Kommentar

Lagardes Draghi-Moment: Warum die EZB jetzt handeln muss

EZB-Chefin Christine Lagarde.

EZB-Chefin Christine Lagarde.

Frankfurt am Main. „Wir sind alle Zocker.“ So beschreiben Händler von Staatsanleihen ihr eigenes Tun. Sie kaufen und verkaufen täglich die eigentlich langweiligen Schuldscheine in gigantischen Mengen, was schon bei kleineren Bewegungen der Kurse enorme Profite bringen kann. Seit der Ankündigung der Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) in der vorigen Woche zocken sie wieder nach allen Regeln der Banker-Kunst.

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Darum geht es: Wetten dass, es der EZB nicht gelingt, Südländer der Eurozone vor Finanzierungsproblemen für deren Staatshaushalte angesichts höherer Zinsen zu schützen? Diese – man könnte sagen: bösartigen – Wetten haben sich in den vergangenen Tagen gegenseitig hochgeschaukelt.

EZB erhöht Leitzins um 0,25 Prozent­punkte ab Juli

Die EZB kündigte am Donnerstag nach einer Rats­sitzung in Amsterdam an, die Zinsen im Juli um 0,25 Prozent­punkte anheben zu wollen.

Vor allem für den italienischen Staat ist es innerhalb kürzester Zeit enorm teuer geworden, sich neues Geld zu leihen. Zwar hat sich Ministerpräsident Mario Draghi, Ex-EZB-Präsident, langfristig zu günstigen Konditionen eingedeckt. Die unmittelbaren Gefahren sind gering. Doch das Hochschaukeln muss so schnell wie möglich eingedämmt werden, ansonsten könnte einiges außer Kontrolle geraten. Deshalb die Sondersitzung des EZB-Rats.

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Die EZB-Präsidentin muss die Euro-Zone verteidigen

Die derzeitige Präsidentin Christine Lagarde muss gegenhalten und das Aufkaufen von italienischen, aber auch spanischen und portugiesischen Staatsanleihen zumindest zu annoncieren. Das ist jetzt ihr Draghi-Moment. Als 2012 auf ähnliche Art und Weise gezockt wurde und die Eurozone zu zerbrechen drohte, kam vom Italiener die Ansage, die Gemeinschaftswährung zu schützen – was immer es koste („whatever it takes“).

Die aktuelle Eskalation ist der vorläufige Höhepunkt eines fortgesetzten Taumelns und Zögerns der EZB, die sich dadurch immer stärker in die Enge manövriert hat. Hätte Lagarde schon im Herbst vorigen Jahres eine Zinswende konsequent auf den Weg gebracht, wäre es nicht so weit gekommen. Sie wollte aber insbesondere der italienischen Regierung (also Draghi) weiterhin die Möglichkeit geben, mit billigem Geld die massiven strukturellen Probleme im Land zu bekämpfen – von fehlenden Investitionen der Unternehmen bis zu einem maroden Bildungssystem. Dies fällt ihr jetzt auf die Füße.

Aber nachher ist man immer schlauer. Der erste Inflationsschub im vorigen Jahr wurde durch einen Boom im Zuge des Endes der Pandemiebeschränkungen ausgelöst. Richtig ist, dass die EZB zu dies viel lange als „vorübergehend“ taxiert hat. Doch der neue zweite viel heftigere Teuerungsschub wurde durch den Ukrainekrieg ausgelöst, den weder Politiker noch Notenbanker im Herbst 2021 für möglich gehalten haben.

Fest steht: Nun muss die neue Eurokrise unter Bedingungen angegangen werden, die beispiellos sind und für die es auch von den klügsten Volkswirten kein wirklich stimmiges Rezept gibt. Der Ausgang? Sehr ungewiss. Aber immerhin hat die EZB mit ihrer Anti-Zocker-Sondersitzung signalisiert, dass es auch unter Notenbankern mal flugs gehen kann.

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