Titelgewinn vor 120 Jahren: Der erste deutsche Meister VfB Leipzig ist Geschichte
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Der 1. FC Lok Leipzig führt im Bruno-Plache-Stadion in Probstheida die Tradition des ersten deutschen Fußball-Meisters VfB fort.
© Quelle: Jan Woitas/dpa
Leipzig. Auf der neutralen Exerzier-Weide in Hamburg-Altona feierte der VfB Leipzig am 31. Mai 1903 den Gewinn der ersten deutschen Meisterschaft, 120 Jahre später kickt der mit ihm verschmolzene Nachfolge-Verein 1. FC Lok Leipzig in der Regionalliga Nordost und verpasste als Vierter erneut den Aufstieg. Die Glanzzeiten wie 1993, als der VfB Leipzig passend zum 100-jährigen Jubiläum seines ersten Titels als erste Mannschaft aus der ehemaligen DDR von der 2. Bundesliga ins Oberhaus aufstieg, sind längst vorbei. Nach dem sofortigen Wiederabstieg begann für den einstigen Europapokalfinalisten (1987) der unliebsame Gang in die Bedeutungslosigkeit. Insolvenzen, Krawalle und sportliche Rückschläge begleiteten den Untergang.
„Erstliga-Träume oder EC-Finals wie damals sind unrealistisch. In den nächsten fünf Jahren wollen wir in die dritte Liga, wirtschaftlich stabil sein und eine gute Nachwuchsabteilung haben, wo wir auch gesellschaftliche Werte an die Spieler vermitteln“, sagte Ex-Profi Torsten Kracht, der den 1993 Aufstieg als Spieler selbst erlebte und seit Anfang Mai neuer Präsident des Traditionsvereins ist. Das Stadion in Probstheida soll weiter die Heimstätte bleiben mit einer Kapazität bis zu 15 000 Fans. Leipzig könne neben RB Leipzig einen Drittligisten gut vertragen, betonte Kracht, der die vielen Vereinsjubiläen wie die Lok-Gründung am 11. November 1893 oder der Bundesliga-Aufstieg dann im Spätsommer mit einem attraktiven Gegner im Freundschaftsspiel feiern möchte.
„Ich bin total erschrocken“
Als der VfB 2003 einen Insolvenz-Antrag stellte, gründeten einige Mitglieder parallel den 1. FC Lok. Der Neustart erfolgte 2004 in Liga elf. Und wie. Verlustpunktfrei Meister der 3. Kreisklasse, nach 26 Spielen betrug die Tordifferenz 316:13. Am 9. Oktober 2004 kam der Verein in das Guinness-Buch der Rekorde, als 12 421 Zuschauer zum Punktspiel gegen Eintracht Großdeuben II ins Zentralstadion kamen. Es bedeute Zuschauerweltrekord bei einem Punktspiel in der niedrigsten nationalen Spielklasse. Und dann gab Rekordnationalspieler Lothar Matthäus sein Comeback bei Lok für ein Spiel beim Stadtpokal-Halbfinale.
Seit dieser Zeit versuchten viele namhafte Kicker, dem Traditionsclub zu helfen. Vom heutigen RB-Coach Marco Rose (2012-2013), über Dynamo Dresdens heutigen Co-Trainer Heiko Scholz (2013- 2018) bis zu Wolfgang Wolf (2019-2020). Selbst Mario Basler wollte 2015 als Sportdirektor und Vorgesetzter von Kumpel Scholz den Club in den Profi-Fußball führen.
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Der Kunstschütze mit dem genialen rechten Fuß und der lockeren Pfälzer Mundart forderte ein „größeres Stadion“, scheiterte aber kläglich, da er sich auch etwas ungeschickt auf dem sportpolitischen Parkett bewegte. Zu seinem Amtsantritt hatte er eine Zusammenarbeit mit dem von Red Bull finanzierten Stadt-Primus nicht ausgeschlossen, was Entsetzen in der Lok-Führungsetage auslöste. Dann musste er zurückrudern, weil RB für Lok-Fans ein rotes Tuch ist.
Spätestens nach Ausschreitungen von Lok-Anhängern im Juni 2015 und einem folgenden Spielabbruch beim FC Rot-Weiß Erfurt war er in der Realität angekommen. „Ich bin total erschrocken“, sagte der frühere Fußball-Nationalspieler und ergänzte: „In dieser Form macht es mir keinen Spaß.“ Neun Monate später war seine Mission beim ersten deutschen Meister beendet.
Friedrich: Garant früher Erfolge
Dessen Geschichte begann 1896 in „Bodens Deutscher Trinkstube“ bei einem guten Glas Wein. Kurz nach der Gründung gewann der VfB am 5. Juli das erste Wettspiel mit 3:1 gegen den Leipziger Ballspiel Club (LBC). Als die Vereinsverantwortlichen 1902 die Ausschreibung zur Meisterschaft bekamen, war der Traum vom Titel geboren. Die Bedingungen schrieben vor, dass jeder Verein sämtliche Kosten selber tragen sollte. Doch die Einnahmen durch die Eintrittskarten waren geringer als die Kosten für Platzmiete, Schiedsrichter und Bekanntmachung der Spiele.
So war es nicht verwunderlich, dass von 133 Vereinen aus 28 Verbänden lediglich sechs Mannschaften meldeten. Die teilnehmenden Teams waren der Altonaer FC 93, Viktoria Magdeburg, der DFC 1892 Prag, der Karlsruher FV, Britania Berlin und der VfB. Die Leipziger erwiesen sich bereits in der Vorrunde als heißer Favorit. Gegen Britania Berlin siegten sie mit 3:1 (1:0) und zogen ins Halbfinale gegen den Altonaer FC 93 ein. Am 17. Mai in Leipzig blieb der VfB mit 6:3 siegreich.
Gegner im Finale war der deutsch-böhmische Verein Deutscher Fußball-Club (DFC) 1892 Prag. Kurioserweise begann das Endspiel mit einstündiger Verspätung, weil der vorhandene Ball ungeeignet war. Ein Bote eilte nach Hamburg und besorgte einen neuen englischen Lederball. Der Platz war mit Schiffs-Tauen abgegrenzt, um den quer durchs Spielfeld laufenden Weg unpassierbar zu machen. Die Einnahmen der zwischen 750 und 2000 Zuschauer (die Zahl variiert je nach Quelle) betrugen 473 Mark und der Vorsitzende des Ausrichters Altona, Franz Behr, fungierte als Kassierer, Sprecher und Schiedsrichter. Unbeeindruckt von den Unstimmigkeiten siegte Leipzig mit 7:2 gegen den DFC Prag und nahm die „Viktoria“ in Empfang.
Der Mario Basler der Gründerzeit war Adelbert „Bert“ Friedrich, der das vorentscheidende 2:1 per direkt verwandelter Ecke erzielte. Bei den drei Meisterschaften (1903, 1906 und 1913) schoss Friedrich vier Endrundentore. Von den einstigen Erfolgen - 1974 erreichte der Club als damaliger 1. FC Lok Leipzig das Halbfinale im UEFA-Cup und stand 1987 im Finale des Europapokals der Pokalsieger - können sich die Sachsen mittlerweile nichts mehr kaufen.
1. FC Lok und der VfB – ein Club
2000 überstand der Verein ein weiteres Insolvenzverfahren und begann auch in Liga vier mit einem Schuldenberg. Spielabbrüche wegen Fan-Ausschreitungen und Trainer-Entlassungen von Dragoslav Stepanovic, Hans-Ulrich Thomale bis hin zu Hans-Jürgen Dörner prägten zudem das Bild des Vereins zur Jahrtausendwende.
Nach zahlreichen Namensänderungen einigten sich die Leipziger im April 2022 mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) auf eine gemeinsame Traditionslinie. Damit sah das DFB-Präsidium den geforderten Nachweis über die errungenen Meisterschaften als erbracht an. Fortan darf der 1. FC Lokomotive den Meister-Stern auf der Brust tragen. Dank des Abschlusses des Verschmelzungs-Verfahrens am 1. Juli 2021 sind die Vereine 1. FC Lok und VfB Leipzig ein Club. Lok ist damit offiziell Nachfolgeverein des VfB im Sinne der Vorgaben des DFB. Gestützt wurde der Antrag auf die drei vom VfB Leipzig in den Jahren 1903, 1906 und 1913 errungenen Meisterschaften.
LVZ