Rio 2016: Wie aus Olympia ein Albtraum wurde

Picture taken on 07 February 2014 shows an aerial view of the Christ the Redeemer (Cristo Redentor) statue in front of Estadio do Maracana in Rio de Janeiro, Brazil

Altlasten: Olympia 2016 hat viele Sportstätten hinterlassen, die nicht mehr gebraucht werden.

Der Blick schweift über eine endlose Weite, auf den Parkplatzflächen wuchert das Unkraut. Das Wachhäuschen ist schon seit längerer Zeit verwaist, das Gittertor – bei den Olympischen Sommerspielen 2016 strengstens bewacht – steht weit offen. Hier kontrolliert keiner mehr. Wer in diesen Tagen über das weitläufige, mit sündhaft teuren Sportarenen gespickte Areal des Olympiaparks im Ortsteil Barra da Tijuca im brasilianischen Rio de Janeiro spaziert, ist ziemlich einsam. Dafür kreischen in der Höhe ein paar Greifvögel und hoffen wohl, das ein oder andere Nagetier auf der riesigen grau asphaltierte Fläche zu erwischen.

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Trostlos ist die Atmosphäre rund um den Olympiapark, für den zum Teil sogar eine Favela, ein Armenviertel, weichen musste. Das liegt zum einen an der Eventflaute durch die Corona-Pandemie, zum anderen allerdings auch daran, dass es an einem wirklich nachhaltigen Konzept für eine weitere Verwendung der Anlagen nach Ende der Olympischen Spiele fehlt. Die aktuelle Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro hat keine Ideen, nun liegt der Ball im Spielfeld von Bürgermeister Eduardo Paes, der die Stadt während der Olympiavorbereitungen schon einmal regierte. In einer Arena wird heute Schulsport betrieben, sie dürfte wohl eine der teuersten Schulsportstätten der Welt sein.

Dem Linkspolitiker Lula flogen damals die Herzen zu

Gut 13 Jahre zuvor hieß der Präsident Brasiliens Luiz Inácio Lula da Silva; seine Amtszeit ging von 2003 bis 2011. Dem Linkspolitiker flogen die Herzen der Menschen und der internationalen Politik zu. Der damalige US-Präsident Barack Obama war voll des Lobes, Umfragewerte dokumentierten die Beliebtheit des ehemaligen Gewerkschafters. Lula war vor allem deshalb populär, weil er mit einer klugen Sozialprogrammpolitik den Armen eine Chance ermöglichte.

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Bezahlt wurde das alles allerdings mit einer Wirtschaftspolitik, die heute scharf kritisiert würde. Der wirtschaftliche Aufstieg Brasiliens, damals noch international gefeiert, basierte darauf, den Amazonasregenwald zugunsten einer stetig expandieren Agrarindustrie und der Förderung fossiler Brennstoffe abzuholzen. Heute praktisch undenkbar, aber damals ließ sich Lula tatsächlich strahlend mit komplett ölverschmierten Händen fotografieren. Vor der Küste Brasiliens wurden riesige Mengen des fossilen Klimakillers gefunden. Es war die Zeit, als das Magazin „The Economist“ auf der Titelseite die Christusstatue von Rio de Janeiro wie eine Rakete in die Luft steigen ließ: Brazil takes off. Wow.

Umweltschutz galt als exotisch

Umweltschutz war damals nur etwas für Exoten, die grüne Umweltaktivistin Marina Silva war als Umweltministerin ein Jahr zuvor frustriert zurückgetreten. Auslöser war der „Plan für ein nachhaltiges Amazonas“, der für eine Erschließung der Regenwaldregion mit Land- und Wasserstraßen für das Agrobusiness sowie den Bau neuer Staudämme für Aluminiumschmelzen und den Konsum in weit entfernten Industriegebieten stand. Greta Thunberg war damals noch im Kindergartenalter, eine globale Klimaschutzbewegung wie Fridays for Future gab es noch nicht. Dafür gibt es heute in der Amazonasmetropole Manaus ein sündhaft teures WM-Stadion, dessen Nutzung bislang nicht wirtschaftlich ist.

Brasilien und sein damaliger Präsident Lula, dessen Umweltbilanz aus heutiger Sicht noch verheerender ausfällt als die des aktuell amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro, wurden international nicht einmal ansatzweise für die Wirtschafts- und Umweltpolitik infrage gestellt. Im Gegenteil: Brasilien war ein gern gesehener Partner und auf dem Sprung nach oben. So glaubten nahezu alle. Glaubte Lula, glaubten die Brasilianer, glaubten das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der Weltfußballverband Fifa. Was also fehlte noch zum Ritterschlag? Die Austragung einer Fußball-Weltmeisterschaft und der Olympischen Spiele. WM und Olympia sollten Brasilien und Rio de Janeiro an die politische und urbane Weltspitze bringen. „Wir sind kein unterentwickeltes Land mehr. Wir sind eine führende Wirtschaftsnation“, sagte Lula damals selbstbewusst. WM und Olympia sollten sein politisches Lebenswerk krönen. Der Politiker holte beide Großevents ins Land – und damit begann der Abstieg.

Dabei gab es schon früh warnende Stimmen. „Ob Brasilien will oder nicht: Es wird die WM 2014 ausrichten. Das ist beschlossene Sache“, versicherte der Fifa-Ehrenpräsident Joao Havelange schon im Jahr 2006, als die ersten kritischen Stimmen aufkamen. Auf die Frage, ob Brasilien überhaupt in der Lage sei, die nötigen Stadien zu bauen, sagte Havelange damals: „Das müssen sie nicht mich, sondern den Herrn Präsidenten, die Gouverneure und die Bürgermeister fragen.“ Der Investigativjournalist Jens Weinreich berichtete später, zwölf neue Stadien habe nicht einmal die Fifa gewollt, das war der Wunsch des Präsidenten Lula. In einigen Quellen ist sogar die Rede davon, dass Lula 18 WM-Sta­dien errichten lassen wollte.

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Rio als die „wahre Hauptstadt“

Blühende Landschaften hatten sie Rio de Janeiro versprochen, an dem Tag, an dem die Stadt am Zuckerhut endlich neue Hoffnung schöpfte, herauszukommen aus dem scheinbar ewigen Kreislauf des Abstiegs. Die goldenen Tage sollten zurückkehren. Rio sollte das werden, als was sich die Cariocas, die Einwohner Rios, ohnehin sahen: als sportliches und kulturelles Zentrum Brasiliens, als die wahre Hauptstadt, jenen Status, den Rio 1960 an Brasilia verlor.

Wir sind kein unterentwickeltes Land mehr. Wir sind eine führende Wirtschaftsnation.

Luiz Inácio Lula da ­Silva,

Präsident Brasiliens 2003–2011

Es war ein Oktobertag im Jahr 2009, an dem die brasilianische Me­tropole den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 bekam. Auf einem Foto, das die siegreichen Olympiabewerber zeigt, reckt Lula triumphierend die Siegerfaust in die Höhe. Mit der anderen Hand hält er die brasilianische Nationalflagge fest. Neben Lula jubeln auf dem Bild auch Carlos Arthur Nuzman, Chef des Organisationskomitees, und Gouverneur Sérgio Cabral – beide sind inzwischen wegen Korruption zu langen Haftstrafen verurteilt. Nuzman und Cabral sind die hässlichen Gesichter der Spiele von 2016.

Inzwischen gibt es deutlich mehr Klarheit, warum Brasilien damals den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekam. Es war ein Menetekel für das, was noch folgen sollte. Fünf beziehungsweise sieben Jahre liegen hinter den beiden Großevents, mit denen Lula sein Heimatland völlig überforderte und die Tür zu einer wilden Korruptionsorgie weit aufstieß.

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Bei der entscheidenden Abstimmung schlug Rio de Janeiro die spanische Hauptstadt Madrid mit 66 zu 32 Stimmen. Lula machte die Unterstützung der afrikanischen Staaten für den Triumph verantwortlich. „Ich bin 34-mal nach Afrika gereist, habe 29 Länder besucht und 19 Botschaften in Afrika eröffnet“, rechnete der Präsident vor und lobte sich damit vor allem selbst. Brasilien habe sich als Bruder Afrikas gezeigt, das habe den Ausschlag gegeben, ließ der Linkspolitiker seine Heimat wissen. Es gilt als ziemlich sicher, dass sich Lula persönlich nicht am reichhaltigen Korruptionsbüfett bediente, dafür schlachtete er den Erfolg politisch aus. Inzwischen ist die Machershow des ehemaligen Präsidenten als Märchen entlarvt.

Bereits vor zwei Jahren räumte Sérgio Cabral, der durch und durch korrupte ehemalige Gouverneur von Rio, ein, gemeinsam mit dem Olympiaorganisationschef Nuzman und dem brasilianischen Unternehmer Arthur Soares vor der entscheidenden Abstimmung beim Internationalen Olympischen Komitee die Stimmen mehrerer IOC-Mitglieder gekauft zu haben. Lula habe von diesen Machenschaften gewusst, behauptet Cabral. Lula bestreitet das. Er erklärte vor zwei Jahren, das IOC-Umfeld damals als seriös und ernsthaft empfunden zu haben.

Haftstrafe von fast 31 Jahren

Vor gut einem Monat wurde nun auch Nuzman zu 30 Jahren und elf Monaten Haft verurteilt. Er soll der Kopf jener kriminellen Bande gewesen sein, die Geld für afrikanische IOC-Stimmen vom Milliardär Arthur Soares organisiert habe. Ganz nebenbei arbeitete Nuzman auch auf eigene Rechnung: 16 Barren Gold, versteckt in einem Genfer Schließfach, entdeckten die Fahnder. Es dürfte nur ein kleiner Teil dessen sein, was in Nuzmans Tasche landete.

Deutlich wichtiger als Lulas Besuche in Afrika auf Kosten der brasilianischen Steuerzahler war dagegen offenbar Lamine Diack, der Anfang Dezember im Alter von 88 Jahren verstorbene senegalesische Chef des Leichtathletik-Weltverbandes. Er gilt als eine Schlüsselfigur in so manchen Korruptionsfällen rund um die Olympischen Spiele – auch im Fall Rio 2016 – und als wertvoller Stimmenbeschaffer aus Afrika. Wer Stimmen brauchte, ging zu Diack, und der lieferte offenbar zuverlässig.

Geblieben ist von WM und Olympia ein Haufen Schulden, überdimensionierte Sportstätten und Stadien, deren nachhaltige Nutzung versprochen wurde, aber bis heute nicht wirklich umgesetzt worden ist. Der Olympiapark in Barra da Tijuca versprüht bisweilen den Charme eines verlassenen Geisterdorfes. Aus Rios Olympiahoffnungen ist bis auf einige Verbesserungen der Verkehrsinfrastruktur wie ein Teilausbau der Metro nichts geworden. Es gab auch einen spektakulären Radweg an der Küste, doch der stürzte in sich zusammen. Die Bilder davon gingen unmittelbar vor Olympia um die Welt.

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Der Eingang zum Olympia Park mit dem Tennisstadion im Hintergrund.

Der Eingang zum Olympia Park mit dem Tennisstadion im Hintergrund.

Während der Olympischen Spiele wunderten sich viele internationale Journalisten, warum so wenig Zuschauer zu den Events kamen. Die Lösung war einfach: Die Tickets waren einfach zu teuer. Die Massen strömten erst zu den Paralympics in die Arenen. Da waren die Eintrittskarten erschwinglich, und die Neugier der brasilianischen Steuerzahler war groß, einmal mit eigenen Augen zu sehen, wie die Arenen ausschauen, die sie mit ihren Abgaben für IOC und Fifa finanziert hatten.

Viel schlimmer aber war der durch die katastrophal gemanagten Großevents entstandene Vertrauensverlust in die brasilianische Politik, der letztendlich dazu beitrug, die wütenden Menschen in die Arme des Rechtspopulisten Bolsonaro zu treiben. Die ersten Anzeichen dafür gab es bereits 2013, ein Jahr vor der Fußball-WM. Damals gingen im ganzen Land Hunderttausende auf die Straße, demonstrierten dagegen, dass Milliarden in Neubauten von Stadien und Arenen flossen anstatt in die marode Infrastruktur von Schulen und Krankenhäusern. Auch die große sportliche Enttäuschung mit dem 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland hat sich den Menschen eingebrannt. Für viele war das ein Anschlag auf die nationale Identität.

Ob Brasilien will oder nicht: Es wird die WM 2014 ausrichten. Das ist beschlossene Sache.

Joao Havelange (1916–2016),

Fifa-Ehrenpräsident im Jahr 2006

Bis heute gibt es ein Protestcamp gleich neben dem Maracana-Stadion. Das dort beheimatete Indigene Museum sollte für WM und Olympia VIP-Parkplätzen weichen, doch ein paar indigene Aktivisten halten die Stellung, verteidigen das historische Gebäude, auch wenn es nun weiter ohne jede Unterstützung verfällt. Während der Großevents bekamen die Indigenen noch Rückendeckung von den Nichtregierungsorganisationen, doch auch die verloren mit der Zeit das Interesse. Ohne mediale Aufmerksamkeit muss die Gruppe nun allein weiterkämpfen.

USA ermitteln in Brasilien

In diesem Jahr wird in Brasilien gewählt. Weil Bolsonaro das Land ex­trem schlecht regiert, führt Lula da Silva die Umfragen an. Nun könnte ihn das Thema Olympia wieder einholen, wenn sich nämlich die US-amerikanische Justiz doch noch in die Ermittlungen um den Olympiaskandal einschalten sollte. Im Wahlgang 2009 unterlag der damalige Bewerber Chicago der brasilianischen Konkurrenz aus Rio im ersten Durchgang nur um Haaresbreite. Das haben die Amerikaner nicht vergessen, zumal die Bewerbung Chicagos erstklassig war. Die US-Behörden verfolgten die Ermittlungen in Brasilien genau und könnten nun ihrerseits aktiv werden. Was dann dabei herauskommt, dürfte die brasilianische Öffentlichkeit besonders interessieren.

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Und mit den amerikanischen Ermittlern hat der Weltsport so seine Erfahrungen, wurden doch von ihnen auch die Machenschaften rund um den südamerikanischen Fußball-Verband Conmebol aufgedeckt, die letztendlich in den großen Fifa-Skandal mündeten. In Brasilien konnten korrupte Funktionäre aus Fußballverband und Nationalem Olympischen Komitee jahrelang ungestraft in die eigene Tasche wirtschaften. Das endete mit den US-Ermittlungen gegen Conmebol. Die nun erfolgte Verurteilung gegen Carlos Arthur Nuzman ist ein großer Schritt in die richtige Richtung und wohl auch noch nicht das Ende.

Der Conmebol-Skandal war damals übrigens der Anfang vom Ende des damals noch allmächtigen Präsidenten Joseph Blatter. Das Kapitel Olympia hingegen ist bis heute noch nicht gänzlich aufgearbeitet.

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