Eröffnungsfeier vor 50 Jahren

Olympia 1972: Spiele zwischen Triumph und Terror

Zwei Seiten: Die Olympischen Spiele 1972 zwischen Triumph und Terror.

Zwei Seiten: Die Olympischen Spiele 1972 zwischen Triumph und Terror.

„Oh, wie ist das schön, oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen, so schön, so schön.“ Die Stimmung bei den jüngst zu Ende gegangenen European Championships mündete immer wieder in diesem Stadienevergreen der guten Laune. Die Sonne schien, innerhalb von eineinhalb Wochen waren in München Wettbewerbe in neun Sportarten zu sehen. Schnell sprach man wieder mal von einem Sommermärchen.

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Der Gedankensprung von diesem fulminanten Sportevent des Jahres 2022 zu neuerlichen Olympischen und erstmaligen Paralympischen Spielen in der bayerischen Hauptstadt war kurz – deutlich kürzer jedenfalls als der Silberhüpfer von Weitspringerin Malaika Mihambo. Doch zwischen einem kleinen Großereignis wie den European Championships und einem ausufernden Großevent wie Olympischen Spielen liegen mittlerweile Welten. Nicht nur, dass ein Austragungsort einen beträchtlichen Teil seiner kommunalen Autonomie und seiner Entscheidungsbefugnisse an das Internationale Olympische Komitee abgeben muss. Die Spiele fordern mittlerweile auch Milliardeninvestitionen, bedeuten hohe Sicherheitsrisiken und stoßen daher auf viel Kritik.

Auch deshalb scheiterte die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2022, die in diesem Februar dann in Peking stattfanden, vor acht Jahren bereits am Votum der Bevölkerung. Damals sah die Mehrheit den Schaden von Spielen höher als den Nutzen. NOlympia hatte gesiegt.

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Bundesinnenministerium unterstützt neuerliche Olympiabewerbung

Doch in diesen Tagen sind nach den Championships neben zögerlichen auch begeisterte Männer und Frauen zu hören, die die fünf Ringe wieder in Deutschland sehen möchten. „Wir unterstützen natürlich die Perspektive einer deutschen Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland“, hieß es aus dem Bundesinnenministerium, das für den Sport zuständig ist. Und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte: „Es wird eigentlich jetzt schon höchste Zeit, dass mal wieder Sommer- oder Winterspiele in Deutschland stattfinden.“

Mal wieder. 50 Jahre ist es nun her, dass letztmals in Deutschland die olympische Flagge wehte und das olympische Feuer brannte. Anfangs sah man auch damals die Bewerbung mindestens skeptisch: „Kaum erwartet, bietet sich, wie Bundesinnenminister Paul Lücke (CDU) formulierte, für ‚das junge Deutschland Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass es ein friedliebendes demokratisches Volk ist‘. Das ist die Chance“, kommentierte der „Spiegel“ 1966. Und weiter: „Aber es bietet sich auch die Gelegenheit, den nach selbst entfachtem Krieg und selbst verschuldeter Niederlage gerade wiederentdeckten Nationalstolz (Kanzler Erhard: ‚Wir sind wieder wer‘) unter den olympischen Ringen aufzublähen und den Schuldbrief deutscher Vergangenheit in der olympischen Flamme zu verbrennen. Das ist das Risiko.“

Teure Spiele wie in Tokio 1964 wollten die Organisatoren in München vermeiden

Der Nationalsozialismus war seinerzeit noch omnipräsenter Bezugspunkt in Politik, Kultur und eben auch Sportpolitik. Münchens damaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) und der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, waren sich dessen bewusst. Sie hatten 1966 in unglaublicher Schnelle eine Bewerbung, die durch einnehmende Bescheidenheit punkten sollte, zusammengezimmert: 500 Millionen D-Mark sollten reichen, gigantische Spiele wie in Tokio 1964 wollten die Macher in München vermeiden. Das IOC ließ sich überzeugen, die Spiele gingen nach Bayern. Die Kosten betrugen am Ende allerdings das Vierfache.

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NOK-Vorsitzender: Willi Daume.

NOK-Vorsitzender: Willi Daume.

Die Stadt München sollte sich nicht erst mit der Eröffnungsfeier, sondern bereits während der Vorbereitungen und Bautätigkeiten ändern. Menschen aus anderen Ländern kamen in die Stadt und brachten unter anderem neue Rezepte, neue Ideen, neues Essen mit. Olympische Spiele sind immer auch Türöffner in andere Welten, früher noch mehr als heute.

Otl Aicher schuf eine farbenfrohe Visitenkarte für ein modernes Land

Aber auch auf einer anderen Ebene, nämlich als Abgrenzung zu Deutschlands und speziell auch Münchens dunkler Vergangenheit, konnten die Spiele ihren Dienst leisten. OB Vogel sagte später, er habe es 1966 als Wunder empfunden, „dass wir die Spiele erhielten: 21 Jahre nach Kriegsende, München war für die Nazis ‚Hauptstadt der Bewegung‘, das KZ Dachau in der Nähe“.

Die Olympischen Spiele 1972 sollten daher auch in nichts an die Hitler-Spiele von 1936 erinnern. Leni Riefenstahl, die Berlin 36 mit ihrer Kamera begleitete, durfte für Olympia 72 keinen Beitrag leisten. Obwohl sie gern wollte.

50 Jahre Münchner Olympia-Attentat

Am 05. September 1972 überfielen 8 palästinensische Terroristen die israelische Olympiamannschaft. Die Aktion endete in einer Tragödie.

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Wie kein Zweiter steht aber Otl Aicher für die Abkehr von allem Nationalistischen und für die Trennlinie zu den Spielen 1936. Der Designer, der das „Dritte Reich“ mit Anstand und in Freundschaft mit den Geschwistern Scholl verbracht hatte, wurde beauftragt, das Erscheinungsbild der Olympischen Spiele zu entwickeln. Die Spiele sollten ein heiteres, lockeres, fröhliches, weltoffenes, anderes (West-)Deutschland präsentieren. Und Otl Aicher entwickelte eine farbenfrohe Visitenkarte für ein modernes Land.

Das alles passte in die Zeit. Als das Jahr 1972 anbrach, das durch einen Schalttag und zwei Schaltsekunden das längste Jahr des gregorianischen Kalenders ist, war die Bundesrepublik im Wandel begriffen. Drei Jahre zuvor hatte Willy Brandt das Kanzleramt bezogen und nicht nur im Palais Schaumburg, sondern im gesamten Land, so schien es, die Fenster geöffnet. Aber es war nicht nur der eine Politiker, der die Bundesrepublik fast 25 Jahre nach ihrer Gründung ordentlich durchlüftete. Der Wandel kam aus der Gesellschaft selbst.

Der Wandel zeigte sich nicht zuletzt in dem demokratisch angelegten Olympiapark und dem von aller architektonischen Bedeutungsschwere befreiten Olympiastadion. Und so kamen die 121 teilnehmenden Nationen der XX. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit am 26. August 1972 unter dem sensationell leicht aussehenden Dach des Architekten Günter Behnisch zur Eröffnungsfeier zusammen.

Noch heute hört und liest man, wie fair das Publikum damals war. Kalter Krieg? Nicht zu bemerken. Auch eine sowjetische Sportlerin wie Olga Korbut wurde gefeiert. Die Weltpresse zeigte sich im Laufe der kommenden Tage von diesem ganz anderen Deutschland begeistert. Die Spiele hatten begonnen, das olympische Feuer brannte, ein Land war entflammt.

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Unvergessen bleiben aus diesen Tagen neben vielen anderen sportlichen Höchstleistungen und begeisternden Athletinnen und Athleten die sieben Goldmedaillen des US-Amerikaners Mark Spitz im Schwimmen. Oder Heide Rosendahl, die am sechsten Wettkampftag endlich das erste Gold für das bundesrepublikanische Leichtathletikteam holte: Sie siegte im Weitsprung, später auch mit der 4x100-Meter-Staffel und holte zudem im Fünfkampf Silber. Am „goldenen Sonntag“, dem 3. September, gelangen Klaus Wolfermann im Speerwurf, Hildegard Falck über 800 Meter und Bernd Kannenberg über 50 Kilometer Gehen innerhalb einer guten Stunde drei Siege für die Bundesrepublik.

Für die DDR glänzte Renate Stecher, die über 100 und 200 Meter ihren Konkurrentinnen davonlief. Auch Schwimmer Roland Matthes gewann Doppelgold – über 100 und 200 Meter Rücken. Die ostdeutschen Fußballer gewannen Bronze. Erfolgreichste Sportlerin der DDR war die Turnerin Karin Janz, die zwei Gold- und zwei Silbermedaillen sowie eine Bronzemedaille holte.

Am Abend des 4. September 1972 dann sprang die 16-jährige Ulrike Meyfarth über die für sie neue Höhe von 1,92 Meter direkt in die Herzen des Publikums und gewann Gold. Es war ein Sommermärchen.

Dann kam der Terror. In der Nacht zum 5. September kletterten palästinensische Terroristen über den schlecht gesicherten Zaun des Männerdorfs in der Connollystraße. Sie nahmen israelische Sportler als Geiseln, die Verhandlungen und letztlich die Befreiungsaktion der Polizei scheiterten kläglich. Am Ende waren elf israelische Sportler, ein Polizist und fünf Terroristen tot.

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Nach kurzer Überlegung und einer Gedenkfeier gab IOC-Präsident Avery Brundage die Entscheidung mit den berühmten Worten „The games must go on“ bekannt. Die Spiele gingen weiter, Sportlerinnen und Sportler kämpften um Gold, Silber und Bronze. Nur die ungetrübt heiteren Spiele waren vorbei.

„The games must go on“: Flankiert von Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann (r., unten) spricht IOC-Präsident Avery Brundage (USA) am 6. September 1972 im Münchner Olympiastadion auf der Trauerfeier für die Opfer des Terroranschlages auf die israelische Olympiamannschaft bei den Olympischen Sommerspielen.

„The games must go on“: Flankiert von Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann (r., unten) spricht IOC-Präsident Avery Brundage (USA) am 6. September 1972 im Münchner Olympiastadion auf der Trauerfeier für die Opfer des Terroranschlages auf die israelische Olympiamannschaft bei den Olympischen Sommerspielen.

Die Erinnerungen an die Olympischen Spiele 1972 werden daher für immer zweigeteilt sein. Herausragende sportliche Leistungen stehen neben unauslöschlicher Trauer. Diese Trauer bewegt bis heute, sie beschäftigt sowohl die Angehörigen und Freunde der Sportler als auch den deutschen Staat und prägt die kollektive Erinnerung bis in unsere Tage. Die Debatte der vergangenen Wochen über angemessene Entschädigungen, die Ankündigung der Angehörigen um deren Sprecherin Ankie Spitzer, aus Protest der geplanten Gedenkfeier am 5. September fernzubleiben, zeigt, dass das Attentat auf die israelischen Sportler seine Schatten bis in die Gegenwart wirft. Ein Attentat, das zugleich ein Anschlag auf eine freie und friedliche Gesellschaft war.

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