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Eine Branche vor dem Totalumbau

Kann man in Deutschland noch Stahl kochen?

Die Stahlproduktion steht vor einer technischen Revolution.

Hannover. Die Stahlbranche steht vor einem Totalumbau. In gut einem Jahrzehnt will die Salzgitter AG als zweitgrößter deutscher Anbieter CO₂-neutral produzieren, Konkurrent Thyssenkrupp will 2045 so weit sein. Die Verwerfungen an den Märkten sind im Moment sogar eine Hilfe: Die Nachfrage ist riesig, die Stahlpreise steigen, Salzgitter macht Gewinn wie lange nicht. Von einem „ausgezeichneten Ergebnis“ im vergangenen Jahr berichtete der neue Vorstandschef Gunnar Groebler am Montag in Salzgitter.

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Der Stahlkonzern steht nach Groeblers Angaben für ein Prozent der bundesweiten CO₂-Emissionen. Das Pariser Klimaschutz­­abkommen hat der Branche vorgegeben, ihren Ausstoß an Kohlendioxid bis 2030 um rund ein Drittel zu senken und 2050 Klimaneutralität zu erreichen.

Groebler will das bereits 2033 schaffen und Ende 2025 in großem Stil „grünen Stahl“ liefern. Als zweiten Großkunden nach BMW präsentierte er am Montag den benachbarten VW-Konzern. In Wolfsburg soll unter anderem ab 2026 das neue Elektromodell Trinity mit dem CO₂-arm hergestellten Stahl produziert werden.

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Die Stahlwerke müssen sich doppelt umstellen: Für ihren Energiebedarf brauchen sie riesige Mengen Ökostrom, und im Produktionsprozess muss die Kokskohle ersetzt werden. Das Rezept heißt Direktreduktion, bei der Wasserstoff eingesetzt wird, der sich mit Ökostrom herstellen lässt. So sollen 95 Prozent der CO₂-Emissionen eingespart werden. Schon Groeblers Vorgänger Heinz Jörg Fuhrmann hatte dafür das Projekt Salcos begonnen.

Fieberhaft suchen die Konzerne Partner für das neue Verfahren. Thyssen­krupp meldete am Montag eine Absichtserklärung mit der Steag: Der Energieerzeuger soll ab 2025 in einer neuen Anlage Wasserstoff für das Duisburger Stahlwerk herstellen. Salzgitter hat in den vergangenen Wochen gleich fünf Partnerschaften geschlossen: Der dänische Energiekonzern Orsted soll Windstrom liefern, Uniper ist für Wasserstoff im Boot, neue Anlagen sollen von der italienischen Tenova kommen, und als Kunden stehen ab 2025 BMW und VW bereit.

Salzgitter AG will mit Partnern Materialkreisläufe aufbauen

Groebler baut dabei auf Gegenseitigkeit. So bekommt Salzgitter von den Autobauern Metallabfälle für die eigene Produktion zurück und liefert selbst Stahl für den Bau von Windkraft­anlagen. „Circular Econcomy Solutions“ hat er seine Strategie überschrieben – mit verschiedenen Partnern will er Material­kreisläufe aufbauen. „Stahl ist der beste Werkstoff für die Kreislaufwirtschaft“, sagte Groebler.

Was ihm allerdings ebenso noch fehlt wie dem Konkurrenten Thyssenkrupp, sind Anlagen für eine CO₂-arme Produktion im industriellen Maßstab. Thyssenkrupp will spätestens 2023 endgültig über die Investition in das Wasserstoff­verfahren entscheiden, Salzgitter will Salcos „noch im Sommer 2022 zur Investitionsreife bringen“.

Gunnar Groebler führt seit dem Sommer 2021 die Salzgitter AG.

Gunnar Groebler führt seit dem Sommer 2021 die Salzgitter AG.

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Entscheidende Voraussetzung für die Umsetzung der neuen Technik ist die Genehmigung öffentlicher Fördermittel, denn die immer wieder kriselnde Branche steht vor Milliarden­investitionen. Groebler hofft auf einen „mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ und sieht dabei „starke Unterstützung der Bundes- und der Landespolitik“. Die Anträge sind gestellt, liegen aber noch zur Genehmigung bei der EU-Kommission. Groebler verweist auf die „sehr hohe Fördereffizienz“: Bei der Umstellung der Stahlproduktion bringe ein investierter Euro fünfmal mehr CO₂-Einsparung als bei Elektroautos.

Die Branche geht ausnahmsweise mit geschäftlichem Rückenwind in den Umbau. Die Folgen des Kriegs gegen die Ukraine seien zwar noch kaum abzuschätzen, aber das vergangene Jahr habe das beste Ergebnis seit Langem gebracht. Und während Thyssenkrupp seine Prognose erst einmal ausgesetzt hat und Kurzarbeit im Stahlbereich vorbereitet, bleibt Groebler dabei, dass Kurzarbeit nicht in Sicht sei und Umsatz und Ergebnis auf dem Niveau des Vorjahres bleiben sollen. Geschäftlich habe das Jahr sehr gut begonnen, sagte Groebler.

Die Stahlkocher bekommen zwar auch die höheren Energiekosten zu spüren, können das über massiv gestiegene Stahlpreise aber mehr als ausgleichen. Viele Industriekunden waren froh, überhaupt beliefert zu werden. So stieg der Konzernumsatz im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel auf 9,7 Milliarden Euro. Nach zwei Verlustjahren lag der Nettogewinn bei 586 Millionen Euro. Mit 75 Cent pro Aktie soll die höchste Dividende seit 2008 gezahlt werden.

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