Militärexperten sprechen Klartext

Tausende russische Soldaten bereits tot: Warum Putins Armee so sehr versagt

Das Drohnenfoto von der ukrainischen Armee zeigt den Angriff auf russische Panzer im Norden der Hauptstadt Kiew.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Freitag den Krieg in der Ukraine als „heldenhaften“ Einsatz der russischen Armee gelobt. Es würden alle Pläne umgesetzt, sagte Putin am Freitag in einer Rede vor Zehntausenden jubelnden Russen und Russinnen im Moskauer Luschniki-Stadion, die im russischen Fernsehen übertragen wurde. Die Propaganda­show dürfte darauf abzielen, die Kriegsmoral in der Bevölkerung zu steigern. Denn Tausende russische Soldaten hat Putins Krieg bereits das Leben gekostet.

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Blitzkriegerwartung nicht erfüllt

Der Militärexperte Gustav Gressel von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations geht davon aus, dass die Verluste in der russischen Armee deutlich höher als unter den ukrainischen Streitkräften sind. „Die Ukraine spricht von 14.000 toten Soldaten auf russischer Seite. Ich halte etwa 10.000 für realistisch“, sagte Gressel dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Für die vielen Toten macht der Experte unter anderem viele Fehler der russischen Armee verantwortlich. „Sehr überraschend ist die mangelhafte Koordination unter den Bataillons­kampfgruppen und zwischen den Teilstreitkräften.“

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Gressel vermutet, die russische Führung habe gedacht, der Krieg sei sehr schnell vorbei, und daher keine Kommando­struktur geschaffen, um Unterstützung zu koordinieren. Außerdem sei die Kommunikation zwischen den Militärbezirken der Russen sehr schlecht. Ein weiterer Patzer: Die russische Flugabwehr habe lange nicht gewusst, welche ihre eigenen Luftstreitkräfte sind. „Deshalb waren die Russen sehr zurückhaltend dabei, das Feuer auf die ukrainische Luftabwehr zu eröffnen.“ Das habe die Ukraine genutzt und oft die russische Luftabwehr überrumpelt und ausgeschaltet. Oft sei dies in den vergangenen Wochen vorgekommen.

Schlechte Kommandostruktur in der russischen Armee

Der Generalleutnant a. D. der Bundeswehr Heinrich Brauß wies auf viele taktische Fehler hin. „Wenn Militärs im Westen einen solchen Auftrag bekommen hätten wie der russische Generalstabschef, dann hätten wir versucht, die ukrainische Armee militärisch auszuschalten und nicht zuerst die großen Städte anzugreifen“, sagte er dem RND.

„Die Russen haben sich nun in Hinterhalte locken lassen, ohne vorher Aufklärungsdrohnen einzusetzen.“

Gustav Gressel,

Militärexperte beim European Council on Foreign Relations

Wer die gegnerische Armee ausschalte, dem falle auch das Land zu. Doch für einen Angriff auf die ukrainische Armee brauche man Kommandeure vor Ort, die selbst entscheiden und eigenständig führen können. „Offensichtlich sind die russischen Kommandeure dazu nicht genügend in der Lage“, bilanziert Brauß, der zuletzt für die Nato tätig war. Hinzu komme, dass sich die russische militärische Führung offenbar verkalkuliert habe. „Ihre logistischen Kapazitäten reichen für großräumige Operationen offensichtlich nicht aus.“

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Russland beweist in der Ukraine „militärisch-taktische und logistische Inkompetenz“

Dabei habe Russland laut Militärexperte Gressel bereits in Syrien und anfänglich im Donbass bewiesen, dass die Armee zu geschickten taktischen militärischen Schritten in der Lage sei. Doch davon sehe man jetzt nichts mehr. „Die russische Luftwaffe fliegt seit dem zweiten Tag Angriffe mit vielen Bomben und ungelenkten Raketen, ohne dabei Präzisionswaffen einzusetzen.“ Entweder sei das Arsenal der Russen sehr beschränkt, oder Moskau halte die Präzisionswaffen absichtlich noch zurück. Ebenfalls auffällig für den Experten: Im Donbass habe Russland viel häufiger Kleindrohnen eingesetzt als im Rest der Ukraine. „Die Russen haben sich nun in Hinterhalte locken lassen, ohne vorher Aufklärungs­drohnen einzusetzen“, sagte er im Gespräch mit dem RND.

Für Kopfschütteln sorgte in Militärkreisen auch der 64 Kilometer lange Militärkonvoi, der tagelang östlich von Kiew stand. Die ukrainische Armee habe „Panzer, Flugabwehr­geschütze und Tanklastzüge einzeln heraus­schießen“ können, so Brauß. Für ihn sei das „ein Zeichen militärisch-taktischer und logistischer Inkompetenz“. Militärexperte Gressel berichtete, es habe einige Überfälle von kleinen Hinterhalt­kommandos auf den Konvoi gegeben. Große Angriffe seien aber nicht möglich gewesen, da die Ukrainer durch die russischen Linien bis zum Konvoi durchkommen mussten. „Mit Drohnen hat die Ukraine den Konvoi aber auch angegriffen und für eine große Verwüstung bei den russischen Munitions­kolonnen gesorgt.“ Außerdem habe die ukrainische Armee Brücken gesprengt und Dämme eingerissen, um die Wege des Konvois zu überfluten.

Neue Angriffswelle im April?

Auch die Koordinierung der russischen Streitkräfte sei viel schlechter, als Experten vor wenigen Wochen angenommen hatten. „In russischen Militärkreisen hatte man noch vor Monaten die Fortschritte beim Daten­austausch, bei der Digitalisierung und der Koordination gelobt – davon sieht man jetzt nichts.“ Das mache sich auch bei dem Einsatz der Funktechnik bemerkbar. „Im Donbass hatte Russland eine viel umfangreichere elektronische Kampfführung und den Funk und Mobilfunk unterdrückt“, so Gressel. Doch in den anderen Teilen der Ukraine sei die russische Armee mit so schlechten Funkgeräten ausgestattet, dass sie bei einer Störung selbst vom Funkverkehr abgeschnitten worden wären. Davon profitierte die ukrainische Armee, die so weiterhin ungestört kommunizieren konnte.

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Gressel rechnet mit einer neuen Angriffswelle im April. Dann könnte auch die Hauptstadt Kiew eingekesselt werden. „Zurzeit reichen die russischen Streitkräfte nicht aus, und die Russen haben auch nicht genug Reserven.“ Doch bis Kiew auch erobert sei, dürfte es laut dem Experten noch Monate dauern, wenn nicht sogar Jahre.

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