DFB knickt ein

„One Love“-Binde: Am Ende des Regenbogens

Die Fifa untersagte das Tragen der One-Love-Binde, die Nationalverbände um den DFB hielten sich daran.

Die Fifa untersagte das Tragen der One-Love-Binde, die Nationalverbände um den DFB hielten sich daran.

Raphael Claus hätte in die Fußballgeschichte eingehen können. Der brasilianische Schiedsrichter hatte die undankbare Aufgabe, gleich bei seinem WM-Debüt ein Spiel zu pfeifen, bei dem es im Vorfeld nicht um Sport, sondern um ein buntes Stück Stoff ging.

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Denn England war eines jener sieben Teams, dessen Mannschaftsführer bei der WM die „One Love“-Kapitänsbinde tragen wollten – den Streifen mit dem bunten Herz, das für Vielfalt und Toleranz steht. Und das dem Weltverband Fifa ein Dorn im Auge ist, weil es die Menschenrechtslage im Gastgeberland Katar subtil kritisiert. Die Fifa drohte mit Sanktionen. Gelbe Karte für Solidarität?

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Und so wartete alle Welt auf den Anpfiff am Montagnachmittag: Was würde sich Englands Kapitän Harry Kane über den Arm streifen? Und was würde Raphael Claus tun? Ihm die gelbe Karte zeigen – oder ihn sogar vom Feld verweisen? Das Bild wäre um die Welt gegangen.

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Rückzug der One-Love-Allianz

Doch wenige Stunden vor dem Anpfiff verschickten die an der „One Love“-Kampagne beteiligten Fußballverbände eine Mitteilung, die alle Gedankenspiele obsolet machte.

„Die FIFA hat sehr deutlich gemacht, dass sie sportliche Sanktionen verhängen wird, wenn unsere Kapitäne die Armbinden auf dem Spielfeld tragen“, teilten Deutschland, England, Wales, Belgien, Dänemark, die Niederlande und die Schweiz mit. „Als nationale Verbände können wir unsere Spieler nicht in eine Situation bringen, in der sie mit sportlichen Sanktionen, einschließlich Platzverweisen, rechnen müssen. Deshalb haben wir die Spielführer gebeten, die Armbinden bei Spielen der FIFA-WM nicht zu tragen.“ Man sei „sehr frustriert“ über die „beispiellose“ Entscheidung des Weltfußballverbands. Ein Paukenschlag – und ein Einknicken vor der Fifa und dessen Präsident Infantino.

Noch am Sonntag hatten UEFA-Vertreter mit der Fifa um eine Lösung in der Frage gerungen, ergebnislos. DFB-Präsident Neuendorf kündigte trotzdem an: „Wir bleiben dabei, dass wir mit der Binde auflaufen.“ Bereits am Freitag bekräftigte er, dass man im Notfall eine Geldstrafe für die Binde riskieren würde. Er begründete dies so: „Das ist keine politische Äußerung, sondern ein Statement für die Menschenrechte.“ Auch der englische Verband wollte standhaft bleiben.

DFB-Rückzieher: Manuel Neuer spielt ohne „One Love“-Binde

Kapitän Manuel Neuer wird bei den WM-Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Katar nun doch nicht mit der „One-Love“-Kapitänsbinde auflaufen.

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Umso dramatischer erscheint nun der Rückzieher, den jener Bernd Neuendorf wie folgt zu erklären versuchte: „Wir wollen nicht, dass der Konflikt, den wir zweifellos haben mit der Fifa, auf dem Rücken der Spieler ausgetragen wird. Wir stehen zu unseren Werten und dazu, was wir gesagt haben.“

Es dauerte nicht lange, bis erste Vorwürfe der Heuchelei erhoben wurden. So kritisierte der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne) gegenüber den RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), er sei zutiefst enttäuscht vom DFB. Er erwarte, „dass der Verband die eigenen Spieler stärkt und sich klar während des Turniers für die Menschenrechte positioniert.“ Der Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD), Christian Rudolph, sprach gegenüber dem RND im Zuge der WM von einem „Alptraum“. Der DFB sollte die Spieler der Nationalmannschaft in einer kritischen Haltung bestärken und sich vereint gegen die Verbote der Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit durch die Fifa stellen, forderte Rudolph.

Beim Spiel gegen den Iran trug Harry Kane die von der Fifa vorgeschlagene Kapitänsbinde.

Beim Spiel gegen den Iran trug Harry Kane die von der Fifa vorgeschlagene Kapitänsbinde.

Es bleibt dabei, dass politische Themen das Megaevent im Emirat bestimmen. Während die Eröffnungsfeier am Sonntag unfallfrei über die Bühne lief, entfacht der Verzicht der Verbände die Katar-Debatte nun erst recht. Diese WM ist mehr denn ein Pulverfass, das in den nächsten Wochen zu explodieren droht. Und maßgeblich ist dieses Stück Stoff, das die Kritiker eigentlich versöhnen sollte.

One-Love-Binde galt von Anfang an als Alibi

Noch kurz vor dem Turnier hatte Manuel Neuer bekräftigt: „Die Power, die die Binde hat, ist gut. Sie tragen auch andere europäische Nationen. Es ist gut, dass wir das zusammen machen.“

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Dabei war von Anfang an klar, dass die One-Love-Binde nur den kleinsten Kompromiss darstellt. Sie wurde im September im Rahmen der „Nations League“-Spiele eingeführt: Ein Herz mit bunten Farben, darauf die Zahl 1. Neben den sieben nun betroffenen Ländern machte auch Frankreich mit. Die Farben sind der panafrikanischen und der pansexuellen Flagge entlehnt; und damit Emblemen, die den meisten unbekannt sein dürften. Im Gegensatz zum Regenbogen, der überall in der Welt für die LGBTQ-Bewegung steht. 2017 wurden dessen Farben erstmals in der Bundesliga getragen – bezeichnenderweise bei den Frauen, Pionierin war die Kapitänin des Vfl Wolfsburg. Selbst Manuel Neuer trug den Originalregenbogen bei zwei Vorrundenspielen während der EM 2021.

Die One-Love-Binde sollte als Lightversion von Anfang für sanfteren Protest stehen. Auf großer Bühne wurde sie erstmals bei der EM im vergangenen Jahr von der niederländischen Nationalelf eingesetzt – sie spielten in Ungarn, wo damals ein Gesetz beschlossen wurde, das die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität einschränkt. Eine Herzensangelegenheit von Viktor Orban. Seitdem gilt die One-Love-Binde als favorisiertes Design, um verhalten Kritik zu üben. Und damit als Wahl für Katar, wo Homosexuellen Gefängnis bis zu sieben Jahre und Stockhiebe drohen, Muslimen nach dem Scharia-Recht sogar die Todesstrafe.

Bei der EM 2021 trug Manuel Neuer zweimal die Regenbogenkapitänsbinde.

Bei der EM 2021 trug Manuel Neuer zweimal die Regenbogenkapitänsbinde.

Doch wie weit die Risikobereitschaft der Unterstützer ging, zeigte schon Frankreich, das kurz vor Turnierstart die One-Love-Allianz wieder verließ. „Wenn man Ausländer in Frankreich aufnimmt, möchte man, dass sie sich an unsere Regeln halten und unsere Kultur respektieren. Das werde ich auch tun, wenn ich nach Katar gehe“, hatte Kapitän Hugo Lloris erklärt.

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Drohte den Abweichlernationen ein Punktabzug?

Die anderen Nationen um Deutschland wollten bis zuletzt dabeibleiben. Was hat sie in nur einer Nacht zum Umdenken bewogen?

Die Fifa hatte jüngst deutlich gemacht, dass das Tragen der „One Love“-Binde einen Regelbruch darstelle und auch sportliche Sanktionen möglich seien. Womöglich hätte den Kapitänen gleich zu Beginn des Spiels eine Gelbe Karte gedroht. Auch von Platzverweis, sogar Punktabzug war die Rede.

„Wir wissen aber nicht genau, um welche Sanktionen es sich gehandelt hätte – das war auch das Problem“, sagte DFB-Boss Neuendorf. „Es war eine eindeutige Drohung, die in unsere Richtung ausgesprochen wurde, die wir sehr ernst nehmen mussten.“

DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts) spricht während einer Pressekonferenz neben DFB-Direktor Oliver Bierhoff über das Aus für die One-Love-Binde.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf (rechts) spricht während einer Pressekonferenz neben DFB-Direktor Oliver Bierhoff über das Aus für die One-Love-Binde.

Befremdlich wirkte jedoch auch, wie er im selben Zuge das Veto der Fifa kommentierte: „Ich halte es für eine sehr schwierige Entscheidung, die Unruhe in die Mannschaften hineinbringt und Druck ausübt auf die Spieler. Und das ist wirklich nicht das, was man von so einem Verband gebrauchen kann.“

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Neuendorf schiebt alle Schuld auf die Fifa – und zeigt mit dem Verweis auf das Sportliche, dass alles Gerede um die Menschenrechte letztlich nur halbherzig gemeint war. Es wäre ein starkes Zeichen gewesen, wenn fast ein Viertel der WM-Länder mit einem gemeinsamen Symbol der Solidarität aufgelaufen wäre. Nun stellt man das sportliche Weiterkommen aber über das Einstehen für die proklamierten Werte.

Fifa beruft sich auf Regelwerk

Der Fifa hingegen war eine Binde, die für Vielfalt und Toleranz stehen soll, von Anfang an zu viel des Politischen. Offiziell begründete sie ihre Ablehnung mit Artikel 13.8.1 – zu finden in den Ausrüstungsregeln: „Für Fifa-Finalwettbewerbe muss der Kapitän jeder Mannschaft eine von der Fifa gestellte Armbinde tragen.“ Die Fifa unterstütze zwar Kampagnen wie One Love“, aber dies müsse im Rahmen der allen bekannten Regeln erfolgen. Ihrer Regeln.

Wahrscheinlich wäre bei einer Missachtung ein Passus bezüglich des Verbots von politischen Botschaften zur Anwendung gekommen: „Bei einem Verstoß gegen diese Bestimmung wird der Spieler und/oder das Team durch den Wettbewerbsorganisator, den nationalen Fußballverband oder die Fifa sanktioniert“, heißt es dort.

Und so gab die Fifa zwei Tage vor Turnierbeginn selbst bekannt, wie sie sich die offizielle Kapitänsbinde vorstellt. Gleich neun verschiedene Botschaften sollen darauf im Laufe des Turniers zu lesen sein. Das Motto für den ersten Spieltag der Gruppenphase lautet: #FootballUnitesTheWorld, Fußball vereinigt die Welt. Was angesichts der Debatte in den letzten Tagen wie ein schlechter Scherz wirkt. Die Optik, ein Herz, das ein Fußball umschließt, ähnelt zudem der One-Love-Binde. Das Design an der Grenze zur Produktpiraterie macht klar, gegen wen sich das Stoffstück richten soll. Die vielen Hashtagbotschaften sollen jene Botschaft vergessen machen die eigentlich Manuel Neuers Bizeps zieren sollte: One Love.

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Erneut – wie bereits beim Bierausschank in den Stadien – traf die Fifa kurz vor dem ersten Anstoß eine Entscheidung bei einem Thema, das zuvor für hitzige Diskussionen gesorgt hatte. Je kurzfristiger der Entschluss, desto kürzer die anschließende Diskussion, das dürfte das Ziel sein.

In ihrem Gebaren und ihrer Regelauslegung erinnert sie mehr und mehr an das autoritär geführte Regime des Ausrichterstaates. Zuvor hatte die Fifa bereits Dänemark den Slogan „Menschenrechte für alle“ auf seinen Trainingsshirts verboten. Auch hier verwies der Weltverband auf das Verbot von politischen Botschaften.

In einer Welt voller Krieg, Krisen und Protest will die Fifa ihr Premiumprodukt reinhalten von allen politischen Färbungen. In einem Brief an die WM-Teilnehmer hatte Infantino extra gebeten: „Lassen Sie bitte nicht zu, dass der Fußball in jeden ideologischen oder politischen Kampf hineingezogen wird, den es gibt.“

Protest gegen das iranische Regime

Das Glaubwürdigkeitsproblem der Fifa wird nicht mehr zu beheben sein, das ist schon jetzt klar. Jetzt kommt es auf die Nationalverbände selbst an, im Machtkampf mit dem Verband Zeichen zu setzen.

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In ihrer Erklärung zum Verzicht auf die „One Love“-Binde kündigten Deutschland und Co. an, sie würden „ihre Unterstützung auf andere Weise zeigen“. Die englische Mannschaft machte es vor, als sie sich im gestrigen Spiel gegen den Iran hinkniete. Der Kniefall entstammt der Black-Lives-Matter-Bewegung und ist zum weltweiten Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung geworden.

In einem Spiel gegen England im Juni schloss sich das deutsche Nationalteam dem englischen Kniefall an.

In einem Spiel gegen England im Juni schloss sich das deutsche Nationalteam dem englischen Kniefall an.

Überhaupt zeigte die Partie gegen den Iran, wo seit Wochen Menschen bei Protesten gegen das Regime ihr Leben verlieren, wie politisch der Fußball eben doch ist. Aus der iranischen Nationalelf, die vor dem Abflug Präsident Ebrahim Raisi besuchen musste, sang demonstrativ niemand die Nationalhymne mit. Die Spieler setzten sich selbst und ihren Familien damit großen Risiken aus; im Staatsfernsehen wurde die Übertragung unterbrochen. Die iranischen Fans im Stadion hatten Tränen in den Augen.

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