Sind Sie ein Sturkopf?

Mehr als nur der Didi: Dieter Hallervorden ist Kabarettist, Theaterleiter, Charakterdarsteller.

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Berlin. Herr Hallervorden, kann es sein, dass ich Ihr Gesicht gerade draußen auf einem Straßenplakat gesehen habe?

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Sie meinen sicher die Werbung fürs Berliner Tierheim. Es ist durch die starken Regenfälle im Sommer in große Bedrängnis geraten. Da habe ich mich für eine Spendenaktion zur Verfügung gestellt. Bin ja schließlich selbst Hundebesitzer.

Woher nehmen Sie bei all Ihren Aktivitäten die Zeit dafür?

Das war ja kein Aufwand. Außerdem zeige ich gern Fahne, ich engagiere mich genauso für Kinderhospize.

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Und Sie sind immer häufiger im Kino zu sehen: Werden Ihnen die Figuren inzwischen auf den Leib geschrieben?

Bei einem – leider noch nicht ganz spruchreifen – Kinoprojekt ist dies tatsächlich der Fall. Aber nicht in meinem aktuellen Film: In “Rock My Heart“ spiele ich einen knallharten Knochen, einen Pferderennstallbesitzer. Ich sehe mich da eher als dienenden Gegenpol zu einem schnellen Rennpferd und einer talentierten, jungen Kollegin, die zueinanderfinden müssen.

Der Pferdetrainer ist ausgesprochen eigensinnig und sagt: “Ich mache hier weiter, solange es geht.“ Den Satz könnten Sie doch sofort unterschreiben.

Stimmt, der könnte von mir stammen. Wenn ich ein Ziel erreichen will, gehe ich zwar nicht über Leichen, wie es dieser Trainer notfalls tun würde, aber schon an Grenzen. Vor allem meine eigenen.

Beziehen Sie womöglich einen Extraschub Lebenslust daraus, hin und wieder irgendwo anzuecken?

Ich schwimme ganz gern mal gegen den Strom – nur dann erreicht man die Quelle. Meine Lust auf satirische Einmischungen ist wieder gewachsen, seit ich 2008 das Schlosspark Theater in Berlin übernommen habe. Ich habe viel Kraft aufgewendet, um das Haus zum Leben zu erwecken. Irgendwann habe ich mir gedacht: Jetzt kannst du mal wieder die Politik kommentieren. Also beziehe ich in Liedern Position gegen Erdogan und für Menschenrechte oder kritisiere den Drohnenkrieg.

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Wollen Sie sich so von Ihrer berühmtesten Figur, dem Blödel-Didi, abgrenzen?

Die Leute haben hoffentlich begriffen, dass ich mehr als Didi bin. Auf “Palim, Palim“ werde ich kaum mehr reduziert. Ich bin froh darüber, Komiker zu sein, aber ich bin auch stolz darauf, als Schauspieler ernst genommen zu werden.

Würden Sie sich als Sturkopf bezeichnen?

Nein. Ich bin immer bereit, anderen zuzuhören. Ich revidiere auch mal meine Meinung. Sobald ich aber von einer Sache überzeugt bin, verfolge ich sie mit einiger Sturheit.

Sehen Sie in diesem Hang zum Individualistischen eine Gegenreaktion zu Ihrer DDR-Sozialisation?

Könnte sein. In der DDR habe ich immer wieder die Einschränkung meiner Freiheitsrechte erlebt. Ich stand noch unter dem Schock der Bombennächte im Krieg. Und dann wurde eine rechte Diktatur gegen eine linke ausgetauscht. Für mich als jungen Menschen war es egal, ob ich von linker oder rechter Propaganda niedergewalzt werden sollte. Als ich 1958 in die Bundesrepublik wechselte, war ich das, was unter Linken als Schimpfwort galt: Ich war durch und durch Antikommunist.

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Wenig später haben Sie “Die Wühlmäuse“ erfunden. Nun starten Sie an Ihrer Kabarettbühne noch einmal durch. Was treibt Sie an?

“Die Wühlmäuse“ habe ich 1960 mit Kollegen gegründet. Wir waren ein Ensemble-Kabarett, das wegen vieler anderer Verpflichtungen bald zur Gastspielstätte wurde. Nun will ich mir in meinem hohen Alter den Herzenswunsch erfüllen und das Haus mit einem eigenen Ensemble ausstatten – ein ehrgeiziges Projekt, das ich als Produzent begleite.

Wie geht denn die beste Pointe im Auftaktstück “Ver(f)logene Gesellschaft“?

Die provokanteste ist wohl diese: Angela Merkel tritt mit Burka vor die Presse und verlautbart, dass sie zum Islam übergetreten ist.

Weiß Merkel das schon?

Inzwischen bestimmt.

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Haben Sie das Gefühl, dass politische Auseinandersetzungen heute aggressiver geführt werden?

Ich bin in manchen Shitstorm geraten, aber ich will ja auch nicht von allen Beifall bekommen. Die heftigsten Attacken wurden geritten, als ich im Schlosspark Theater “Ich bin nicht Rappaport“ herausbrachte. US-Autor Herb Gardner hatte in seinem Testament bestimmt, dass eine der beiden Hauptrollen von einem Schwarzen gespielt werden muss. Also haben wir einem Weißen das Gesicht schwarz geschminkt. Es gab ernst zu nehmende Drohungen.

Warum haben Sie die Rolle nicht mit einem schwarzen Schauspieler besetzt? Damit hätten Sie jeden Rassismusvorwurf ausgekontert.

Wo nehmen Sie denn bitte einen 80-jährigen Schauspieler her, der zufällig schwarz ist, fließend Deutsch spricht und auch noch gut ist?

Würden Sie für sich eine gewisse Altersweisheit beanspruchen?

Ich habe für mich noch nie Weisheit beansprucht und begehe auch im Alter noch manche Torheit. Ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, dass früher alles besser war.

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Haben Sie es nie als Torheit betrachtet, sich in die FDP einzureihen?

Nein, ganz besonders jetzt nicht mit Christian Lindner an der Spitze. Ich teile deswegen aber nicht jede Ansicht der FDP. Und zu Zeiten von Westerwelle war die FDP eine reine Wirtschaftspartei und nicht so meine Sache.

Wie schaffen Sie es, zwei Theater gleichzeitig zu leiten?

Nachher gehe ich einfach rüber ins Schlosspark Theater, kein Problem. Was mich aber fuchst, ist die mangelnde Unterstützung durch die Berliner Politik. Wir sind als Privattheater auf Unterstützung angewiesen, aber mit 300 000 Euro abgespeist worden. Damit kann man weder sterben noch leben. Ich habe aber schon die Spielzeit vorfinanziert und gehe voll ins Risiko. Ich arbeite unentgeltlich, bin Intendant, Regisseur, Dramaturg und schieße auch noch Geld zu.

Was haben Sie eigentlich gegen das moderne Regietheater?

Ich sehe keinen Sinn darin, Schillers “Räuber“ in SS-Uniformen zu spielen. Hamlet muss Ophelia auch nicht in der Sauna kennenlernen.

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Ihr größter Kinoerfolg war die Komödie “Honig im Kopf“. Sie spielten einen Alzheimer-Kranken. Haben Sie Angst vor so einem Schicksalsschlag?

Ich möchte mich an der Zukunft erfreuen und sie nicht so düster ausmalen. Sonst kommt mir ja meine gute Laune abhanden. Angst habe ich aber nicht: Ich lerne schließlich mein Leben lang Texte und kann auch alte Rollen schnell wieder abrufen. Ein gewisser Verschleiß ist allerdings unausweichlich. Ich tue was dagegen, schwimme jeden Tag, segle, surfe. Bis vor Kurzem bin ich noch Wasserski gelaufen.

Geben Sie Ihren Alterskollegen doch mal einen Rat: Was muss man tun, um so viel Energie auszustrahlen wie Sie?

Das hängt wohl mit meiner Einstellung zum Leben zusammen. Ich lebe gern. Solange mir niemand das Gegenteil bewiesen hat, glaube ich auch nur an dieses Leben und nicht an eines nach dem Tod. Ich sollte meine Zeit also besser genießen. Und das fällt mir leicht: Ich habe einen Beruf, der mir Spaß macht und mit dem ich anderen Spaß bereiten will. Und gute Gene habe ich auch noch.

Könnte Sie noch irgendetwas locken, den Didi zu reaktivieren?

Alles, was ich mit Didi veranstalten konnte, habe ich getan. Jetzt könnte ich mich nur noch wiederholen. Mich reizt aber nur etwas, was ich noch nicht kenne – und womit ich womöglich mein Publikum überraschen kann.

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Von Stefan Stosch

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