Eindringliche Videobotschaft

Vitali Klitschko im Münchner Stadtrat: „Wir werden niemals Sklaven sein“

Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, spricht per Videoschalte im Münchner Stadtrat. München ist die Partnerstadt von Kiew.

Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, spricht per Videoschalte im Münchner Stadtrat. München ist die Partnerstadt von Kiew.

München. Der Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, Vitali Klitschko, ist am Mittwochmorgen nach einigen Verzögerungen per Video in die Vollversammlung des Münchner Stadtrates zugeschaltet worden. Der 50 Jahre alte Ex-Profiboxer richtete eindringliche Worte an die Politiker und Politikerinnen vor Ort und berichtete über die aktuelle Lage in seiner Stadt Kiew und der Ukraine.

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Er spricht von einer „harten Realität“, die vor zehn Jahren und auch vor wenigen Monaten wohl noch niemand habe erwartet. „Jeden Morgen bevor ich aufstehe, bevor ich meine Augen aufmache, denke ich, dass es ein Albtraum ist, was passiert“, sagt er. „Ich mache meine Augen auf und sehe, dass es eine harte Realität ist.“ Dann fragt er nach dem Sinn des Krieges Putins und gibt selbst eine Antwort: „Es ist eine riesige Ambition, ein großes mächtiges Imperium aufzubauen. Diese Ambition ist ihm viel wichtiger als das Leben der Menschen.“

Klitschko: „Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen gestorben sind“

Klitschko spricht auch über die großen Opfer, die die Ukraine schon bringen musste – aber auch über Opfer auf russischer Seite. „Wir haben circa 30.000 Menschen evakuiert. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen gestorben sind. Auch bei den Russen gibt es riesige Verluste, 70 Tonnen Leichen sollen nach Russland gebracht worden sein.“ Eine seltsame Angabe, wie er selbst befindet, und erklärt den schrecklichen Hintergrund: „Bei solchen Schlachten mit Raketen – und das betrifft beide Seiten – kann man die Leichen nicht zählen. Es sind Stücke Fleisch.“ Klitschko bezeichnete den russischen Angriff auf sein Land als Völkermord. „Das ist ein Genozid“, sagte er. „Die vernichten die Zivilbevölkerung, die vernichten unser Land.“

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Dann geht er auf Russlands Medienpolitik und Propaganda ein. „Ich habe sehr viele Bekannte und Verwandte in Russland, Sportskameraden. Manchmal spreche ich mit intelligenten Leuten, die an russische Propaganda glauben“, zeigt er sich entsetzt. Diese glaubten tatsächlich, dass es ein Krieg gegen Nationalsozialisten und Faschisten sei, wie Putin es propagiert. „Propaganda wirkt ziemlich stark“, sagt er. „Die wichtigste Waffe ist nicht die militärische Kraft, sondern die Medien“, betont er. Das wisse Putin.

Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, spricht per Videoschalte im Münchner Stadtrat.

Vitali Klitschko, Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew, spricht per Videoschalte im Münchner Stadtrat.

Klitschko: Niemand habe an Widerstandskraft der Ukraine geglaubt

Klitschko geht auch darauf ein, dass anfangs niemand erwartet habe, dass Kiew und die Ukraine der russischen Invasion so lange standhalten würden. „Vier Wochen sind fast vorbei, die Russen kommen nicht in die Hauptstadt. Keiner hat das gedacht, dass wir so tough kämpfen werden, gegen die russische Kraft. (...) Die russische Armee kämpft für Geld, wir kämpfen für unsere Familien, unsere Frauen, unsere Kinder, unsere Zukunft, weil ich weiß, was Diktatur bedeutet – wenn es keine Menschenrechte gibt, keine Pressefreiheit.“

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Doch es sei nicht nur ein Kampf für die Ukraine. „Wenn jemand im Westen denkt, der Krieg ist weit weg, (...) ist das falsch.“ Der Krieg betreffe ganz Europa. „Wir wissen nicht, wo Putins Ambitionen enden“, so seine eindrücklichen Worte. „Wir kämpfen nicht nur für unsere Stadt, für unser Land. (...) Wir kämpfen heute für Werte, für Prinzipien, die Russen gerade brechen. Wir kämpfen auch für euch, für jeden in Deutschland.“

Selenskyj appelliert an Berliner Demonstrierende: „Wir können nicht so leben, wie Sie leben“

Gleichzeitig zum Benefizkonzert „Sound of Peace“ am Sonntag wandte sich auch der ukrainische Präsident Wolodymyr im rbb an die Berliner Demonstrierenden.

Als Beispiel für die Entschlossenheit der Ukrainer, ihr Land zu verteidigen, berichtet er von einem Mann, dessen Haus durch eine Rakete zerstört wurde, und der doch nicht flüchten wollte, sondern von Klitschko stattdessen eine Waffe zum Kämpfen forderte. „Die Antwort hat mich schockiert und tief berührt“, gesteht Kiews Bürgermeister. „Er hat gesagt: Ich will nicht wegfahren, in dieser Stadt habe ich mein ganzes Leben verbracht, in dieser Stadt ist meine Seele, meine Familie, Verwandte, Freunde. Ich bitte Sie um eine Waffe. (...) Statt Panik bekommen die Menschen eine riesige Wut.“ Künstler, Schauspieler, Ärzte, Menschen in friedlichen Berufen kämpften nun mit Waffen für ihr Land. „Lieber sterben wir, als Aggressoren in unsere Stadt zu lassen“, so Klitschkos Kampfansage. „Wir gehen niemals auf die Knie, niemals werden wir Sklaven sein.“

Klitschko fordert Deutschland auf, wirtschaftliche Beziehungen mit Russland zu beenden

Dann dankt Klitschko Deutschland für die Hilfe – fordert aber auch, dass alle wirtschaftlichen Beziehungen mit Russland abgebrochen werden müssten. „Ich bitte Sie, (...) stoppen Sie alle wirtschaftlichen Verhältnisse mit Russland“, sagt er. „Jeder Euro und Cent geht in seine Armee. Heute wird damit der Kampf gegen die Ukraine finanziert.“ Das sehe er als einzige Möglichkeit, um den Krieg schneller zu beenden. Denn seine Vorhersage: „Dieser Konflikt kann Monate dauern. Die Lösung des Konflikts ist, niemals aufzugeben und zu kämpfen und Zähne zu zeigen.“ In Richtung der russischen Bevölkerung appelliert er, die Regierung nicht mehr zu unterstützen.

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Nach der mehr als halbstündigen Rede Klitschkos folgte langes Klatschen und ein kurzes Gespräch des Münchner Oberbürgermeisters Reiter mit Klitschko. Kiew ist Münchens Partnerstadt und wird seit Wochen von den russischen Streitkräften beschossen und zunehmend eingekesselt. Im Anschluss an Klitschkos eindringliche Rede hat der Stadtrat mit einer Schweigeminute der Opfer des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gedacht. Außerdem ging es in der Sitzung um geplante Unterstützung für die Ukraine und ukrainische Kriegsflüchtlinge.

Vor rund zwei Wochen waren Vitali Klitschko, der seit 2014 Bürgermeister von Kiew ist, und sein Bruder Wladimir schon per Liveschalte zu Gast in der Sitzung des Würzburger Stadtrats. Die Partnerschaft mit Kiew war auch einer der Gründe, warum Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) den russischen Dirigenten und Freund von Wladimir Putin, Waleri Gergijew, zu einer Stellungnahme gegen den Krieg aufgefordert und ihn dann rausgeworfen hatte, als sie ausblieb.

RND/hsc/mit dpa

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