Problem benennt der deutsche Brigadegeneral Christian Freuding, Leiter des Lagezentrums Ukraine im Verteidigungsministerium und Kommandeur der Panzerlehrbrigade 9 in Munster. Es habe eine „Überdehnung der russischen Kräfte“ gegeben, sagt Freuding im Bundeswehr-Format „#nachgefragt“. „Beim Angriff sprechen wir von einem Kräfteverhältnis eins zu drei, wenn der Angriff erfolgversprechend sein soll. Also ganz konkret: Wir bräuchten eine dreifache russische Überlegenheit gegenüber dem ukrainischen Verteidiger“, sagte er. „Und wenn wir sogar in den Orts- und Häuserkampf gehen, gehen wir von Verhältnissen 1:8 bis 1:10 aus.“ Betrachte man aber die russischen und ukrainischen Kräfte unter diesem Blickwinkel, dann stimme für einen Sieg der Russen „das Kräfteverhältnis grundsätzlich nicht“.

Allerdings wird auch die westliche Hilfe für die Ukraine zu einem Rennen gegen die Zeit. Das mag auch die schrilleren Töne der ukrainischen Diplomatie erklären, die erlebt, dass sich die Bundesregierung erst und vor allem unter öffentlichem Druck bewegt. Der US-Kongress hatte im März einen Haushalt beschlossen, in dem 13,6 Milliarden Dollar humanitäre, wirtschaftliche und militärische Hilfe für die Ukraine vorgesehen sind.

Angriffe auf Kiews Nachschublinien

Die russische Armee setzt ihre Angriffe auf die Nachschublinien für ukrainische Einheiten in der Ostukraine fort. So wurde der Eisenbahnknotenpunkt Losowa im Gebiet Charkiw mit Raketen angegriffen, Gleise wurden zerstört. Im Gebiet Dnipropetrowsk werden beinahe täglich Treibstofflager und Fabriken mit Raketen angegriffen. Auch in übrigen Landesteilen sind vor allem Reservoirs mit Diesel, Benzin und Schmierstoffen Ziele der Angriffe mit Raketen. Zwei Erdölraffinerien in den Gebieten Poltawa und Odessa sollen komplett zerstört worden sein.

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Stoltenberg: Nato wird Hilfe für Ukraine verstärken

Das Land müsse in der Lage sein, der russischen Aggression zu widerstehen, sagt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach Beratungen der Außenminister.

Von Russland verlegte Truppen sind nach ukrainischen Angaben zum Teil bereits in der Ostukraine um die eroberte Stadt Isjum im Charkiwer Gebiet konzentriert worden. Ziel sei dabei der Vorstoß in Richtung der Stadt Slowjansk im Donezker Gebiet. Im benachbarten Luhansker Gebiet werden ähnliche Verstärkungen der russischen Einheiten beobachtet. Die russischen Truppen verstärken dabei den Beschuss der unter ukrainischer Kontrolle verbliebenen Städte Sjewjerodonezk, Rubischne und Lyssytschansk.

Russland wird weiter nach Süden gedrängt

Der Gouverneur des Gebiets, Serhij Hajdaj, erwartet den Start der russischen Offensive bereits zum Wochenende und macht Druck auf die verbliebenen Zivilisten, sich unverzüglich mit noch bereitstehenden Bussen und Zügen ins Landesinnere in Sicherheit zu bringen. „Ich denke, dass sie das Heranbringen aller Reserven bereits planen abzuschließen und dass sie in drei bis vier Tagen versuchen, eine Offensive durchzuführen“, sagte er am Mittwoch.

Im Süden drängten ukrainische Truppen russische Einheiten an der Grenze der Gebiete Dnipropetrowsk und Cherson anscheinend weiter nach Süden zurück. Größere Angriffsbemühungen der russischen Truppen scheinen dabei in diesem Gebiet auszubleiben. Alle Kräfte der Russen sind anscheinend auf die endgültige Eroberung der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer und den Einschluss der ukrainischen Armeeteile im Donbass konzentriert.

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Rückkehr Russlands in den Norden? „Sie haben keine Kräfte dafür“

Der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow sagte im ukrainischen Fernsehen zum Vorhaben des russischen Gegners: „Von Donezk und Luhansk und von Isjum bis Huljajpole versucht er den Kreis um unsere Truppen zu schließen.“ Doch trennen beide Stoßgruppen weiterhin rund 250 Straßenkilometer.

Eine Rückkehr der Russen in den Norden schließt Schdanow vorerst aus: „Sie haben keine Kräfte dafür.“ Alle verfügbaren Soldaten und die einsatzfähige Militärtechnik würden gerade in den Osten der Ukraine verlegt. „Wenn es im Osten nicht gelingt, dann wird es bereits keinen Sinn mehr machen, die verbliebenen Reste in die Nordukraine zu bringen“, betont Schdanow. Sollten die Russen im Donbass Erfolg haben, würde sich wieder die Frage der Eroberung der ostukrainischen Metropole Charkiw und der Hauptstadt Kiew stellen.

RND/dpa

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