100 Jahre Bruno-Plache-Stadion

Spielabbruch in Leipzigs neuem Stadion: Die Meisterschaftsfrage von 1922

August 1922: Im Leipziger VfB-Stadion müssen sich die Nürnberger Kicker in der Pause auf dem Spielfeld umziehen, weil wegen Überfüllung des Stadions der Gang in die Kabine nicht möglich war.

August 1922: Im Leipziger VfB-Stadion müssen sich die Nürnberger Kicker in der Pause auf dem Spielfeld umziehen, weil wegen Überfüllung des Stadions der Gang in die Kabine nicht möglich war.

Leipzig. Das Bruno-Plache-Stadion hat viele große sportliche Momente erlebt – wie den Friedensfahrt-Etappensieg von Radsport-Ikone Täve Schur vor 60.000 Zuschauern im Jahr 1955. Etwas Einmaliges nahm im August 1922 kurz nach der Stadion-Einweihung in Probstheida seinen Anfang. Dabei sollte die an jenem Sonntag angesetzte Wiederholungspartie den Entscheid über den deutschen Fußballmeister der Saison 1921/22 bringen.

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Titelverteidiger 1. FC Nürnberg galt erneut als haushoher Favorit. Doch bereits im ersten Finalspiel in Berlin schafften die Kicker um Deutschlands besten Torwart Heiner Stuhlfauth, Luitpold Popp und Heinrich Träg nur ein 2:2 gegen den Hamburger SV. Die Entscheidung wollte einfach nicht fallen. Nach mehr als drei Stunden skandierten die meisten der 30.000 Zuschauer „Aufhören!“ Nach der Verlängerung gab es noch keine Entscheidung. Das nächste Tor sollte entscheiden, doch es fiel nicht. Nach 189 Minuten hatte Schiedsrichter Peco Bauwens (Köln) – der spätere DFB-Präsident – ein Einsehen und brach wegen Dunkelheit, aber auch Schwäche einiger Spieler die Partie ab.

15.000 Fans mehr als geplant

Das gerade übergebene Spielfeld des VfB Leipzig erlebte die Wiederholung. Die 45.000 Karten waren rasch vergriffen und das bei happigen Preisen. So kostete der beste Tribünenplatz 100 Reichsmark, erst ab mindestens 5 Reichsmark kam der Fußballfreund auf das neu entstandene Sportgelände. Die Organisatoren um VfB-Präsident Erich Chemnitz – später als umtriebiger Journalist bekannt – hatten an vieles gedacht. Sogar an Betreuer für die hochrangigen Ehrengäste. Einweiser kümmerten sich um tausende auswärtige Gäste, so dass sich der Zugang zum Stadion mit langen Kolonnen von Straßenbahnen (auf drei Linien), Pferdedroschken, Autos, Fahrrädern oder zu Fuß reibungslos vollzog. Der Strom der Massen setzte bereits am Vormittag ein, eine Stunde vor Anpfiff stauten sich die Menschen vor den Stadiontoren.

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Wenige Minuten vor dem geplanten Beginn gab es für die Massen kein Halten mehr. Sie durchbrachen die Absperrungen und drangen direkt zum Spielfeld vor, so dass sie sich wenige Meter vor den Linien platzieren konnten. Was natürlich den Unmut der Kartenbesitzer erregte, die schließlich für damalige Verhältnisse horrende Summen bezahlt hatten, um dieses entscheidende Partie um den Meistertitel zu erleben. Ihnen war plötzlich die Sicht genommen. Handgreiflichkeiten blieben nicht aus, Ordner und Sanitäter waren nicht nur vor dem Anpfiff oft beschäftigt.

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Geschätzte 70.000 Zuschauer wollten sich das Finale nicht entgehen lassen, was neuen Zuschauerrekord für ein Fußballspiel in Deutschland bedeutete. Der Andrang war so stark, dass die Spieler angesichts der Massen in der Halbzeit nicht in die Kabinen konnten.

Schiedsrichter Bauwens konnte erst eine halbe Stunde später ein Match anpfeifen, das vor allem durch viele harte Zweikämpfe und Ruppigkeiten geprägt war. Vor allem die Nürnberger ragten dabei heraus. So blieb dem Schiri nichts anderes übrig, als zwei Franken des Feldes zu verweisen.

Meister oder kein Meister?

Da mit Popp ein weiterer Nürnberger verletzt ausfiel und somit nur sieben Franken verblieben, brach Bauwens auch dieses Spiel ab. Was er laut Regel 5 der damaligen DFB-Spielordnung gar nicht hätte tun dürfen. Der Abbruch erfolgte in der Pause der Verlängerung, war jedoch nur während des Spiels erlaubt. Das Match endete 1:1, Träg (24./Club) und Karl Schneider (69./HSV) erzielten die Tore.

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Der Hamburger SV wurde zunächst zum Meister erklärt, was nicht nur den Unmut der Massen und schließlich auch den Protest der Nürnberger auslöste. Später ließ der HSV – wohl auf leichten DFB-Druck – erklären, einen auf diese Weise errungenen Meistertitel wolle man nicht annehmen. Auf der Homepage des DFB wird somit einmalig in der Verbandsgeschichte für das Jahr 1922 kein Titelträger vermerkt. Die Meisterschale dagegen ziert die Namen beider Finalisten: Hamburger SV und 1. FC Nürnberg.

Von Eberhard Schmiedel

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