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DER RASENBALLER

RB-Leipzig-Fußball-Akademie: Zu Besuch in der Traumschmiede am Cottaweg

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Lenny Hennig (16), Bewohner und Fußballtalent beim „Hochhalten“ auf dem Platz hinter dem RB-Leipzig-Internat. Foto: Jonas Dengler

Wer einen der wenigen Plätze im Internat der RBL-Akademie am Cottaweg ergattert hat, darf von einer Zukunft im Profifußball träumen. Rasenballer-Redakteur Andreas Neustadt durfte einen exklusiven Blick in den sonst heiligen Bereich der Nachwuchskicker werfen. 

Mittwoch, kurz vor 16 Uhr. Im Foyer der RB-Leipzig-Fußball-Akademie ist einiges los. Die beiden Frauen an der Rezeption nehmen ein Paket entgegen. Daneben unterhalten sich zwei Mitarbeiter und lachen dabei. Ein paar junge Spieler kommen und gehen. Von Hektik keine Spur. Stattdessen herrscht eine lockere Stimmung. Auch bei Sabine Schiefer und Lenny Hennig ist die Stimmung gut. Die Pädagogische Leiterin der Akademie und der U17-Spieler wollen mir heute das Internat zeigen. Zur Einstimmung erzählt Sabine Schiefer, dass der „Wohnbereich der Jungs“ nur den Spielern vorbehalten ist – als ganz privater Rückzugsort. Zum Abschalten vom täglichen Fußball- und Schulstress. Nicht einmal die Trainer haben hier Zutritt, Journalisten natürlich erst recht nicht. Ich spüre etwas Aufregung in mir aufsteigen, als Sabine Schiefer die blickdichte Glastür mit dem großen RB-Logo zum Internatsbereich mit den insgesamt 50 Zimmern öffnet. Jeder Spieler hat ein Einzelzimmer, zwei Einzelzimmer-Bewohner teilen sich ein Bad mit Dusche. Langsam werde ich mir bewusst, welches Privileg mir mit dem Blick in diesen heiligen Bereich heute gewährt wird.

Nicht nur „rosa Wolken“

Der 16-jährige Lenny ist seit dem Sommer 2021 im RB-Internat und fühlt sich hier pudelwohl. „Ich spiele aber schon seit der U8 bei RB“, verrät mir der Jugendliche mit den blonden Haaren, während wir den Gang in Richtung der Spielerzimmer entlanglaufen. Rechts die Zimmer, links geben bodentiefe Fenster den Weg zur riesigen Terrasse mit verschiedenen Entspannungsmöglichkeiten und vielen Pflanzen frei. Das einfallende Sonnenlicht macht die Gänge strahlend hell und geräumig. Hier könnte ich mich auch wohlfühlen. An den Wänden hängen große Bilder mit bekannten und ehemaligen Sportlern aus dem Red-Bull-Kosmos – neben Ex-RB-Angreifer Timo Werner unter anderem auch die ehemalige Skirennläuferin Lindsey Vonn. Als Motivation für die Internatsbewohner. Nach ein paar Metern bleiben wir vor einer Zimmertür stehen. In einem Bilderrahmen direkt neben der Tür hängt ein RB-Trikot mit der Nummer 14 und dem Namen „Hennig“. „Das ist mein Zimmer“, sagt das Innenverteidiger-Talent, bevor er die Tür öffnet.

"Meine Mutti war traurig, als ich aufs Internat wollte. Vati fand’s gut."
Lenny Hennig, Bewohner und Fußballtalent

Vor der Aufnahme ins Internat stand wie bei allen Internatsbewohnern ein langwieriger Prozess. Sichtung. Eignungstest. Mehrere Gespräche, auch mit den Eltern. „In diesem Prozess der Aufnahme werden die Jungs natürlich intensiv von uns begleitet. Es gibt viele Gespräche, in denen wir offen sagen, was wir von den Jungs erwarten. Es hilft ja nichts, wenn man immer nur rosa Wolken malt“, sagt Sabine Schiefer. Wir, das sind insgesamt fünf pädagogische Mitarbeiter, die sich täglich um die Belange der Nachwuchsfußballer kümmern. Bei Lennys Eltern waren die Reaktionen auf seinen Internatswunsch unterschiedlich. „Meine Mutti war traurig, als ich aufs Internat gehen wollte. Vati fand’s gut. Er war damals bei Lok, hat den Schritt aufs Internat damals aber nicht gewagt“, sagt er. „Weil ich aus der Nähe von Wurzen komme, habe ich das Privileg, jedes Wochenende nach Hause fahren zu können – zumindest dann, wenn am Wochenende kein Spiel ansteht.“

Klare Prioritäten: Fußball und Schule

Das Zimmer ist recht klein – um die 20 Quadratmeter –, die Einrichtung zweckmäßig. Links hinter der Tür steht ein großer weißer Schrank, links ist das Bad. Neben der Badtür steht ein Bett, gegenüber befindet sich eine große weiße Arbeitsplatte, die vor allem als Schreibtisch dient. Darunter stehen zwei Kästen Wasser. An der dunklen Wand über der Arbeitsplatte hängt ein großer Flachbildfernseher. Die anderen Wände sind in Weiß gehalten. Die Prioritäten sind hier klar gesetzt: Fußball und Schule. Dass er diesen Spagat täglich richtig gut meistert, wurde im Mai im Rahmen der Porsche Jugendförderung „Turbo für Talente“ mit dem Porsche Turbo Award 2022 belohnt. „Dieser Preis ist für mich eine tolle Anerkennung und macht mich stolz“, sagt Lenny und lächelt dabei. Er besucht das Sportgymnasium in der Marschnerstraße, ist ein guter Schüler. Der Schulstoff falle ihm glücklicherweise leicht. Deshalb müsse der Zehntklässler auch nicht viel lernen. Sein Tag besteht aus Schule, Fußball, schlafen und essen. Ganz nebenbei absolviert der 16-Jährige derzeit auch noch die Fahrschule, um im kommenden Jahr in Begleitung eines Erwachsenen Auto fahren zu können. Im Zimmer darf natürlich auch die Playstation nicht fehlen. Die ist schließlich auch für die Profis ein ständiger Begleiter. In seiner neben Schule, Hausaufgaben und Training knapp bemessenen Freizeit zockt Lenny gern mal am großen Fernseher. Am liebsten FIFA. Gemeinsames Fußballgucken gehört ebenso zur beliebten Freizeitgestaltung wie das regelmäßige Tischtennis spielen.

Gulácsi, Nkunku und Co. vor Augen

Sein Ziel, Fußballprofi zu werden, hat Lenny täglich vor Augen – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn wenn er aus seinen bodentiefen Fenstern schaut, hat er ihn. Diesen Ausblick, für den ihn sicher Hunderttausende Jungen und Mädchen beneiden. Auf die Plätze des Trainingszentrums. Dort wo Nkunku, Forsberg und Co. von Trainer Domenico Tedesco und seinem Team fit gemacht werden. Für Bundesliga, DFB­-Pokal und Champions League. Aktuell bereitet sich Lenny auf seine erste offizielle Saison im U17-Bundesliga-Team vor. In der vergangenen Saison durfte er hier bereits sechs Spiele absolvieren. Diese Einsätze haben Appetit auf mehr gemacht und seinen ganz persönlichen „Plan vom Profi werden“ vorangetrieben. Bis zum Ende seiner Internatszeit, die mit dem Schulabschluss endet, will er „bei den Großen reinschnuppern“ und sich dann schrittweise in der Mannschaft etablieren und seinem Lieblingsspieler Virgil van Dijk vom FC Liverpool nacheifern. Dafür arbeitet das Talent auch jeden Tag. Auf und neben dem Platz. Selbst wenn er mal frei hat, ist Lenny mit Freunden auf einem der Plätze am Cottaweg mit dem Ball am Fuß unterwegs, um unter anderem an seinem schwächeren linken Fuß oder seiner Beweglichkeit zu arbeiten.

Keine Schule, kein Training

Sabine Schiefer (43) im Gespräch mit Reporter Andreas Neustadt und Bewohner Lenny Hennig in der Kantine des RB-Leipzig-Internats. Foto: Jonas Dengler

Der Traum vom Profifußball verbindet alle Internatsbewohner. Doch der Fokus der Akademie geht weit über Tore und gewonnene Zweikämpfe hinaus. Sabine Schiefer setzt klare Prioritäten. „Die Schule ist bei uns Plan A. Die Regel ist: Keine Schule, kein Training, was so mit den Trainern besprochen ist.“ Auch auf der Suche nach einem beruflichen Leben nach dem Fußball werde mit der Vermittlung von Praktika, Ausbildungsstellen oder Gasthörerschaften an Hochschulen weitergeholfen. Und auch sonst gibt es für das Leben im Internat natürlich Regeln. Diese sind an der Wand am Ausgang des Wohnbereiches auf einer großen Tafel zu finden. Die sieben „gewünschten Verhaltensweisen“, wie es Sabine Schiefer nennt, und die sieben „No-Gos“. Unter diesen stehen unter anderem „Keine Gewalt“, „Kein Diebstahl“ oder „Keine Wetten“. „Wir wissen natürlich, dass wir mit Jugendlichen arbeiten. Die wollen auch mal ausbrechen. Die Jungs sollen Freiraum haben und diesen auch nutzen dürfen. Aber es muss eben immer im Rahmen bleiben.“ Sabine Schiefer weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, im Internat zu leben. Von 1993 bis 1997 hat die ehemalige Leistungssportlerin im sachsen-anhal­tischen Schulpforte gelebt. Gemeinsam mit ihrem Mann Christoph kam sie 2013 zu RB Leipzig – er als Internatsleiter, sie als Pädagogische Leiterin. Das Paar bewohnt zusammen mit seinen zwei Töchtern die sogenannte Betreuerwohnung im Internat.

Zum Wohnbereich der Nachwuchstalente gehört auch ein Waschmaschinen und Trocknerraum mit fünf Waschmaschinen und Trocknern. Während die Trainings und Spielklamotten vom Verein gewaschen werden, müssen die Jungs die private Wäsche selbst waschen. Lenny hat damit kein Problem. Sachen rein, Waschmittel dazu, anschalten. Fertig. Als nächstes kommt der Schulungsraum mit Tafel, Beamer und Flipchart. Hier finden unteranderem Besprechungen statt. Oder Nachhilfestunden, die Lenny aber nicht braucht, wie Sabine Schiefer sagt. Bei Bedarf kann der Schulungsraum durch drei faltbare Wände auch in drei kleine Räume geteilt werden.

Blick in die Kantine

Die pädagogische Leiterin Sabine Schiefer (43) im Büro der Internatsleitung. Viele ehemaligen Bewohner sind noch sehr verbunden mit dem Internat und schicken Pralinen als Dankeschön. Foto: Jonas Dengler

Wer gut lernt und gut trainiert muss natürlich auch gut essen. Das gibt es in der Kantine. Der Fokus liegt hier natürlich auf gesundem Essen. Viel Obst und Gemüse. Nudeln. Hähnchenfleisch. Wenig Fett. Daran musste sich auch Lenny gewöhnen. Inzwischen hat er es zu schätzen gelernt, obwohl: „Es gibt einige Gerichte, die kenne ich bis heute nicht. Aber am Ende schmecken sie trotzdem“, sagt er lachend, bevor er sich an der Obst- und Gemüsebar in der Mitte des Raumes einen Apfel schnappt. Das Verhältnis zum Küchenpersonal sei freundschaftlich. Die Mitarbeiter wissen, was den Jungs schmeckt und was nicht. Entspannung finden Lenny und die anderen Internatsbewohner in der Players Lounge, der nächsten Station der Internatsführung. Hier steht einer von insgesamt vier Kicker-Tischen im gesamten Internat. Auch ein Fernseher mit Playstation hilft hier beim Abschalten. Am Ende der Führung machen wir noch einen Abstecher in das Leiterbüro. Der quadratische Raum wirkt auf den ersten Blick eher unspektakulär. Unter Akten, Laptop, Telefon ist ein Schreibtisch zu erkennen. Ein typisches Büro eben. Zwischendurch sind einige Schokoladenpackungen zu sehen, die einige Jungs als Dankeschön hinterlassen haben.

„Ich vermisse euch“

Dann fällt mein Blick auf ein grünes Trikot, das eingerahmt an der Wand hängt. Unter dem Namen „Demirovic“ steht eine persönliche Widmung. Diese endet mit dem Satz „Ich vermisse euch. Euer Ermedin.“ Eine Liebeserklärung an das RBL-Internat. Absender ist Ermedin Demirovic. Der Angreifer war drei Jahre in der Akademie, bevor es ihn im Sommer 2017 nach Spanien zog. Zuletzt spielte er zwei Jahre beim SC Freiburg, im Sommer wechselte er zum FC Augsburg. Der Kontakt zum Cottaweg ist aber nie abgerissen. „Der Kontakt zu vielen Ehemaligen ist gut. Sie kommen gern mal wieder zu uns. Wenn sich die Jungs bei uns verabschieden, wird’s oft emotional. Da muss ich auch immer mal wieder eine Träne ver drücken. Aber ich denke, das ist ganz normal. Ansonsten könnte man das gar nicht so machen. Wir leben schließlich alle auf engem Raum zusammen“, sagt Sabine Schiefer. Dass das Abschiednehmen auch den sonst so coolen Nachwuchskickern schwerfällt, zeigt sich wenig später. Da kommt ein Jugendlicher, der seinen Auszug eigentlich abgeschlossen hat, aber trotzdem noch einen Grund findet, sich noch einmal bei Sabine Schiefer zu verabschieden. Zum dritten Mal, wie die 43-Jährige schmunzelnd sagt.

Zeit zum Verabschieden. Das gilt nach mehr als zwei Stunden auch für mich. Es war mir eine Ehre, einen Blick in den heiligen Internatsbereich werfen zu dürfen. Ich werde den Weg von Lenny in den kommenden Jahren auf jeden Fall weiterverfolgen. Ob sich sein Traum vom Fußballprofi erfüllt? Andreas Neustadt 

Lennys Tag

6.30 Uhr Frühstück Grafik: Marius Ludwig, rawpixel/Ibrandify – freepik; Fotos: Jonas Dengler
Im Internat
bis 16 Uhr Hausaufgaben

6 Uhr - Aufstehen
6.30 Uhr - Frühstück
6.45 Uhr - Weg zur Schule mit dem Fahrrad
7 Uhr - Schulbeginn
12.35 - 13.30 Uhr - Mittagspause
ab 13.30 Uhr - Zweiter Teil Schule
15.10 Uhr - Schulschluss
bis 16 Uhr - Hausaufgaben- und Lernzeit
16.30 - 18 Uhr - Training in der RB-Akademie
18.30 - 20 Uhr - Abendessen

16.30 - 18 Uhr Training
ab 20 Uhr Wäsche waschen
ab 20 Uhr Freiziet

Danach Freizeit in oder außerhalb der Akademie

bis 21.30 Uhr - Rückkehr ins Internat
bis 22 Uhr - Rückkehr aufs Zimmer / Nachtruhe