Profile auf Instagram und Facebook gelöscht

Idol der abgehängten Männer: Wie Andrew Tate zum Internetstar wurde

Der Internetguru Andrew Tate ist von Instagram und Facebook gebannt worden.

Der Internetguru Andrew Tate ist von Instagram und Facebook gebannt worden.

Hannover. Der „schlimmste Influencer der Welt“ wurde gelöscht. Ungefähr so lässt sich die Nachricht zusammenfassen, die seit dem Wochenende für Diskussionen in den sozialen Netzwerken sorgt. Der Konzern Meta hatte den Lifecoach Andrew Tate von seinen Plattformen Instagram und Facebook verbannt, um seinem fragwürdigen Spiel ein Ende zu setzen. Ob es damit wirklich vorbei ist, gilt aber als äußerst fraglich.

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Der 35-jährige Halb-Brite und Halb-Amerikaner hatte es innerhalb weniger Monate als Lifecoach zu beachtlichem Ruhm und Reichtum gebracht. Tates Zielgruppe: Abgehängte junge Männer und deren Traum, endlich mal etwas im Leben zu erreichen. Für sie entwickelte der Influencer eine ausgefeilte Ideologie, die im Kern vor allem auf zweierlei Dingen basiert: einem rückwärtsgewandten Bild von Männlichkeit – und abgrundtiefem Frauenhass.

Ein Phänomen, wie es an den dunklen Orten des Internets nicht selten anzutreffen ist. Tate allerdings schaffte es, damit außergewöhnlich erfolgreich zu werden. Der Schlüssel für diesen Erfolg: Ein ausgefeiltes Schneeballsystem, das Tate eine treue Fanarmee einbrachte, die ihn zum Multimillionär machte – und gleichzeitig zum ersten Influencer der Welt, der eigentlich gar keine eigenen Plattformen braucht.

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Was steckt hinter der Methode Tate? Und wie konnte dieser Mann zum Idol werden?

Karrierestart als Kickboxer

Die Karriere des 35-Jährigen beginnt Mitte der 2010er-Jahre – damals allerdings noch nicht als Internetguru, sondern als Kickboxer. Satte viermal wird Tate im Laufe seiner Karriere Weltmeister, ehe er diese 2016 beendet. Im selben Jahr nimmt der Boxer an der britischen Version der Realityshow „Big Brother“ teilt. Es hätte der Beginn einer langen Fernsehkarriere werden können – nach nur sechs Folgen allerdings wird der Kickboxer aus der Show geworfen.

Der Grund: Zahlreiche Tweets des Sportlers, die als homophob und rassistisch gewertet werden. Noch schwerer allerdings wiegt ein geleaktes Video. Darin ist zu sehen, wie Tate offenbar eine Frau mit einem Gürtel schlägt. Später erklärt der Kickboxer, er sei mit der Frau befreundet gewesen und die Handlungen seien im Einvernehmen geschehen. Wenig später taucht ein weiteres Video auf. In diesem ist Tate zu sehen, wie er einer Frau sagt, sie solle die Blutergüsse zählen, die er ihr anscheinend zugefügt hat. Sowohl Tate als auch die Frauen bestreiten jeglichen Missbrauch und verweisen auf einvernehmlichen Sex.

Die Karriere von Andrew Tate gilt angesichts dieser Skandale als beendet. Produktionsfirmen distanzieren sich von dem früheren Boxer, in den sozialen Netzwerken schlägt Tate ein enormer Gegenwind entgegen. Gleichzeitig wächst genau dort aber auch die Anerkennung für den fragwürdigen Promi.

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Reichweite mit frauenfeindlichen Statements

In den folgenden Jahren gelingt es Tate, sich eine enorme Fangemeinde auf Twitter, Instagram und Facebook aufzubauen. Nicht trotz, sondern wegen seiner fragwürdigen Persönlichkeit gelingt es ihm, zahlreiche Anhänger um sich zu scharen.

Es ist die Methode Donald Trump, die Tate so erfolgreich macht: Hauptsache Provokation. 2017, im Jahr der Me-Too-Bewegung, meint Tate auf seinem Twitter-Profil, dass Frauen in gewisser Weise auch selbst Schuld daran seien, wenn sie vergewaltigt würden. Im selben Jahr erklärt Tate, dass Depressionen keine echte Krankheit seien, was massive Proteste auslöst.

Tate tritt bei „Infowars“ auf, der Plattform des rechtsextremen Verschwörungsideologen Alex Jones, was ihm in dessen Kreisen Anerkennung einbringt. Tate lässt sich mit dem rechtsextremen Youtuber Paul Joseph Watson ablichten – und auch ein Treffen mit Donald Trump jr. findet statt. Dessen Vater erfährt immer wieder Unterstützung durch den früheren Kickboxer. „Inspirierend“ nennt er den US-Präsidenten. „Die Tate-Familie unterstützt Trump VOLLSTÄNDIG. Maga!“

Treffen mit Rechtsextremen und Ermittlungen

Auch mit umstrittenen Figuren aus Großbritannien zeigt sich Tate immer wieder. Dazu gehört etwa der rechtsextreme Aktivist Tommy Robinson, mit dem er oft „rumgehangen“ habe, wie Tate in einem Podcast erzählt. Ein Foto zeigt den früheren Boxer auch mit Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage.

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2018 beklagt Tate auf Facebook den „Niedergang der westlichen Zivilisation“. Auslöser ist ein Plakat, das Tate am Flughafen Heathrow entdeckt hat. Auf diesem würden „Mädchen ermutigt, in den Urlaub zu fahren, anstatt eine liebevolle Mutter und treue Ehefrau zu sein“. Immer wieder verbreitet Tate auf seinen Profilen rechtspopulistische Theorien.

Gleich mehrfach wird auch gegen ihn ermittelt. Er selbst spricht in Videos von mehreren Anzeigen mehrerer Frauen, die ihm Gewalt vorwerfen. In einem anderen Video berichtet er, die Polizei habe ihn wegen angeblichen Missbrauchs einer Frau verhört. Tates Haus sei durchsucht und Geräte beschlagnahmt worden. Zudem sei er zwei Tage in einer Zelle festgehalten worden.

Betrugsvorwürfe und Hausdurchsuchungen

Später machen Betrugsvorwürfe die Runde. Tate und dessen Bruder Tristan sollen Freundinnen als Webcam-Performerinnen engagiert haben, berichten britische Medien. Diese sollen dann gezielt Männer mit rührseligen aber unwahren Geschichten um ihr Geld gebracht haben. Einen Großteil der Einnahmen behielten er und sein Bruder, die Frauen sollen nur einen geringen Prozentsatz erhalten haben. Tate selbst bezeichnet das später stolz als „totalen Betrug“.

Und schließlich wird die Villa der Tate-Brüder in Rumänien durchsucht. Auslöser ist ein Hinweis der US-Botschaft, dass eine 21-jährige Amerikanerin dort gegen ihren Willen festgehalten werde. Bewiesen werden kann den Brüdern das nicht, beide bestreiten die Tat. Die Ermittlungen dauern an.

Diese unglaubliche Vielzahl an Skandalen hätte jede andere Influencerkarriere vermutlich längst beendet. Nicht so die von Andrew Tate. Seine Fanbasis ist der Grundstein für ein ganz neues Geschäftsmodell des Influencers.

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Die „Hustler‘s University“ und die abgehängten Männer

Tate gründet die „Hustler‘s University“. Er verspricht Männern, sie könnten mit Krypto-Investitionen und Dropshipping mehrere 10.000 Dollar im Monat verdienen. Ein weiteres Element, das Reichtum bringen soll: die Rekrutierung weiterer Mitglieder für die University. 48 Prozent Provision erhalten Teilnehmer für jede Person, die sie zur Mitgliedschaft bewegen.

Für den optimalen Erfolg rät Tate seinen Anhängern, besonders kontrovers in den sozialen Netzwerken zu posten, um die Möglichkeit zu erhöhen, Aufmerksamkeit zu erreichen. „Was ihr idealerweise wollt, ist eine Mischung aus 60–70 % Fans und 40–30 % Hassern. Du willst Streit, du willst Krieg“, heißt es in einem Leitfaden der „Hustler‘s University“.

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All das sorgt für einen absoluten Selbstläufer in den Netzwerken. Obwohl Tate selbst gar kein Profil auf der Plattform Tiktok besitzt, verbreiten sich genau dort plötzlich zahlreiche Clips des Influencers. Sie werden gepostet von Hunderten Accounts – offenbar größtenteils Mitgliedern der „Hustler‘s University“.

Abgrundtiefe Frauenfeindlichkeit

Auf der Videoplattform werden immer neue Ausschnitte von Podcastepisoden und Interviewshows veröffentlicht, in denen Tate zu Gast ist. In den Clips macht sich Tate etwa über Männer lustig, die seiner Ansicht nach zu weich sind. Dazu gehört seiner Ansicht nach schon allein die Wahl des eigenen Haustiers: „Echte Männer haben Hunde“ – und eben keine Katzen, so Tate. Ein anderes Mal verhöhnt der Influencer Männer, die Leitungswasser statt Mineralwasser trinken.

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Der Kern von Tates Aussagen ist aber vor allem eines: abgrundtiefe Frauenfeindlichkeit. In einem besonders häufig verbreiteten Video erklärt Tate, Frauen seien das Eigentum eines Mannes. Ähnliche Aussagen fallen auch in anderen Videos. Tates gesamte Ideologie ist darauf ausgerichtet, dass Männer das stärkere, wertvollere Geschlecht seien. Frauen hingegen seien dazu da, von Männern benutzt und ausgenutzt zu werden – nicht zuletzt, wenn es der eigenen Karriere diene. Mehrere Milliarden Mal werden die Clips angesehen.

Über genau diese Clips wiederum gelingt es den Mitgliedern, neue Mitglieder für Tates Programm zu rekrutieren – und kräftig an ihnen mitzuverdienen. Viele von Ihnen werben direkt in ihrer Tiktok-Bio und einem Affiliate-Link für Tates Programm. Es ist ein raffiniertes Schneeballsystem, dessen Erfolg sich über Monate hinweg kaum stoppen lässt.

Mitglieder fluten Tiktok mit Videos

Als Beweis, dass die Strategie funktioniert, protzt Tate in Bildern und Videos mit seinem Reichtum. Er zeigt seinen Fuhrpark, der aus teuren Autos wie Porsches und Lamborghinis besteht. Er zeigt sich in Privatjet und mit abnormal teuren Klamotten. Rund 127.000 Mitglieder soll die „Hustler‘s University“ zu Spitzenzeiten gehabt haben. Das macht bei einem Mitgliedsbeitrag von 50 Dollar rund 6,3 Millionen Euro im Monat für Andrew Tate.

Obwohl die Inhalte häufig gegen die Nutzungsbedingungen der Plattform Tiktok verstoßen, kommt die Videoplattform kaum gegen sie an. Da nicht Tate selbst, sondern immer wieder neue Accounts die Videos posten, ist es scheinbar unmöglich, die Videos zeitnah zu sperren. Der Tiktok-Algorithmus, der seine Nutzerinnen und Nutzer besonders gut kennt, tut sein Übriges – und spielt die Videos immer wieder an das Zielpublikum aus: junge, abgehängte Männer – auf der Suche nach Reichtum und Anerkennung.

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Wem es nicht gelingt, mit Tates Businessprogramm erfolgreich zu werden, der ist laut Tate selbst schuld. In einem Video, das ebenfalls in den sozialen Netzwerken die Runde macht, suggeriert ein Kollege Tates, man sei dann einfach ein schwacher Mann. Ein weiterer Anreiz für die zahlenden Mitglieder, sich noch weiter ins Zeug zu legen und bloß nicht zu scheitern.

Ähnliche Strategien auch in Deutschland

Tate ist bei Weitem kein Vorreiter solcher Kurse. Auch in Deutschland versuchen seit Jahren fragwürdige Fakegurus überteuerte Kurse an den Mann und manchmal an die Frau zu bringen – sie alle versprechen finanziellen Reichtum, häufig liegt den Programmen ein Pyramidensystem zugrunde.

Der frühere Trash-TV-Teilnehmer Bastian Yotta hatte es mit solch kostenpflichtigen Coachings eigenen Angaben zufolge zum Selfmademillionär gebracht. Auf der Website seiner „Yotta University“ verspricht er, man könne mit seinen Workshops „alles erreichen, was du jemals erreichen wolltest“.

Ein anderer Promi hatte vor einigen Jahren eine ähnliche Mission: Kollegah. Der Rapper wollte Anhängern seines „Alpha-Mentoring-Programmes“ allerhand erleuchtende Lebenstipps an die Hand geben – natürlich für viel Geld. Dafür hagelte es harsche Kritik, nicht zuletzt von den eigenen Fans. Inzwischen hat der Rapper die Workshops eingestellt.

Meist gegoogelte Person der Welt

Das Programm von Andrew Tate lief deutlich besser. Dieser Tage hat der 35-jährige Internetguru US-Präsident Donald Trump als meist gegoogelte Person des Internets abgelöst. Auch der erfolgreichste Youtuber aller Zeiten „MrBeast“ liegt bei den Suchanfragen weit hinter Andrew Tate. Tates Videos fluten derweil weiterhin die Plattform Tiktok.

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Einen Knick hat die Karriere des fragwürdigen Gurus nun aber bekommen. Der Konzern Meta hat Tate am Wochenende von seinen Plattformen Instagram und Facebook verbannt. Gegenüber der BBC erklärte der Konzern, Tate habe mit seinen Inhalten gegen die Nutzungsbestimmungen verstoßen und sei darum gesperrt worden. Weitere Einzelheiten nannte der Konzern nicht.

Einen Monat zuvor hatte bereits die Zahlungsplattform Stripe die Zusammenarbeit mit der „Hustler‘s University“ beendet. Eine genaue Begründung nannte das Unternehmen nicht. Bestimmte Aktivitäten wie etwa „Schnell reich werden“-Programme würden aber generell von der Plattform ausgeschlossen, heißt es. Tates Programm soll ebenfalls einen Mitgliederrücklauf verzeichnet haben. Von 127.000 Mitgliedern sank die Zahl zuletzt auf 109.000 binnen weniger Wochen.

Rückschlag für Andrew Tate

Und auch die Plattform Tiktok plant augenscheinlich, künftig noch genauer hinzuschauen. „Wir entfernen seit Wochen verletzende Videos und Konten, und wir begrüßen die Nachricht, dass auch andere Plattformen gegen diese Person vorgehen“, so die Plattform gegenüber der BBC. Offensichtlich verschwinden offenbar tatsächlich immer wieder Videos von der Plattform, was Tates Anhänger in Bedrängnis bringt. Wenn sie Tates Kurse nicht bewerben können, fehlt ihnen schlichtweg der Anreiz.

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Mittlerweile soll Tate das Provisionsprogramm seiner „Hustler‘s University“ eingestellt haben. Das berichtete der „Guardian“ am Samstag. Die Entscheidung folgte unmittelbar nach der Bekanntgabe der Sperrung durch Instagram und Facebook. Das Programm habe „keine Zukunft“, zitiert die Zeitung den Influencer.

Ob es auch das Karriereende für Andrew Tate bedeutet, bleibt derweil fraglich. Offenbar plant der Internetguru bereits Neues. Auf der Website seiner „Hustler‘s University“ läuft derzeit ein mysteriöser Countdown. Am Abend soll die Version drei seines Programms erscheinen. Unklar ist, was genau das bedeutet.

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