„Wir haben den Krieg verloren“

Russische Eliten zunehmend sauer: Wie schwer trifft das Cherson-Desaster Putin wirklich?

Ein Plakat des russischen Präsidenten Wladimir Putin liegt beschädigt auf dem Boden einer Polizeistation in Kupiansk.

Ein Plakat des russischen Präsidenten Wladimir Putin liegt beschädigt auf dem Boden einer Polizeistation in Kupiansk.

Die Stimmung unter den russischen Eliten ist gedrückt. Der Rückzug der russischen Streitkräfte aus der zuvor annektierten Region Cherson ist ein „sehr schmerzhaftes Ereignis“ für die russischen Eliten, berichtet die Exilzeitung Meduza. Sie beruft sich auf anonyme Quellen in der russischen Präsidialverwaltung. Und ein Wirtschaftsboss aus dem „inneren Kreis des Präsidenten“ räumt gegenüber der regierungskritischen Zeitung ein: „Wir haben den Krieg verloren.“

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Experte Andreas Umland vom Stockholm Centre for Eastern European Studies hält diese Berichte für plausibel. „Die Ultranationalisten Russlands sind nach dem Rückzug aus Cherson wütend auf die Regierung“, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Gerade in der russischen Großmachttradition ist der Rückschlag in Cherson eine enorme Erniedrigung.“ Weder den Hardlinern noch den gemäßigten Putin-Anhängern dürfte die Situation gefallen, in die der Kreml-Chef ihr Land manövriert hat.

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Putins Rückhalt bröckelt

Die russischen Streitkräfte wurden in Cherson von ihren Nachschubwegen abgeschnitten und mussten sich daher aus weiten Teilen der Region zurückziehen. Zuvor hatte der Kreml Cherson und die anderen teilbesetzten Oblaste nach einem Scheinreferendum völkerrechtswidrig annektiert. „Eigentlich ist Russland ein failed state, ein gescheiterter Staat, da es die selbst beanspruchten Territorien und Grenzen nicht kontrollieren kann“, meint Experte Umland. Zuvor sorgte bereits die Mobilmachung von 300.000 neuen Reservisten für Unmut in der Bevölkerung. Das Desaster in Cherson ließ das Fass überlaufen.

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Die Diskussion innerhalb der russischen Eliten zeigt laut dem Osteuropa-Experten bereits, dass Putins Rückhalt bröckelt und die Unzufriedenheit mit dem Kremlchef steigt. „Wir hören immer häufiger von russischen Eliten, dass der Krieg eigentlich verloren ist. Aber es ist unklar, ob so die Mehrheit der Eliten denkt.“ Die Wirtschaftselite des Landes bekommt die Sanktionen und wirtschaftlichen Konsequenzen des Krieges schon seit Monaten zu spüren. Sie haben seit Kriegsbeginn Milliarden verloren. Dass über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Russlands nun auch im russischen Staatsfernsehen offen gesprochen wird, wertet der ehemalige US-Botschafter Michael McFaul als ein „gutes Zeichen“ und schlussfolgert: „Das Regime bricht zusammen. Die Elite gerät in Panik.“

Druck auf Putin, sodass er zurücktritt oder gestürzt wird, kann jedoch nur aus dem Lager der Geheimdienste und des Militärs erfolgen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist laut Experten aber gering, weil der gesamte innere Kreis mitverantwortlich für den Krieg ist und daher mit Putin zusammen stürzen würde. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch bei der wirtschaftlichen Elite des Landes ab. Die Oligarchen sind vom Vertrauen des Kremlchefs abhängig und haben nicht die politische Macht, einen Regimewechsel herbeizuführen.

Verlorener Krieg könnte Reformen in Gang setzen

„Die Geschichte hat gezeigt, dass Diktatoren Krisen und Rückschläge wegstecken können und Diktaturen weiterexistieren“, so Umland. Im Irak blieb etwa Saddam Hussein noch jahrelang nach dem verlorenen Krieg gegen den Iran im Amt. Es muss also nicht zwingend zu einer Ablösung Putins an der Spitze des Kremls kommen. Umland beobachtet, dass innerhalb Russlands über Reformen diskutiert wird. Die Ineffektivität des russischen Staates werde in Verbindung gebracht mit den militärischen Misserfolgen. „Die militärischen Niederlagen treiben Russland in eine sehr vielversprechende Selbstkritik.“ Der Experte verweist auf den verlorenen Krimkrieg im 19. Jahrhundert, der ebenfalls Reformen im Russischen Reich zufolge hatte. Auch im heutigen Russland werde es Veränderungen geben, glaubt er. „Die Frage ist, ob es in den nächsten Monaten oder erst in einem Jahrzehnt zu Reformen kommt.“

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