Online-Umfrage

Wie geht es Menschen in der Ukraine seit Kriegsausbruch? - Forscher präsentieren Ergebnisse

Der Blick auf die Stadt Kiew in der Ukraine (Symbolfoto)

Der Blick auf die Stadt Kiew in der Ukraine (Symbolfoto)

Frankfurt/Oder. Wie gehen die Menschen in der Ukraine damit um, dass Krieg herrscht in ihrem Land? Warum flüchten die einen und aus welchen Gründen bleiben andere? Unter anderem diese Fragen hat das Kiewer Institut Cedos in einer Online-Umfrage Bürgerinnen und Bürger in der Ukraine gestellt. In der Veranstaltungsreihe „Voices from Ukraine“ der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) haben die ukrainischen Forschenden der Think-Tank-Einrichtung die qualitative und nicht repräsentative Studie am Donnerstag vorgestellt.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

555 Menschen in der Ukraine haben demnach an der Befragung teilgenommen. In sechs Frageblöcken wurde geschaut: Wie geht es den Menschen im Krieg. Verbreitet wurde die Befragung über soziale Netzwerke, Bekannte, Familien und Freunde. 66 Prozent der Befragten waren den Angaben zufolge zwischen 25 und 54 Jahre alt, 29 Prozent von ihnen zwischen 15 und 24 Jahre. Über 70 Prozent der Antworten kamen von Frauen.

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Teilnehmer erzählen von Hass

Nach Angaben der Wissenschaftlerinnen aus Kiew berichteten ukrainische Befragte unter anderem von Fassungslosigkeit, Apathie oder einer emotionalen Achterbahnfahrt, nachdem der Angriff Russlands auf ihr Land begonnen hatte. In einer Antwort hieß es etwa: „Von Tag drei wurde ich von dem größten Hass überwältigt, den ich jemals gespürt habe.“ In einer anderen Antwort beschrieb sich jemand als „sanften“ Menschen, der nie jemandem etwas Schlechtes gewollt habe und nun demjenigen, der sein Land zerstöre, Leid und Schmerz wünsche.

Befragte schrieben in ihren Antworten, sie hätten überlegt, ob sie das Land verlassen oder bleiben sollen. Nach Angaben der Forschenden äußerten einige, dass sie sich zunächst noch sicher fühlten, da noch keine Explosionen zu hören waren. Als die Kämpfe näher kamen, sei es unheimlich gewesen, nach draußen zu gehen und der Krieg sei real geworden. Ihr Gedanke: „Das kann nicht sein, es darf nicht sein.“

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Viele berichten: noch ist es ruhig

„Die Befragung ist eine erste Sammlung und qualitative Studie, um sich vorstellen zu können, was Krieg mit dem Menschen macht“, sagte Sozialwissenschaftlerin Susann Worschech der Deutschen Presse-Agentur.

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Es sei mutig, solche Art von Sozialforschung mitten in einem sich ausbreitenden Krieg zu betreiben. „Damit wir uns das irgendwie vorstellen können, was das mit Leuten macht.“ Worschech beschäftigt sich seit 2004 mit der Entwicklung der ukrainischen Zivilgesellschaft und forscht zu Protest- und Revolutionsgeschichte.

ARCHIV - 25.09.2020, Russland, Snamensk: Wladimir Putin (M), Präsident von Russland, und Sergei Schoigu (l), Verteidigungsminister von Russland, besuchen den Truppenübungsplatz Kapustin Jar, auf dem das Militärmanöver Kaukasus 2020 stattfindet. (zu dpa "Westliche Geheimdienste: Putin von Beratern falsch informiert") Foto: Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Viele hätten geantwortet, dass es bei ihnen noch ruhig sei, sie sich aber auf die Ausbreitung des Krieges vorbereiten, berichtete Worschech. Die Menschen seien seit Monaten von den Behörden angehalten worden, einen Überlebensrucksack mit dem Nötigsten zu packen. Nach dem Angriff seien viele in den Modus übergegangen, schnell Sachen zu organisieren und Dinge abzuarbeiten.

Freiwillige helfen Binnenflüchtlingen

Zehn Millionen Menschen sind nach ihren Angaben in der Ukraine auf der Flucht, sechs Millionen davon Binnenflüchtlinge. Die Verteilung und Betreuung der Flüchtlinge innerhalb der Ukraine haben Organisationen und Netzwerke übernommen, die es schon mit der russischen Annexion der Krim 2014 und der Besetzung des Donbass gebe. Diese bestehende Infrastruktur aus Freiwilligen und Organisationen sei nun ein Vorteil.

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Die ukrainische Zivilgesellschaft hat der Forscherin zufolge zwei wichtige Charakteristika: Sie lebe seit Jahrzehnten in einem Protestmodus und wüsste, dass sie keine Freiheit geschenkt bekomme. Das habe sich durch die Geschichte gezogen. Das Durchhalten und Dagegenhalten sei deshalb etwas „sehr Ukrainisches“, schätzte sie ein.

Zugleich habe die Gesellschaft insgesamt ein ziemliches Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Daher gebe es in der Ukraine eine große Selbstorganisationsfähigkeit und Eigeninitiative.

Uni Viadrina hat langjährige Beziehungen zur Ukraine

An der Europa-Universität Viadrina arbeiten und studieren derzeit fast 150 Menschen mit einer ukrainischen Staatsangehörigkeit. Ukrainische Studierende bilden damit die drittgrößte Gruppe internationaler Studierender. Die Europa-Universität Viadrina hat langjährige, enge Partnerschaften mit Akteurinnen und Akteuren der ukrainischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

RND/dpa

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