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Rassismus

Weltmeister Thuram spricht in Connewitz über sein Buch „Das weiße Denken“

Lilian Thuram (r.) stellt im UT Connewitz sein Buch „Das weiße Denken“ vor.

Lilian Thuram (r.) stellt im UT Connewitz sein Buch „Das weiße Denken“ vor.

Leipzig.Lilian Thuram, französischer Fußball-Weltmeister von 1998 beginnt den Abend mit den Worten: „Ich hoffe, dass wir einen schönen Abend haben.“ Schön sind die Themen wie Rassismus, Sexismus, Homophobie oder Klimakatastrophe keineswegs, die er auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Fanprojekt im UT Connewitz anspricht. Doch Thuram, der sich bereits in seiner Zeit als Profifußballer sehr aktiv gegen Rassismus einsetzte, versteht es in bildreichen Anekdoten den Themen sowohl den gebührenden Ernst als auch den Glauben auf Veränderungen zu geben. Denn er weiß wahrscheinlich am besten, dass zwar der WM-Titel von 1998 Themen wie Rassismus in den Mainstream der französischen Gesellschaft brachte, aber dies führte keinesfalls dazu diese auch zu überwinden, wie die letzten Wahlen zeigten.

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Zu Beginn des Abends steht der letzte Absatz seines fast 300-seitigen Buches „Das weiße Denken“, das im März auf Deutsch erschien, im Raum: „Die Zeit der Gleichgültigkeit ist vorbei. Es gilt die Masken abzusetzen. Das Ich muss zum Wir werden.“ Große Worte, die der 50-Jährige mit Geschichten und konkreten Beispielen im Zusammenspiel mit vielen Fragen aus dem Publikum unterstreicht.

„Im Alter von neun Jahren schwarz geworden“

So beginnt er mit der Geschichte als er das erste Mal Rassismus erfuhr. Geboren 1972 in Guadeloupe, in der Karibik, holte ihn seine Mutter gemeinsam mit den vier Geschwistern nach Paris. Damals war er neun Jahre alt und in der neuen Grundschule wurde er als “dreckiger N-Wort“ bezeichnet. Wieder zu Hause erzählte er seiner Mutter davon. Sie entgegnete ihm „Menschen sind so, die werden sich nicht ändern.“ Er empfand dies als keine gute Antwort, da ihr die Hoffnung auf eine mögliche Veränderung fehlte. Die Bezeichnung selbst führte bei ihm dazu, dass er von sich sagt, dass „ich im Alter von neun Jahren schwarz geworden bin.“ Gleichzeitig gab er sich mit dem Umstand nicht ab und ist seither auf der Suche nach den Geschichten und Mechanismen, die Ausgrenzungen hervorbringen und am Leben erhalten.

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Aus der Geschichte heraus fragt er das Publikum, wer sich als „weiß“ verorten würde. Die Mehrzahl des fast überwiegend jungen Publikums meldet sich. So fragt Thuram eine Frau ganz konkret, warum sie sich so beschreiben würde. Dabei hält er ein Blatt Papier hoch, um zu zeigen, dass ihre Hautfarbe sich doch erheblich vom Papierweiß unterscheidet. Die Interaktion läuft darauf hinaus, die Kategorisierung im Kopf der Einzelnen ins Rollen zu bringen. Welche Identität wurde uns mit dem Weg gegeben? Was bedeutet weiß und was schwarz? Die darauf fußenden Stereotypen dienen der Hierarchisierung, die erlernt werden. Daher erzählt Thuram auch viele Geschichten von Kindern – wie etwa die von einem seiner Söhne. Der Vater stellte fest, dass der Junge „der einzige Schwarze“ in der Klasse sei. Woraufhin sein Sohn ihn anlachte und entgegnete: „Ich bin nicht schwarz, sondern braun und alle anderen sind rosa.“

Profifußball soll Rassismus abbauen

Die Bilder von Identitäten zu hinterfragen, davon handelt sein Buch. Thuram hinterfragt den eurozentrischen Blick auf die Welt, um Geschichten komplexer zu sehen. Aus seinem Leben als Profifußballer kann er zudem eine Reihe von Beispielen benennen und sehr anschaulich beschreiben wie Rassismus im Sport wirkt. Als in seiner Zeit als Spieler in Italien Affengeräusche von den Rängen klangen, reicht es laut Thuram nicht, diejenigen, die diese rassistischen Beleidigungen initiieren, in den Blick zu nehmen, sondern die schweigende Mehrheit, die die Laute nicht unterbindet. Zudem gibt Thuram zu bedenken, dass die Ereignisse von heute ihren Ursprung in der Vergangenheit besitzen, die immer noch einer genauen Analyse zu unterziehen sei.

Der Profifußball könne mit seinen Akteuren helfen Rassismus abzubauen – für ihr Engagement lobt er besonders FC Liverpools Kapitän Jordan Henderson und den englischen Nationaltrainer Gareth Southgate. „Wir haben keine andere Wahl, um die Machtverhältnisse in der Geschichte zu analysieren“, so Thuram weiter. „Wir müssen mutig sein“, denn es gehe um viel mehr. Dazu gehöre auch die Tatsache, dass „das gegenwärtig praktizierte wirtschaftliche System eine Gefahr für die Menschheit darstellt.“ Es gilt „die Verteilung des Reichtums zu hinterfragen und daran müssen wir uns alle beteiligen.“ Unter Applaus hält er am Ende des Abends fest: „Die bessere Welt wird nicht von allein eintreten. Das müssen wir gemeinsam schaffen.“

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Von Britt Schlehahn

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