„Sorry, not sorry“: Wie lange läuft Johnsons Gnadenfrist nach seiner halbherzigen Entschuldigung?

Boris Johnson

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London. Als Boris Johnson am frühen Mittwochnachmittag eine Teestube im Unterhaus betrat, soll er zu einigen mürrisch dreinblickenden Tory-Ministern gesagt haben: „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen diesen ganzen Mist eingebrockt habe.“

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Kurz zuvor hatte er schon im Parlament dafür um Verzeihung gebeten, dass er im Frühjahr 2020 während des Lockdowns an einer Party im Garten des Regierungssitzes teilgenommen hatte, zu der jeder „sein eigenes Getränk“ mitbringen sollte. Nur um dann noch rasch zu ergänzen, dass er dies für ein „Arbeitstreffen“ gehalten habe. Die britische Tagezeitung „Metro“ fasste Johnsons Auftritt am Tiefpunkt seiner Amtszeit am Donnerstag so zusammen: „Sorry, not sorry.“

Johnson verschafft sich Zeit

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Eines jedenfalls hat Boris Johnson mit seinem „Mea Culpa“ erreicht. Er hat sich Zeit verschafft. Denn nun werden weitere Schritte wohl erst erfolgen, wenn Sue Gray, eine hohe Beamtin, die zu den Partys ermittelt, berichtet, was sie herausgefunden hat.

Gleichzeitig könnte sich die kommende Zeit für den britischen Premier nur als Galgenfrist herausstellen. Denn die Tories gelten als erbarmungslos, wenn es um die eigene politische Zukunft geht. „Jeder einzelne der konservativen Parlamentarier wird diese Zeit nutzen, um sich zu überlegen, ob es sich für ihn oder sie noch lohnt, Johnson weiterhin zu unterstützen“, sagte Jill Rutter von der Denkfabrik „UK in A Changing Europe“ dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Außenministerin stellt sich hinter Johnson

Während sich führende konservative Parlamentarier wie die Außenministerin Liz Truss, zumindest offiziell, weiterhin hinter Johnson stellten, haben ihm andere längst den Rücken gekehrt. Der Abgeordnete Roger Gale und William Wragg, ein ranghoher Hinterbänkler, forderten Johnson schon am Mittwoch öffentlich zum Rücktritt auf. Wenig Verständnis für das Handeln des Premiers zeigte auch der Parteivorsitzende der Tories in Schottland, Douglas Ross: „Er ist der Premierminister, es ist seine Regierung, die diese Regeln eingeführt hat, und er muss für sein Handeln zur Rechenschaft gezwungen werden.“

Doch wie geht es nun weiter mit Boris Johnson? Ist die Zeit vorbei, in der alle Skandale an ihm abperlten wie Öl von einer Teflonpfanne? Eins zumindest glaubt Tim Bale, Professor an der Queen Mary University of London, zu wissen: „Die Abgeordneten werden keine weiteren Schritte unternehmen, bevor Sue Grays Untersuchung beendet ist.“

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Vielleicht, so hält es der Politologe für möglich, warten sie sogar noch bis ins Frühjahr ab, auch auf die Gefahr hin, dass die Labour-Partei dann in den Umfragen weiter zulegen wird. Laut dem Meinungsforschungsinstitut Yougov wuchs der Vorsprung der oppositionellen Partei diese Woche auf zehn Prozentpunkte – die größte Differenz seit Dezember 2013.

Wieso wartet man also womöglich weiter ab? Tim Bale begründet dies unter anderem damit, dass man keinen würdigen Nachfolger für Johnson hätte. Sowohl Liz Truss als auch Wirtschaftsminister Rishi Sunak, der ebenfalls dafür gehandelt wird, hätten nicht genug Einfluss, um die von Boris Johnson 2019 gebildete Regierung zusammenzuhalten. „Sie werden außerdem von einigen als zu glatt und als nicht authentisch angesehen.“ Sunak habe zwar derzeit die Nase vorn, weil ihm eine gute Pandemiepolitik zugeschrieben werde – andererseits stünden jetzt die Haushaltsfinanzen wegen Preis- und Steuererhöhungen zunehmend unter Druck.

„Der Zeitpunkt für einen Machtwechsel ist schwierig“, bestätigt auch Jill Rutter von der Denkfabrik „Uk in A Changing Europe“. Viele Probleme müssen aktuell gelöst werden: Die Lage in der Pandemie ist weiter angespannt, die Energiekrise beutelt die Menschen.

Angesichts dieser Krisen kann es also sein, dass Johnson noch eine Weile weiter regiert. Den Rückhalt in der Bevölkerung hingegen, den hat er jedoch womöglich für immer verspielt. „Briten reagieren sehr empfindlich auf Heuchelei“, sagte Rutter am Donnerstag. Da hilft auch keine halbherzige Entschuldigung.

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