Alternative zu Gas

Mit Kakaoschalen gegen die Energiekrise

Das Biomassekraftwerk in Königs Wusterhausen versorgt rund 55.000 Haushalte mit Strom.

Das Biomassekraftwerk der MVV in Königs Wusterhausen versorgt rund 55.000 Haushalte mit Strom.

Frankfurt am Main. Das ist mal eine originelle Lösung im Kampf gegen steigende Energiepreise. In Mannheim sollen demnächst die Schalen von Kakaobohnen Wärme erzeugen. Und damit Erdgas ersetzen. Dies ist nur ein Projekt, das für die Renaissance der einst viel gescholtenen Bioenergie steht. Doch die Branche hat nach wie vor mit Widerständen in der Politik zu kämpfen.

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Gerade wurde ein Meilenstein im Kakaoschalenprojekt geschafft. Zwei Autokräne haben den gut 25 Tonnen schweren und mehr als 14 Meter hohen Biomassekessel von einem Schwerlast-Lkw auf das Gelände der Firma Olam Food Ingredients (Ofi) am Mannheimer Hafen gewuchtet. Wer in der Quadratestadt lebt, kennt das Unternehmen, denn in seiner Umgebung ist der Kakao unüberriechbar. Ofi zählt zu den weltweit führenden Herstellern des Schokoladerohstoffs.

Massive Reduktion der CO₂-Emissionen

Es braucht Wasserdampf, vor allem, um die Bohnen zu reinigen und zu „debakterisieren“, wie es im Fachjargon heißt. In den weiteren Verarbeitungsschritten fallen die Schalen als Abfallprodukt an. Sie wurden bislang abtransportiert und entsorgt. Künftig werden sie im großen Biomassekessel als Brennstoff eingesetzt, um Dampf zu machen. So ersetzen die Kakaoschalen Erdgas. Eine hierzulande einmalige Lösung. Und die ist angesichts der massiv gestiegenen Preise für den fossilen Energieträger nicht nur eine finanziell lukrative Angelegenheit.

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Ofi reduziert seine CO₂-Emissionen zugleich um 8000 Tonnen jährlich. „Die Anlieferung des Kessels ist ein entscheidender Schritt in unserem Nachhaltigkeitsprojekt“, sagte Andreas Rudolph, Leiter des Mannheimer Werks. Für die Umsetzung ist MVV Enamic zuständig, eine Tochter des Mannheimer Energiekonzerns MVV. Die Anlage soll ab Frühjahr 2023 rund 90 Prozent des Dampfs für die Verarbeitung der Kakaobohnen liefern.

Das Projekt passt zu MVV. „Wir haben uns mit dem Mannheimer Modell auch selbst dazu verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu sein“, sagte Joachim Hofmann, Geschäftsführer von MVV Enamic. Das Unternehmen hat viel mit Wärme zu tun, sowohl für die Industrie als auch für die Beheizung von Wohnungen. Um von fossilen Energiequellen unabhängiger zu werden, soll im neuen Jahr auch eine der größten Wärmepumpen in Europa zum Einsatz kommen, die das Wasser des Rheins nutzt, um rechnerisch 3500 Haushalte zu versorgen.

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Regierung will alle Hemmnisse beseitigen

Das Kakaoschalenprojekt passt in die Zeit, obwohl es schon im vorigen Jahr auf den Weg gebracht wurde. Biomasse als Energieträger: Das war einst heftig angesagt, nach dem Motto: Landwirte sind die neuen Ölscheichs. Doch dann kam die Teller-Tank-Debatte, also die Kritik daran, dass mit dem Anbau von Energiepflanzen die Nahrungsmittelproduktion verdrängt werde. Entsprechende Restriktionen wurden national und auf EU-Ebene eingeführt – auch in puncto der Betriebsstunden der Anlagen oder der Brennstoffe, die eingesetzt werden.

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Mit der Energiekrise und Gaspreisen in astronomischen Höhen hat sich der Wind gedreht. Patrick Graichen, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, erklärte jüngst, dass alle Hemmnisse nun aus dem Weg geräumt würden. Auch dafür soll das Energiesicherungsgesetz umgeschrieben werden.

Besonders bei der industriellen Wärmeerzeugung – wie in der Kakaoproduktion – ist es schwer, Alternativen zum Erdgas zu finden. Doch die Signale aus der Politik sind keineswegs eindeutig. So will die Bundesregierung einerseits die Deckelung der eingespeisten Strommengen, für die es eine garantierte Vergütung gibt, bis auf Weiteres aussetzen – es handelt sich dabei um elektrische Energie aus Biogas, das anstelle von fossilem Gas eingesetzt werden soll.

Zugleich will die EU-Kommission aber per Verordnung für die Wintermonate eine Preisobergrenze von 18 Cent pro Kilowattstunde für Strom aus Biomasseheizkraftwerken durchsetzen, die beispielsweise mit Altholz, Gärsubstraten und anderen Reststoffen betrieben werden. Diese Anlagen erzeugen elektrische Energie und gleichzeitig Wärme.

Bioenergiebranche fordert weitere Lockerungen

Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros Bioenergie, warnt vor den maximal 18 Cent: „Es droht eine Teilstilllegung des Bioenergie-Anlagenbestandes in Zeiten gravierender Energieknappheit.“ Das Ziel der Bundesregierung, in der Wärme- und Stromversorgung Erdgas durch Biomasse zu substituieren, werde „ins Gegenteil gekehrt“.

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Gerolf Bücheler, Geschäftsführer beim Bundesverband Bioenergie, schlägt in die gleiche Kerbe. Er sagte dem RND: „Die Politik muss besonders in der aktuellen Energiekrise dafür sorgen, dass der Einsatz der Bioenergie nicht beeinträchtigt wird.“ Dazu gehöre, dass in der Diskussion über die Energiepreisbegrenzung berücksichtigt werde, dass Betriebs- und Brennstoffkosten bei Bioenergieanlagen ebenso gestiegen seien und „deshalb keine Begrenzung wie bei Wind- oder Solarenergie gesetzt werden kann“.

Auch dürfe beim nationalen CO₂-Preis, der unter anderem für fossile Emissionen aus der Wärmeerzeugung gedacht ist, keine ungerechtfertigte Einbeziehung der Bioenergie erfolgen. Damit diese ihr volles Klimaschutzpotenzial entfalten kann, sollten in Förderprogrammen künftig auch Einschränkungen zum Beispiel für Brennstoffe oder Betriebsstunden unterbleiben. Das würde auch für den Einsatz von Kakaoschalen neue Perspektiven eröffnen.

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