Flüssiggas

Branche warnt: Zwei LNG-Terminals reichen nicht, um Putins Gas zu ersetzen

LNG-Tanks stehen im Hafen von Rotterdam. Die Energieversorgung Deutschlands soll als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine unabhängiger von russischem Erdgas werden – auch mit eigenen Terminals für Flüssigerdgas (LNG).

LNG-Tanks stehen im Hafen von Rotterdam. Die Energieversorgung Deutschlands soll als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine unabhängiger von russischem Erdgas werden – auch mit eigenen Terminals für Flüssigerdgas (LNG).

München. Den Bau von zwei Terminals für Flüssiggas (LNG) hat SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner jüngsten Regierungserklärung angekündigt, um Deutschland damit von russischen Gas­lieferungen unabhängig zu machen. Anders als viele europäische Nachbarn hat Deutschland bislang noch keine solche Anlage, die tiefgekühltes Flüssiggas wieder in gasförmigen Zustand überführt und dann ins deutsche Gasnetz einspeist oder in Tanks lagert.

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Die Gasbranche findet es gut, dass nun endlich Bewegung in die seit Jahren festgefahrene Debatte kommt. Aus ihrer Sicht aber reichen die zwei von Scholz genannten LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven nicht aus, um von russischem Pipelinegas loszukommen. „Wir brauchen mindestens drei, vielleicht sogar sechs Anlagen, um die Lücke zu schließen“, rechnet Timm Kehler als Vorstandschef des Industrieverbands Zukunft Gas vor.

Mit jährlichen Kapazitäten von je rund zwölf Milliarden Kubikmetern könne jeder LNG-Terminal bei Vollauslastung zwischen 10 und 12 Prozent der deutschen Gasversorgung sichern. Gut die Hälfte davon entfällt derzeit auf russisches Gas. Am schnellsten LNG anlanden könnte dabei mit Stade an der Elbe wohl ein Standort, den Scholz nicht genannt hatte.

„Wir sind startklar und könnten 2026 in Betrieb gehen“, sagt Johann Killinger. Stade sei ein idealer Standort und technisch fertig entwickelt, sagt der geschäftsführende Gesellschafter von Hanseatic Energy Hub, einem von drei Planungspartnern des LNG-Terminals. Bei zügiger Genehmigung könne man das Datum um einige Monate nach vorne verschieben, aber dreieinhalb Jahre reine Bauzeit seien ein Minimum.

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Das Bundeswirtschaftsministerium hatte die Entscheidung für Brunsbüttel und Wilhelmshaven mit dem fortgeschrittenen Stand der dortigen Planungen begründet.

Mit Russlands Krieg haben sich die Rahmenbedingungen geändert

Seit fünf Jahren gibt es die Debatte über eine Errichtung der rund eine Milliarde Euro teuren Anlage an der deutschen Küste. Die Politik begleitete die Projekte nicht immer mit Wohl­wollen, auch gab es große Zweifel an der Wirtschaftlichkeit. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben sich die Rahmenbedingungen grundsätzlich verändert. LNG-Terminals gelten nun als Versicherung für den Fall, dass Russland keine Energie mehr liefert.

Was außerdem für die Terminals spricht: Sie können ohne großen Zusatzaufwand für die Entladung grünen Wasserstoffs umgenutzt werden. Das steuert eine ökologische Perspektive bei, nachdem LNG für das Klima erst einmal nichts Gutes bedeuten würde.

„Es war keine einfache, aber eine notwendige Entscheidung“, stellt der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen, Dieter Janecek, zu LNG klar und warnt zugleich vor überhöhten Hoffnungen. „Bis nächsten Winter werden sie nicht einsetzbar sein“, räumt er mit Blick auf die geplanten Terminals ein. Wie lange russisches Gas noch nach Deutschland fließt, weiß auch er nicht.

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Der Krieg in der Ukraine könne dafür sorgen, dass entweder Russland kurzfristig den Gashahn zudreht oder dass die EU und Deutschland kein russisches Gas mehr abnehmen. Kurzfristig könnten dann nur Energiesparen, massiver Ausbau von erneuerbaren Energien, aber auch der Aufbau einer nationalen Kohlereserve helfen. Letzteres sind Worte, die einem führenden Politiker der Grünen nicht leicht über die Lippen kommen.

Aber am Gas hängt zu viel. „Jeder zweite Deutsche heizt damit“, weiß Kehler. Der Bedarf steige und das nicht nur in Deutschland. Vor allem auch China stellt derzeit unter Hochdruck von Kohle auf Gas um, was eine riesige und mit der EU konkurrierende Nachfrage nach sich zieht.

Deutschland springt verspätet auf den Zug auf. Europaweit sind bereits 36 LNG-Terminals in Betrieb – von Polen über die Niederlande und Frankreich bis nach Spanien. Die Bundes­republik dagegen hat wie sonst kein Nachbarland auf russisches Gas gesetzt, was sich nun bitter rächt.

Ab April sollen nun erst einmal mehr als halb leere deutsche Gasspeicher aufgefüllt werden. Mit Vorsorge dieser Art komme Deutschland über die nächsten Winter, bis LNG-Terminals dann ab 2025 nach und nach zur Verfügung stehen, glaubt Janecek. Im Kreis der Industrie­vertreter hat man einen anderen Rat für die kältere Jahreszeit der nächsten drei Jahre parat. „Warm anziehen“, lautet der.

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