Existenzangst, Frust, Ratlosigkeit: „Landwirte sind an Grenze angekommen“

Selbst mit edlem Spargel ist es schwer, Geld zu verdienen. Ein Feld bei Beelitz (Brandenburg) ist bereits jetzt im Spätherbst mit Folien über den Spargelreihen abgedeckt. Das Gemüse wird ab Mitte oder Ende April geerntet.

Berlin. „Viele Landwirte sind an einer Grenze angekommen“, sagt Kirsten Wosnitza, Bäuerin aus Nordfriesland. Die derzeitige Stimmung sei eine Mischung aus Existenzangst, Frust und Ratlosigkeit. Faire Marktbedingungen gebe es nicht. Und der Versuch, die katastrophale Lage vieler Höfe mit Subventionen zu reparieren, sei gescheitert. Wosnitza verlangt von der neuen Bundesregierung, endlich Voraussetzungen für eine nachhaltige Landwirtschaft zu schaffen. Die Umweltorganisation BUND unterstützt diese Forderung.

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Doch so einfach ist das gar nicht. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hat im Auftrag des BUND untersucht, wie es um faire Preise für Agrarprodukte steht. Das Ergebnis der am Dienstag vorgelegten Studie: Landwirte stecken vielfach in einer Art perfekter Falle. Die Höfe sind massiv vom hiesigen Lebensmittelhandel abhängig. Dort treffen sie auf ein Oligopol von wenigen großen Anbietern – allen voran die großen vier (Edeka, Rewe, Aldi und Lidl).

Gewinne verschieben sich zugunsten des Handels

Diese liefern sich harte Konkurrenzkämpfe. Der Preisdruck wird an die Erzeuger weitergegeben. Die FÖS-Studie listet unter anderem auf, dass bei Brot im Jahr 2019 vom Verkaufspreis im Laden noch 4 Prozent beim Bauern ankam. 1970 waren es noch 19 Prozent gewesen. Bei Eiern ist der Anteil auf 43 Prozent geschrumpft – gegenüber 85 Prozent 1970. Die Autorinnen und Autoren der Studie rechnen an den Beispielen Eier, Hühnerfleisch und Milch vor, dass aktuell kaum noch kostendeckende Preise erzielt werden können.

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Wosnitza spricht davon, dass Stückkosten immer weiter gesenkt und die Höfe damit immer größer werden müssten, um überleben zu können. Das wird noch verstärkt durch die EU-Agrarpolitik. Die Subventionen werden nämlich nach der Größe vergeben. Hinzu kommen mit dem neuen Regelwerk der Europäischen Union Umwelt- und Naturschutzauflagen. Genau diese Konstellation hat in den vergangenen Monaten die Proteste provoziert, die vor allem von Bäuerinnen und Bauern mit kleineren Höfen getragen wurden.

BUND-Chef Olaf Bandt zeigt Verständnis: „Als Umweltverband ist es uns wichtig, dass landwirtschaftliche Betriebe die Umwelt und das Klima schützen. Doch wer von wirtschaftlichen Sorgen gequält wird, hat wenig Kapazitäten, weitere gesellschaftliche Leistungen zu erbringen.“ Ein wichtiger Baustein, um die Lage zu entschärfen, seien bessere Rahmenbedingungen für faire Preise.

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Bessere Kennzeichnung für Lebensmittel

Was tun? Aus Sicht der FÖS-Experten müssen gleichzeitig mehrere Instrumente eingesetzt werden. Da wäre zum Beispiel eine bessere Kennzeichnung der Produkte im Supermarkt. Derzeit sei es „quasi unmöglich, ohne aufwendige Recherchen die Wahl für ein nachhaltiges und faires Produkt zu treffen“, heißt es in der Studie.

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Wobei es prinzipiell relativ leicht sei, mit „informatorischen Instrumenten“ zu arbeiten. Die Autorinnen und Autoren verweisen aber darauf, dass es mehreren Bundesregierungen noch nicht einmal gelungen sei, Nährwertangaben (Nutri-Scores) auf den Verpackungen verbindlich einzuführen.

Auch ein Tierwohllabel, das Auskunft über die Haltungsbedingungen für Schweine oder Rinder gibt, sollte in der abgelaufenen Legislaturperiode eigentlich kommen. Doch das Vorhaben scheiterte, weil sich die schwarz-rote Koalition nicht darauf einigen konnte, ob die Kennzeichnung freiwillig oder verbindlich sein soll.

Dabei wäre solch eine Angabe auch die Voraussetzung für eine Tierwohlabgabe gewesen. Womit wiederum der Umbau von Ställen gefördert werden könnte, was die finanziellen Spielräume von Landwirtinnen und Landwirten erhöht hätte, die sich auf den Weg zu mehr Tierschutz machen.

Gewohnheiten spielen eine Rolle

Generell machen die Expertinnen und Experten aber darauf aufmerksam, dass das Informieren seine Grenzen hat: „Das Wissen über Produktionsbedingungen oder die Auswirkungen von Konsum führen nicht zwangsläufig zu Verhaltensänderungen“, heißt es. Da spielten Gewohnheiten eine Rolle. Ann-Cathrin Beermann vom FÖS sprach von der „Discounterkultur“ – also vom Porsche vorm Aldi und davon, dass auch Verbraucherinnen und Verbraucher, die sich teure Lebensmittel leisten könnten, gerne mal nach Billigfleisch greifen.

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Apropos. Schnitzel oder Gehacktes, das aus der Massentierhaltung kommt, werden von den Supermarktketten bevorzugt für Sonderangebotskampagnen genutzt. Das FÖS empfiehlt, hier einzugreifen und „moralisch besonders fragwürdige Lockangebote“ mit Werbeverboten zu belegen.

Mit Ordnungsrecht will Beermann auch die Marktstrukturen angehen: Wenn der Markt versage, müsse zur Not die Politik intervenieren. Dazu gehörten auch Maßnahmen zur Verhinderung von Monopolbildung. Konkret: Mit einer Entflechtung der kleinen Zahl von Handelsunternehmen könnten höhere Preise für die Erzeuger erzielt werden, heißt es in der Studie.

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