Verfahren wird „Carbon Capture and Storage“ genannt

Energiekonzerne setzen auf CO₂-Endlager unterm Meer

Die Eon-Unternehmenszentrale in Essen: Der Energiekonzern ist neben Wintershall Dea das zweite deutsche Unternehmen, das das sogenannte CCS-Verfahren voranbringen will.

Die Eon-Unternehmenszentrale in Essen: Der Energiekonzern ist neben Wintershall Dea das zweite deutsche Unternehmen, das das sogenannte CCS-Verfahren voranbringen will.

Frankfurt am Main. Die Energiekonzerne Eon (Deutschland) und Horisont Energi (Norwegen) hängen ihr Projekt ganz weit oben auf. Was da ansteht, bezeichnen sie „als zentrales Projekt für die Dekarbonisierung der europäischen Industrie und Städte“, teilten beide Unternehmen am Mittwoch mit. Es dreht sich um eine Technologie, die hiesige Politiker mit ganz spitzen Fingern anfassen. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will am liebsten damit gar nichts zu tun haben. Das rote Tuch hat einen Namen: CCS. Die Abkürzung steht für Carbon Capture and Storage – für das Einfangen und Speichern von Kohlendioxid.

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Der Deal: Eon kümmert sich darum, jährlich mehr als eine Million Tonnen CO₂ aus den Emissionen von Industrieunternehmen abzuscheiden. Horisont wird sich um den Transport auf den Seeweg und die langfristige unterirdische Speicherung des Klimakillergases kümmern. Los gehen soll es 2027. Es gehe um „den Aufbau einer europäischen CO₂-Wertschöpfungskette“. Man könnte auch von einer Entsorgungskette sprechen. Das CO₂ soll tief in den Meeresboden in erschöpfte Öl- und Gaslagerstätten unter der Nordsee „injiziert“ werden, um es dort zum Zwecke des Klimaschutzes unschädlich zu machen.

„Wir sind stolz darauf, gemeinsam mit Horisont Energi eine Vorreiterrolle im Bereich der industriellen CO₂-Kreislaufwirtschaft einzunehmen“, sagte Patrick Lammers, Mitglied des Eon-Vorstandes. Insbesondere für Industriekunden werde die CCS-Technologie eine Schlüsselrolle beim Erreichen der Netto-Null-Ziele spielen. Mit Letzterem ist gemeint, dass Unternehmen anstreben, spätestens 2045 bilanziell kein CO₂ mehr in die Luft zu blasen. Vor allem Stahlwerke, die Zement- und die Chemieindustrie müssen sich dafür Lösungen überlegen.

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Eon ist indes mit seinem Vorstoß nicht allein. Das Öl- und Gasunternehmen Wintershall Dea will ganz groß in das Geschäft mit der CO₂-Entsorgung einsteigen. Die BASF-Tochter ist bereits an einer Reihe von Projekten beteiligt. Schon Anfang nächsten Jahres soll die erste Einspeicherung in der dänischen Nordsee starten. Von 2032 an will Wintershall jährlich bis zu 40 Millionen Tonnen CO₂ von Deutschland nach Norwegen transportieren.

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Die dortige Regierung forciert solche Projekte. Kürzlich wurde eine weitere riesige Fläche westlich der norwegischen Südspitze von der Regierung zum CO₂-Speichern freigegeben. Horisont will mit von der Partie sein, dort soll das Endlager für das CO₂, das Eon herbeischafft, entstehen.

Verfahren ist noch teuer

Man wolle „eine neue kommerzielle Industrie in Norwegen aufbauen“, sagte der Erdöl- und Energieminister Terje Aasland anlässlich der Ausweisung des Projekts Anfang November. Und er fügte hinzu: „Das Wichtigste ist, Wettbewerb zu erzeugen, um attraktive Speicherstandorte zu schaffen.“ Da gibt es noch viele Hindernisse. So betont der Wintershall-Manager Klaus Langemann: Wenn Deutschland bei dieser Schlüsseltechnologie den Anschluss nicht verlieren wolle, müssten dringend rechtliche Hürden, die den Export den Klimagases behinderten, beseitigt werden. Und es gelte bilaterale Abkommen mit den „Empfängerländern“ abzuschließen.

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Doch auch wenn dies erfüllt ist, stellt sich die Frage, wie CCS für Unternehmen lukrativ werden kann: Die Technologie ist derzeit noch erheblich teurer als die CO₂-Verschmutzungszertifikate, die die Industrie derzeit für rund 70 Euro pro Tonne an den Energiebörsen kaufen kann. Die Organisation Global Energy Solutions berechnet allein für das Abscheiden einen Preis von bis zu 120 Dollar, hinzu kommen die Aufwendungen für den Transport, die Aufbereitung und das Speichern. Mit einem massiven Ausbau der Kapazitäten können die Kosten sinken. So hat denn auch EU-Energiekommissarin Kadri Simson kürzlich erklärt, die Kommission wolle im nächsten Jahr eine „strategische Vision“ für CCS präsentieren. Sie spricht davon, dass „die Dinge sich endlich bewegen“ und sie hat ein neues Programm zur Technologieförderung in Höhe von 3 Milliarden Euro „für die nächsten Wochen“ angekündigt.

Von CCS-Euphorie ist hierzulande indes kaum etwas zu spüren. Erste Versuche scheiterten schon vor mehr als zehn Jahren am Widerstand der Bevölkerung, damals wurde vor möglichen Beeinträchtigungen des Grundwassers gewarnt, was das Umweltbundesamt nach wie vor tut. Habeck hat mehrfach deutlich gemacht, dass die Industrie besser auf neue CO₂-freie Verfahren setzen soll, also etwa die Erzeugung von Stahl nicht mehr mit Kokskohle, sondern mit grünem Wasserstoff. Allerdings hieß es schon 2021 in einer Studie unter anderem im Auftrag der regierungsnahen Denkfabrik Agora Energiewende, dass „für nicht vermeidbare Restemissionen von Produktionsprozessen“ CCS erforderlich werde – maximal 5 Prozent des gesamten CO₂-Ausstoßes soll das ausmachen. Das sind laut Umweltbundesamt in etwa die 40 Millionen Tonnen jährlich, die allein Wintershall Dea einspeichern will. Im Koalitionsvertrag der Ampel tauchen die 5 Prozent wieder auf. Und etwas verschämt heißt es dort, für „technische Negativemissionen“ werde eine Langfriststrategie entwickelt.

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