Kolumne „Börsenwoche“

Aktien: Die Kurse sind nicht alles

Die Media Docks sind gut gefüllt

Im nächsten Jahren entscheiden die Hauptversammlungen über die Dividendenhöhe.

Vielleicht wird es noch ein Rekordjahr. Nein, nicht bei den Aktienkursen – dafür sind die Stände vom Jahresbeginn wohl doch zu weit weg. Beim Dax fehlen trotz eines mächtigen Spurts in den vergangenen Wochen noch rund zehn Prozent zum Stand vom Jahresanfang. Aber Kurse sind ja nicht alles. Es gibt auch noch Dividenden (die beim Dax übrigens auch eingerechnet werden), und sie könnten einigen Trost spenden.

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Viele Unternehmen haben Luft nach oben

Denn in den Zwischenbilanzen für die ersten drei Quartale war wenig dabei, was auf Kürzungen schließen lässt, im Gegenteil: Manches Unternehmen wird wohl die Ausschüttung erhöhen. Das „Handelsblatt“ hat schon einmal gerechnet und traut den 40 Dax-Konzernen insgesamt 54 Milliarden Euro an Dividendenzahlungen zu – Rekord und sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Schon die Dividendensaison in diesem Jahr hat Maßstäbe gesetzt. Denn die „Corona-Delle“ haben die Unternehmen früh hinter sich gebracht: Als die Pandemie Anfang 2020 um sich griff, stand gerade die Entscheidung über die Ausschüttung an. Wegen der völlig unberechenbaren Aussichten kürzten Vorstände die Dividende oder ließen sie ganz ausfallen - und konnten ein Jahr später schon wieder zur Normalität zurückkehren.

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Es ist ziemlich plausibel, dass einige trotz aller Krisen für dieses Jahr noch einmal etwas drauflegen werden. Denn den meisten Großkonzernen geht es ziemlich gut. Die Autohersteller etwa feiern Gewinnrekorde, im Finanzsektor profitieren viele von den steigenden Zinsen. So könnte gut die Hälfte der Dax-Konzerne den Aktionärinnen und Aktionären für dieses Jahr noch einmal mehr Geld überweisen als für 2021.

Zu den Kandidaten für eine Erhöhung zählen die Autowerte, von denen es allein sechs im Dax gibt. Die Hersteller kämpfen zwar mit Produktionsproblemen und entsprechenden Lieferzeiten. Das macht die Kunden aber auch zahlungswillig: In den vergangenen Monaten wurde kaum Rabatt gegeben, und die Produktion konzentriert sich auf die margenstarken Modelle. Nur einem in dieser Riege dürfte die Dividendenentscheidung schwerfallen: Zulieferer Continental kämpft mit einer ganzen Serie von Problemen, zuletzt kam noch ein Hackerangriff hinzu.

Es gibt auch einige schwierige Fälle

Fünf Mal ist die Finanzbranche unter den Top 40 vertreten. Allianz, Munich Re und Hannover Rück zählen traditionell zu den Dividendentiteln, stabiler Aufwärtstrend ist hier quasi Pflicht. Die Deutsche Börse hat eine Reihe von Rekordergebnissen abgeliefert und wird ihre Eigner wohl teilhaben lassen. Und selbst die Deutsche Bank hat wieder Tritt gefasst und fährt die Ausschüttung langsam hoch - von niedrigem Niveau.

Ein paar schwierige Fälle gibt es allerdings auch, zum Beispiel Fresenius und seine Beteiligung Fresenius Medical Care (FMC). Die beiden Medizinkonzerne haben ihre Ausschüttungen seit mehr als zwei Jahrzehnten regelmäßig erhöht. Aber nun schrumpfen die Gewinne, die gesamte Konzernstruktur steht auf dem Prüfstand, und beide haben eine neue Führung bekommen - schlechte Voraussetzungen, um die Tradition fortzusetzen.

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Keinen Cent übrig hat wohl die verlustreiche Siemens Energy. Beim Chemiekonzern Covestro rechnen viele wegen schwacher Konjunktur und hoher Rohstoffkosten mit einer niedrigeren Dividende. Und bei Adidas wird maßgeblich der neue Chef Björn Gulden entscheiden, ob die Konzernkrise 2022 mit dem Abgang des Vorgängers Kasper Rorsted zum Jahreswechsel abgehakt wird oder noch eine Dividendenkürzung hinterherkommt.

Bisher sind das alles Spekulationen, denn noch legt sich niemand fest. Über die Dividende entscheiden die Hauptversammlungen im Frühjahr, ihre Vorschläge machen die Vorstände ein paar Wochen vorher im Februar oder März. Wenn es so weit ist, könnten zwei Hürden im Weg stehen: Wer in größerem Umfang Staatshilfen mitnimmt – Stichwort Gaspreisbremse – hätte bei gleichzeitiger Dividendenerhöhung einen Image-GAU zu befürchten.

Und die Entscheidung könnte just mit der Rezession zusammenfallen. Denn auch wenn schon überall von ihr die Rede ist: Spüren und an Zahlen ablesen würde man sie erst im nächsten Jahr. Das ist kein Moment, in dem man leichten Herzens Geld verteilt.

Die Anleihen werden zur Konkurrenz

Trotzdem werden sich nicht wenige Unternehmen für einen Zuschlag entscheiden. Denn erstens wird im Frühjahr 2023 der Gewinn dieses Jahres verteilt und nicht der des nächsten. Zweitens ist es oft die erklärte Unternehmenspolitik, Ausschüttungen kontinuierlich zu erhöhen, wenn das irgendwie möglich ist.

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Und drittens wächst die Konkurrenz: Erstmals seit Jahren gibt es auch am Anleihenmarkt wieder nennenswerte Rendite. Da braucht es in einem konjunkturell trüben Umfeld schon Argumente, um Anleger in den Aktien zu halten. Eine ordentliche Dividendenrendite wäre so ein Argument: Bei den in dieser Hinsicht besten Dax-Werten wie Mercedes oder BMW steuert sie auf 8 Prozent zu.

Stefan Winter ist leitender Wirtschaftsredakteur des RND. Er schreibt an dieser Stelle wöchentlich über Börse, Finanzmarkt, Aufstieg und Fall der Kurse – und über die Unternehmen dahinter.

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