„Mehr Klarheit für Reisende und Unternehmen“: Reiseverband fordert Abschaffung der Testpflicht für Flugreisende aus Nichtrisikogebieten

Ein Reisender geht im Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) mit einem Koffer nahe eines Hinweisschildes mit der Aufschrift "Covid-19 Test Center".

Ein Reisender geht im Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) mit einem Koffer nahe eines Hinweisschildes mit der Aufschrift "Covid-19 Test Center".

An vielen beliebten Reisezielen steigen die Infektionszahlen wieder – Zypern ist bereits Hochinzidenzgebiet. Diese Einstufung könnte bei anhaltendem negativen Trend auch den Niederlanden sowie der beliebten spanischen Insel Mallorca drohen. Das würde bedeuten: Nicht Geimpfte und nicht genesene Reisende müssten nach der Rückkehr in Quarantäne. Für die Tourismusbranche, die laut dem Deutschen Reiseverband (DRV) gerade erst ein wenig „Licht am Ende des Tunnels“ sieht, könnten erneut verschärfte Reisebeschränkungen einen Rückschlag mitten in der Sommersaison bedeuten. DRV-Präsident Norbert Fiebig dämpft mit Blick auf das gesamte Jahr zu hohe Erwartungen.

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Herr Fiebig, wohin verreisen Sie denn in diesem Sommer?

Wir fahren nach Südtirol, zum Wandern und Radfahren. Und in der Natur können wir uns treiben lassen, auf den Almwiesen sitzen und auf der Hütte ein Speckbrot oder Kaiserschmarrn essen und dazu ein Holunderwasser trinken.

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands

Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands

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Bewegen Sie sich mit dem Trend? Wohin zieht es den Rest der deutschen Urlauberinnen und Urlauber?

Deutschland erfreut sich erneut einer sehr starken Nachfrage. Aber hier sind die Kapazitäten nicht unbegrenzt, vor allem nicht in der Ferienzeit. Viele Deutsche möchten auch wieder zu den Auslandszielen, die sie vor Corona bereist haben – Ziele, an denen sie sich auskennen. Das vermittelt in diesen unsicheren Zeiten mehr Sicherheit, als etwas Neues kennenzulernen.

Vor allem im Trend liegen Spanien und Griechenland. Aber auch die Türkei kommt mit großen Schritten zurück, seit sie nicht mehr als Hochinzidenzgebiet klassifiziert ist. Damit droht bei der Rückreise nach Deutschland keine Quarantäne mehr. Die Kundinnen und Kunden schrecken immer dann vor Buchungen zurück, wenn sie eine realistische Gefahr für eine drohende Quarantäne von mindestens fünf Tagen nach der Rückkehr befürchten.

Das zeigt sich auch daran, dass wir, als vor etwa acht Wochen die Corona-Einreiseregeln gelockert wurden, einen sehr deutlichen Buchungszuwachs gesehen haben: Seither müssen Rückreisende aus Risikogebieten nicht mehr in Quarantäne, wenn sie einen Test, eine Impfung oder einen Genesenen-Nachweis vorweisen. Das hätten wir uns schon früher gewünscht, wir haben die Forderung „Corona-Test statt Hausarrest“ bereits 2020 nachdrücklich platziert.

Sind Sie denn aktuell zufrieden mit den Umsätzen der Sommersaison?

Der Sommer ist gut angesprungen. Aber wir sind aktuell trotzdem nur bei etwa 30 Prozent dessen, was wir zum gleichen Zeitpunkt 2019 an Buchungen für die Saison hatten. Fernreiseziele sind weitestgehend ausgefallen, das erste Halbjahr war weitestgehend umsatzlos oder mit sehr geringem Umsatz. Und das ist wirtschaftlich auch nicht mehr aufzuholen. Veranstalter und Reisebüros rechnen in diesem Jahr mit etwa 40 bis 50 Prozent der Umsätze von 2019. Das hängt aber auch davon ab, wie der Sommer jetzt weiterläuft.

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Der Sommer hält für Reisende einige Stolpersteine bereit. Ich denke da ans Hin und Her bei der Einstufung der Risikogebiete und der Einreiseregeln.

Die Verunsicherung der Kunden ist da, keine Frage. Es wird extrem spontan gebucht: Die Buchungen von Mai und Juni hatten zu mehr als 50 Prozent ein Abreisedatum im Juli oder August – so kurzfristig gab’s das noch nie.Damit mehr Menschen reisen, darf es keine neue Verunsicherung in Form von Regularien geben. In den Einreisebedingungen muss es auch weiterhin die Möglichkeit geben, eine Quarantäne durch eine Testung zu vermeiden. Es sei denn, die Einreise erfolgt aus einem Virusvariantengebiet.

Der Buchungskiller ist eine drohende Quarantäne bei Rückreise nach Deutschland. Da sind die Kundinnen und Kunden überaus sensibel – vor allem, wenn es um den Familienurlaub geht. Das haben wir am Beispiel Portugal gesehen.

In diesem Fall hat die Bundesregierung einen ganz schönen Zickzackkurs hingelegt. Was hatte der für Folgen für die Reisebranche?

Epidemiologisch haben diese acht Tage als Virusvariantengebiet vermutlich nichts gebracht, außer einer Verunsicherung der Reisenden. Das wäre aus meiner Sicht absolut verzichtbar gewesen. Vielen Menschen hat es den Urlaub versemmelt und hohe Kosten verursacht – sowohl bei den Reisenden als auch bei den Veranstaltern. Unsere EU-Nachbarländer haben diesen „Klassifizierungsausflug“ nicht mitgemacht und haben sich auch sehr kritisch zu dem Schritt der Deutschen geäußert.

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Wir sind zwar zufrieden, dass die Bundesregierung die Entscheidung schnell rückgängig gemacht hat – aber wir würden uns wünschen, dass solche Ausflüge in Zukunft vermieden werden und die Politik hier ein Stück vorausschauender agiert.

Es steht zu hoffen, dass mit der neuen Einreiseverordnung mehr Klarheit und Verlässlichkeit für Reisende und Unternehmen einhergeht.

Norbert Fiebig,

DRV-Präsident

Was würden Sie sich da konkret wünschen?

Wir müssen aus meiner Sicht weg von der sehr starken Orientierung nur an den Inzidenzwerten. Denn die Inzidenz hat heute nicht mehr die Aussagekraft wie zu Beginn der Pandemie und der jetzt bereits hohen Impfquote. Die Einbeziehung mehrerer Messgrößen – zum Beispiel auch die Belastung des Gesundheitswesens und das Ausmaß der Erkrankungen – würde aus meiner Sicht dazu führen, dass die Volatilität bei der Einstufung reduziert wird. Ich bin froh, dass diese Diskussion auch politisch an Fahrt aufgenommen hat.

Ab August soll es eine neue Einreiseverordnung geben. Es steht zu hoffen, dass damit mehr Klarheit und Verlässlichkeit für Reisende und Unternehmen einhergeht. Die Abschaffung der Testpflicht für nicht Geimpfte bei Rückreise aus einem Nichtrisikogebiet wäre wünschenswert. Schon vor Wochen haben wir gesagt, dass dies im Sinne des Gesundheitsschutzes verzichtbar ist und wir zu einem risikobasierten Ansatz zurückkehren müssen.

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Auch bei den EU-weiten Reisebeschränkungen zeichnen sich Verschärfungen ab: Malta lässt nur noch Geimpfte ohne Quarantäne einreisen, Griechenland nur Geimpfte in die Innengastronomie. Was tragen solche Schritte zur Verunsicherung der Reisenden bei?

Wir haben immer noch Alleingänge, wo Länder unterschiedlich restriktiv in den Reiseregeln sind. Das ist nicht besonders erfreulich, weil es zur weiteren Verunsicherung beiträgt. Ohne Verlässlichkeit wird die zart aufkeimende Pflanze Reise nicht angemessen gedeihen. Aber die nationale Hoheit lässt sich nicht in jedem Punkt aushebeln.

Kann die Reisebranche in diesem Jahr denn – trotz aller Unsicherheiten – etwas aufatmen?

Es bewahrheitet sich, was wir ganz zu Beginn der Krise gesagt haben: Wir waren die Ersten, die besonders betroffen waren. Und wir werden mit die Letzten sein, die wieder in einen Normalzustand kommen. Wir hatten im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang von rund 80 Prozent. Ohne die umfassende Unterstützung der Bundesregierung, des Wirtschaftsministeriums im Besonderen, hätte die Branche nicht die Chance gehabt, die in der Vergangenheit immer sehr leistungsfähige, mittelständisch geprägte, touristische Infrastruktur zu erhalten.

Das heißt, die lange befürchtete Pleitewelle ist auf Dauer abgewendet?

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Aktuell sehen wir die befürchtete Insolvenzwelle nicht. Damit das so bleibt, die Unternehmen weiter durch und über die Krise kommen, ist es wichtig, dass die Überbrückungshilfen nicht Ende September enden. Wir brauchen eine Verlängerung mindestens bis zum Jahresende, und diese Perspektive muss nun relativ schnell kommen. Die Unternehmen der Reisebranche brauchen Planbarkeit. Und die ist dann gegeben, wenn sie wissen, mit welchen Unterstützungen sie noch rechnen können, wenn sie bei Weitem noch nicht in dem Zustand zurück sind, der es ihnen erlaubt, wirtschaftlich wieder auf eigenen Füßen zu stehen.

Denn die wirtschaftlichen Herausforderungen sind noch da, die Krise ist noch nicht zu Ende. Wir sehen ein Licht am Ende des Tunnels – aber wir müssen noch keine Sonnenbrille tragen.

Mit welchem Gefühl blicken Sie Richtung Herbst und Winter?

Ich hoffe, dass die Lage sich nochmal deutlich entspannt, und das verbinde ich mit der Hoffnung, dass auch die Impfquote weiter steigt. Wo ich nicht ganz so zuversichtlich bin, ist der Fernreisesektor. Und der ist in der Wintersaison ein entscheidender Umsatztreiber. Wir werden nicht in jedes Land zu Bedingungen einreisen können, die unbedingt einen Anreiz darstellen für die Kundinnen und Kunden. Die Länder werden so öffnen, wie sie es für angemessen halten. Darin sehe ich eine Herausforderung – auch, weil es hier keine internationale Solidarität wie in der EU gibt.

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