Schräge Bilder aus Peking

Skisport im Industriegebiet. Die Olympischen Spiele 2022 liefern teils groteske Bilder.

Skisport im Industriegebiet. Die Olympischen Spiele 2022 liefern teils groteske Bilder.

Plötzlich geht nichts mehr am Eiskanal von Yanqing. Zwei Dutzend der grünen Shuttlebusse aus der olympischen Corona-Blase müssen auf Weisung der chinesischen Sicherheitskräfte mitten auf der Straße stehen bleiben. Es herrscht Ratlosigkeit. Die Insassen sind genervt, sie müssen Anschlussbusse zu ihren Hotels oder zu anderen Wettbewerbsstätten dieser Olympischen Winterspiele von Peking erreichen.

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Und die Wege sind lang zwischen den drei Zentren in Yanqing, in der Me­tro­po­le Peking selbst sowie in Zhangjiakou. Entsprechend groß sind die Sorgen der Mitfahrer um ihre Tagesplanung. Vom Busfahrer gibt es keine Durchsage – ohnehin könnte sie kaum jemand verstehen. Die Sprachbarriere ist ein Problem, auch hier.

„Der Pate“ unterwegs

Erst nach einer Viertelstunde löst sich das Rätsel auf. Eine acht Wagen starke Kolonne aus schwarzen Limousinen, Spitzenmodellen des chinesisches Autobauers FAW, schlängelt sich mit Polizeieskorte die neu gebaute Zufahrtsstraße zu den Sportstätten in Yanqing hinunter. In einer der Luxuskarossen sitzt Thomas Bach, der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der sich soeben den Abfahrtsolympiasieg des Schweizers Beat Feuz angeschaut hat.

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Hände hoch: IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Chinas Staatspräsident XiJinping bei der Eröffnungsfeier am Freitag.

Hände hoch: IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Chinas Staatspräsident XiJinping bei der Eröffnungsfeier am Freitag.

„Corleone“, raunt ein Mitfahrer im Bus – und meint mit dem Verweis auf Francis Ford Coppolas Hollywood-Mafiaepos „Der Pate“ den höchstrangigen Spitzenfunktionär des Weltsports. Erst als Bachs Tross vorbeigerauscht ist, dürfen die Olympiabesucher, die es in die vom restlichen Land abgeriegelte Blase, den geschlossenen Olympiakreislauf, geschafft haben, weiterfahren.

Wenige Tage zuvor hat der 68-jäh­ri­ge Bach die XXIV. Olympischen Winterspiele eröffnet. Und wie immer hat er sich dabei Kritik am Gastgeber verkniffen. Bach und das IOC, das ist der Versuch, den Sport irgendwie von politischen Begleiterscheinungen fernzuhalten.

+++Alle Entwicklungen im Olympia-Liveblog+++

Die Situation der Menschenrechte in China, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Umgang mit dem Datenschutz, Fragen nach dem Umweltschutz aufgrund am Reißbrett entworfener und ohne Rücksicht auf die Natur in die Landschaft gebauter Protzbauten, deren Nachnutzung mehr als unklar ist, Chinas aggressive Wirtschafts- und Außenpolitik: in Bachs Eröffnungsrede alles kein Thema.

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Wenn man weiß, dass ­alles, was man sagt, ­abgehört und zensiert wird, wird einem nicht nach Feiern zumute.

Renata Alt (FDP),

Vorsitzende des ­Ausschusses für ­Menschenrechte und Humanitäre Hilfe

Er beschwört die verbindende Wirkung des Sports: „In unserer brüchigen Welt, in der Spaltung, Konflikte und Misstrauen ständig zunehmen, zeigen wir der Welt: Ja, es ist möglich, erbitterter Gegner zu sein, zugleich aber friedlich und respektvoll zusammenzuleben.“ Dabei hatte erst wenige Tage vor dem Beginn der Spiele Yang Shu, Mitglied des Organisationskomitees, damit gedroht, dass Äußerungen, die gegen chinesische Vorschriften verstoßen, mit Strafen belegt werden können.

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Der Umgang mit China ist das diplomatische Igittigittthema

Am vergangenen Freitag grüßt der frühere Fechter Bach, der mit dem Florett 1976 olympisches Mannschaftsgold gewann, im Pekinger „Vogelnest“ synchron mit Chinas Staatenlenker Xi Jinping ins weite Rund, so wie er es 2014 in Sotschi auch mit Wladimir Putin machte. Russlands Präsident sitzt auch im chinesischen Nationalstadion – als prominentester Vertreter aus dem Rest der Welt. Diverse Staaten boykottieren die Spiele 2022 auf politischer Ebene.

Die Bundesregierung hat sich dazu nie klar geäußert, im Gegenzug aber auch keine prominenten Vertreter geschickt. Der Um­gang mit China und Olympia ist das diplomatische Igittigittthema in diesen Zeiten. Als das Team der Ukra­i­ne einmarschiert, stellt Putin sich schlafend.

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Im deutschen Fernsehen sehen durchschnittlich 3,77 Millionen Menschen die Eröffnungsfeier. Als Höhepunkt der Inszenierung und als Zeichen an die Welt, dass im Reich der Mitte ja alles gar nicht so schlimm ist, darf eine Sportlerin aus der unterdrückten Minderheit der Uiguren das olympische Feuer entzünden.

2008, als in Peking schon einmal Olympische Spiele veranstaltet wurden, damals im Sommer, saßen in Deutschland mehr als doppelt so viele Menschen vor dem Fernseher. Mehr als die Hälfte der Geräte war eingeschaltet – 2022 weniger als ein Drittel.

Lust auf ein Treffen der Jugend der Welt sieht anders aus. „Die Spiele finden in einer Atmosphäre strenger Kontrolle und Überwachung statt. Wenn man weiß, dass alles, was man sagt, abgehört und zensiert wird, wird einem nicht nach Feiern zumute“, sagt Renata Alt (FDP), Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe des Bundestages, dem RedaktionsNetzwerk (RND) gestern.

Kühle Inszenierung, die dem IOC Milliarden sichert

Die Pandemie hilft dem olympischen Gedanken auch nicht sonderlich. Als beispielsweise die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst 2016 an der Copacabana in Rio de Janeiro den Olympiasieg geschafft hatten, posierten sie mit ihren Goldmedaillen vor begeisterten Fans. Beim Sieg der deutschen Rodlerin Nathalie Geisenberger am Dienstag reicht es gerade einmal zu Umarmungen mit dem Trainer. Zuschauer und Zuschauerinnen sind nicht erlaubt. Die fehlende Stimmung lässt sich auch durch den eingeschränkten Blickwinkel der TV-Kameras nicht überspielen.

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Durch die fehlenden ­Zuschauer ­werden die ­Spiele ­–entkleidet.

Klaus Zeyringer,

Professor aus Graz und ­Olympiabuchautor

Übrig bleibt bei den zweiten Pandemiespielen nach denen von Tokio eine technokratisch-kühle Inszenierung, die dem IOC die Milliarden durch den Verkauf der Übertragungsrechte sichert und den Athletinnen und Athleten das Schaufenster, für das sie sich in den Jahren zuvor gequält hatten. „Durch die fehlenden Zuschauer werden die Spiele entkleidet“, sagte der Grazer Professor und Olympiabuchautor Klaus Zeyringer der „Frankfurter Rundschau“. „Das Ambiente, die Emotionen, das macht doch einen Reiz aus.“

Zur Wahrheit gehört auch, dass das IOC auf die etwa 1,5 Milliarden US-Dollar angewiesen ist, die es für den Verkauf der TV-Rechte kassiert. Der Großteil dieses Geldes geht zurück an die olympischen Sportarten, doch auch der Betrieb des IOC wird daraus finanziert, das olympische System erhalten.

Die Corona-Angst in China ist allgegenwärtig

Und so darf die Pandemie die Regeln vorgeben. Die Corona-Angst ist im Zero-Covid-Land China überall zu spüren. In den Bussen sind die Fahrer durch Plexiglasscheiben vom Rest des Innenraums getrennt, jeder Spalt ist mit Klebeband versiegelt, auch die Lüftungsschlitze. Wer in der Bubble positiv getestet wird, landet im Quarantänehotel. Es scheint, all das passe China ganz gut – so muss sich das Gastgeberland nicht einmal den Anschein von Offenheit geben.

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Neben den leeren Rängen sind es die skurril anmutenden Bilder von den neu errichteten Sportstätten, die für Erstaunen sorgen. „Es ist schon ein bisschen komisch, bei diesen Wettbewerben zuzuschauen. Da ist dieses weiße Band aus Schnee – und drum herum nur Stein- und Sandwüste“, sagte die deutsche Ski-alpin-Legende Maria Höfl-Riesch dem RND.

Eine Wintersporttradition hat China nicht, trotz eisiger Temperaturen ist es eine Ausnahme, wenn wie am Mittwoch einmal Schnee fällt. Die daher notwendige, enorm energieaufwendige Kunstschneeproduktion führt für Kritiker das Bild der „nachhaltigen Spiele“ ad absurdum. Der Bedarf an Kunstschnee ist Schätzungen zufolge drei- bis viermal so hoch wie bei einem alpinen Austragungsort.

Eine Person arbeitet an einer Schneemaschine auf einem Hügel mit Blick auf das Langlauftraining vor den Olympischen Winterspielen 2022. An Loipen, Pisten und Schanzen wird mit ganz viel Kunstschnee nachgeholfen.

Eine Person arbeitet an einer Schneemaschine auf einem Hügel mit Blick auf das Langlauftraining vor den Olympischen Winterspielen 2022. An Loipen, Pisten und Schanzen wird mit ganz viel Kunstschnee nachgeholfen.

„Dieses IOC vergibt die Spiele in Staaten, die nichts mehr mit ihren Werten zu tun haben – zum Schaden der Idee und vor allem der Athleten“, sagt der emeritierte Sporthistoriker Wolfgang Buss aus Göttingen. „Es wird sich nichts ändern, solange die Athletinnen und Athleten nicht über den Austragungsort mitbestimmen dürfen.“

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Buss fordert, dass 50 Prozent der Stimmberechtigten aus deren Reihen kommen sollten. Er regt zudem an, die Spiele immer an einem neutralen Ort zu veranstalten, beispielsweise in der Schweiz. Das wäre nachhaltig, glaubt Buss. Wettbewerbsstätten würden wiederverwendet, trostlose Neubauten wie die vor grauen Schornsteinen in Peking platzierte Schanze der Ski-Freestyler unnötig.

„Boykott ausgerechnet von Sportlerinnen und Sportlern zu erwarten, wäre ungerecht“

Die Sportlerinnen und Sportler stecken in einem Dilemma. Sollen sie sich öffentlich positionieren? „Für sie geht es auch um finanzielle Absicherung. Es wäre deswegen nicht fair, ausgerechnet von ihnen einen Boykott der Spiele zu erwarten“, sagt die dreifache Olympiasiegerin Höfl-Riesch.

Und trotzdem reden einige Sportler Klartext. Biathlet Erik Lesser ersetzte auf einem Bild bei Ins­ta­gram die olympischen Werte „Solidarität, Inklusion, Gleichheit, Frieden, Respekt“ durch die an den offiziellen IOC-Account gerichtete Botschaft „Money, money, money, more money“. Der frühere Biathlet Arnd Peiffer sieht mittels der sozialen Medien Chancen für die Protagonisten: „Wenn sie vor Ort Bilder posten von den Sachen, die ihnen auffallen, ist das für den Veranstalter oder das IOC gar nicht mehr zu kon­trol­lie­ren. Jeder kann sich ein eigenes Bild machen und das mit seiner Community teilen“, sagte der Olympiasieger von 2018 dem RND.

In der Blase stehen in diesen Tagen die meist sehr jungen Volunteers an jeder Ecke. Sie sind freundlich, selbst wenn sie der Zorn trifft, weil wieder ein Bus zu früh abgefahren ist und Reisende stundenlang bei Minusgraden warten müssen. Die Freiwilligen befinden sich schon seit mehreren Wochen in der Blase und bleiben dort bis weit nach dem Ende der Spiele, bis eine Corona-Infektion ausgeschlossen werden kann. Thomas Bach hingegen hat China dann längst verlassen. Sein nächstes Großprojekt heißt Olympische Sommerspiele 2024 in Paris.

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