Ein Drittel der Filialen soll schließen

Warum Galeria schon wieder unter den Rettungsschirm muss

Vor der Schließung: Für ein Drittel der Filialen sieht Galeria Karstadt Kaufhof keine Zukunft mehr.

Vor der Schließung: Für ein Drittel der Filialen sieht Galeria Karstadt Kaufhof keine Zukunft mehr.

Frankfurt am Main. Erneut ist Deutschlands letzte große Warenhauskette in größter Not. Galeria Karstadt Kaufhof (GKK) hat die Rettung mittels eines sogenannten Schutzschirmverfahrens beantragt. Tiefe Einschnitte werden nötig, um den Konzern zu retten. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi indes hat angekündigt, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen.

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Das Unternehmen hat eine lange Krisenhistorie hinter sich. Seit gut zwei Jahrzehnten reiht sich im heutigen Konzern und seinen Vorläufern, den Warenhausketten Karstadt und Kaufhof, ein Sanierungskonzept an das nächste. Derzeit werden noch 131 Häuser in 97 Städten betrieben.

GKK musste schon im April 2020 das Insolvenzgericht anrufen

Bereits im April 2020 musste das Management das Insolvenzgericht anrufen, um ein sogenanntes Schutzschirmverfahren auf den Weg zu bringen. Dies wird auch diesmal angestrebt. Es handelt sich dabei um ein beschleunigtes und zugleich frühzeitiges Verfahren. Das betroffene Unternehmen muss dabei noch zahlungsfähig sein, und die beabsichtigte Sanierung darf „nicht offensichtlich aussichtslos“ sein.

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Schon vor einigen Wochen zeichnete sich ab, dass es für die Warenhäuser eng wird. Die Geschäftsführung kündigte den bestehenden Tarifvertrag mit Verdi und begründete dies mit der Konsumflaute hierzulande und mit den gestiegenen Energiekosten. Allerdings deutet vieles darauf hin, dass auch hausgemachte Probleme erneut eine große Rolle für die akute Krise spielen. Schon im Frühjahr liefen die Geschäfte mau, als der Einzelhandel noch kräftige Zuwachsraten verzeichnete. Das galt insbesondere für das Geschäft mit Mode, das nach wie vor das Kernsortiment der Warenhäuser ist.

Jede dritte Filiale soll dichtmachen

GKK-Chef Miguel Müllenbach sagte der „FAZ“, das Filialnetz müsse nun um „mindestens ein Drittel“ reduziert werden. Betriebsbedingte Kündigungen seien unvermeidbar. Verdi wird dagegenhalten: „Wir kämpfen mit den Beschäftigten um den Erhalt der Arbeitsplätze und Standorte“, sagte Verdi-Chef Frank Werneke. Wut und Enttäuschung seien bei den Beschäftigten groß, weil der Eigentümer René Benko seine Zusagen, umfassend in die Häuser zu investieren, nicht eingehalten habe. „Die Frage ist: Wo ist jetzt René Benko? Den Beschäftigten jedenfalls stellt er sich nicht“, so Werneke. Eine Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) bei Benkos Holding Signa blieb am Dienstag zunächst unbeantwortet.

Der österreichische Investor hatte zunächst die Karstadt-Gruppe, danach die Kaufhof-Häuser erworben und Ende 2019 beide Warenhausketten miteinander verschmolzen. Dies war mit einem heftigen Konflikt mit Gewerkschaftern und Betriebsräten verknüpft. Schließlich einigten sich beide Seiten auf einen Tarifvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen mittels Standortgarantien bis 2024 ausschließen sollte. Im Gegenzug erklärte sich die Belegschaft zum Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld bereit.

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Wir kämpfen mit den Beschäftigten um den Erhalt der Arbeitsplätze und Standorte.

Frank Werneke,

Verdi-Chef

Doch schon wenige Monate nach der Einigung verschlechterte sich die Lage des Konzerns massiv, und zwar mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020. Im ersten Schutzschirmverfahren wurden schließlich 40 Filialen geschlossen und rund 4000 Arbeitsplätze gestrichen. Die verbliebenen Beschäftigten akzeptierten eine neue Vereinbarung, die deutlich unter dem Flächentarifvertrag blieb, um möglichst viele Standorte zu retten. Doch schon Anfang 2021 brauchte das Unternehmen dringend Geld. Der staatliche Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) stellte zunächst einen Kredit über 460 Millionen Euro zur Verfügung. Anfang 2022 musste der WSF mittels einer stillen Einlage weitere 220 Millionen nachschießen.

Große Bedeutung für die Innenstädte

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte die zweite Finanzspritze mit der außerordentlichen Bedeutung der Galeria-Geschäfte für viele Innenstädte sowie mit den wirtschaftlichen Einbußen im Zuge der Pandemie begründet. Inzwischen aber wächst auch im Wirtschaftsministerium die Sorge, das Unternehmen könne zu einem Fass ohne Boden werden. Als vor zwei Wochen die Nachricht bekannt wurde, dass Galeria ein drittes Mal um staatliche Hilfe gebeten habe, reagierten Habecks Beamte reserviert. Müllenbach hat die Bitte um Hilfe mittlerweile öffentlich wieder vom Tisch genommen – offiziell, weil das Unternehmen durch zusätzliche Zinszahlungen zu sehr belastet würde. Zusammen mit dem WSF habe man sich deshalb für eine Sanierung im Schutzschirmverfahren entschieden.

13.10.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Neubrandenburg: Ein Mitarbeiter sortiert an einem Transportband Paketsendungen im neuen Verteilzentrum des Online-H��ndlers Amazon. Das zweite Verteilzentrum des H��ndlers in Mecklenburg-Vorpommern wird am 13.10.2021 offiziell er��ffnet. Laut Betreiber werden hier t��glich etwa 10.000 Pakete aus europ��ischen Logistik- und Sortierzentren entladen und den Zustellfahrzeuge zugeordnet. Foto: Jens B��ttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Das System Amazon: „Druck wird von oben nach unten weitergegeben“

Mit großen Versprechen werden ausländische Paketzusteller für Jobs bei Onlinehändlern in Deutschland angeworben. Zwei Amazon-Subfirmen, die in Mecklenburg-Vorpommern tätig waren, sind nun pleitegegangen. Dort berichteten Mitarbeitende von enormen Schadensersatzforderungen und Mietabzocke.

In zahlreichen Städten geht nun wieder die Angst vor einer Verödung der Einkaufsstraßen um. Beim Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) kennt man die Sorgen der Stadtentwickler- und ‑planer. „Natürlich sind die Galeria-Geschäfte in vielen Fußgängerzonen wichtige Ankerpunkte“, sagt Bernd Düsterdiek, DStGB-Beigeordneter für Gemeinde- und Stadtentwicklung, dem RND. „Gleichzeitig muss man aber sagen, dass das allein kein Argument ist, um unprofitable Standorte wieder und wieder mit Steuergeld zu retten“, so Düsterdiek weiter. „Einige Filialen werden schließen müssen“, glaubt auch der Experte.

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Stecken geblieben zwischen P&C und H&M

So ehrlich müsse man sein. Für alle anderen gelte, dass eine Rettung nur dann Sinn ergebe, wenn es eine positive Fortführungsprognose gebe. „Es braucht ein klares Sanierungs- und Zukunftskonzept für die verbliebenen Galeria-Standorte“, sagt Düsterdiek. „Ein Weiter-so nur mit weniger Geschäften darf es nicht geben.“

Aus Sicht des Handelsexperten Thomas Roeb muss es für GKK nun darum gehen, Liquidität zu beschaffen, um das laufende Geschäft abzuwickeln. „Mit den Einnahmen aus dem umsatzstarken Weihnachtsgeschäft kann dann die Voraussetzung für eine kurzfristige Sanierung geschaffen werden“, sagte Roeb dem RND. Es stelle sich aber dann die Frage, in welcher Form das Geschäft mit dem Warenhaus fortgeführt werden kann. Zwar könne es auch in 20 Jahren noch Warenhäuser geben. Aber: „Vermutlich werden es nur 30 bis 40 sein und stärker wie Einkaufszentren funktionieren, das heißt, Fläche vermieten, statt sie selbst zu bewirtschaften. Er fügt hinzu: „Letztlich ist es auch dem aktuellen Management von Galeria nicht gelungen, das besonders wichtige Modesortiment zukunftssicher zu gestalten. GKK ist zwischen Topanbietern wie P&C einerseits und den preiswerten Anbietern wie Zara oder H&M stecken geblieben.“

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