Mobilitätswende in Europa: Londons Kampf gegen den dunklen Smog

Wie schon Johnson, der heutige Premierminister, appelliert auch das aktuelle Stadtoberhaupt Sadiq Khan regelmäßig an die Londoner, aufs Rad umzusteigen, um die massive Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen.

Wie schon Johnson, der heutige Premierminister, appelliert auch das aktuelle Stadtoberhaupt Sadiq Khan regelmäßig an die Londoner, aufs Rad umzusteigen, um die massive Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen.

In normalen Zeiten werden täglich Millionen von Londoner per Rolltreppe hinab in die Hölle transportiert. Diese befindet sich in 20 bis 50 Metern Tiefe und präsentiert sich insbesondere morgens und am späten Nachmittag – ähnlich wie im in der Bibel beschriebenen Vorbild – heiß, stickig, qualvoll. Es sind jene Stunden, wenn sich besonders viele Pendler in die überfüllte Londoner Underground drängen. Seit März aber ist alles anders. Seit der Lockdown Millionen von Menschen zu Hause bleiben ließ und die U-Bahnen als Corona-Hotspots galten.

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Bis heute sind die meisten Londoner nicht zurückgekehrt an ihre Arbeitsplätze. Die Sitze in den ratternden und schmalen Zügen der Tube sind oft spärlich besetzt, die Angst vor einer Ansteckung ist groß angesichts der steigenden Infektionszahlen. In der City of London, dem Finanzzentrum Europas, herrscht so wenig Verkehr, dass selbst das Gezwitscher der Vögel zu hören ist. Und viele jener Menschen, die tatsächlich in die Innenstadt ins Büro müssen, fahren dieser Tage Fahrrad.

Fahrrad fahren ist ein gefährliches Unterfangen in London

Die Zahl jener, die keine Lust mehr auf das Pendeln mit der U-Bahn haben und sich stattdessen auf den Sattel schwingen, war bereits in den vergangenen Jahren stark angestiegen, auch wenn dies angesichts der unübersichtlichen Straßen und unzähligen roten Doppeldeckerbusse oft einem lebensmüden Unterfangen gleicht. Vor einigen Jahren erschien in einer Zeitschrift ein nur halbwegs als Witz gemeinter Artikel unter der Überschrift „Wie man auf einem Fahrrad in London nicht stirbt“. Die Autorin beschrieb erleichtert, wie sie schon zwei Jahre auf dem Sattel überstanden hat – und immerhin, sie ist bis heute am Leben. Zu ihren Tipps gehörte unter anderem, Männer in Anzügen auf Leihrädern, die im Volksmund „Boris bikes“ genannt werden, in Anlehnung an den Ex-Bürgermeister Boris Johnson, zu meiden. Zu skrupellos, zu rücksichtslos – was sonst?

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Smog umnebelt die Stadt: London in der Umweltkrise

Aber wie schon Johnson, der heutige Premierminister, appelliert auch das aktuelle Stadtoberhaupt Sadiq Khan regelmäßig an die Londoner, aufs Rad umzusteigen, um die massive Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. London steckt seit Langem in der Umweltkrise. Regelmäßig umnebelt dunkler Smog die Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt, Bewohnern wie Besuchern bleibt die Luft weg, insbesondere im Zentrum rund um die Touristenanziehungsorte Trafalgar Square, Oxford Street oder der Gegend um Westminster.

Bürgermeister Khan schlug schon mehrfach Alarm, indem er die höchste Warnstufe auslöste, die das im August 2016 in der Stadt eingeführte System für Luftverschmutzung bietet. „Die Luft in unserer Stadt ist ein Killer“, sagte der Labour-Politiker im vergangenen Jahr. Tatsächlich gilt sie als so belastet wie in keiner anderen europäischen Metropole. Während bereits im Februar die britische Regierung unter Johnson, selbst leidenschaftlicher Radler, angekündigt hatte, 2 Milliarden Pfund für den Radverkehr ausgeben zu wollen, mit denen im Land Pop-up-Radwege sowie Fahrradtrainings bezahlt werden und der Zugang zu Elektrofahrrädern verbessert werden sollen, hat der Lockdown die Fahrrad­revolution in London beschleunigt. Die Pandemie bedeute „eine fundamentale Neugestaltung, die wir in dieser Stadt erleben“, sagte Bürgermeister Khan.

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Trotz „cycle superhighways“: London kriegt die Luftverschmutzung nicht vollständig in den Griff

Bereits vor Corona wurde etwa das System der sogenannten „cycle superhighways“ weiter ausgebaut. Die reinen Fahrradspuren sollen für Sicherheit sorgen. Hinzu kommt, dass die klobigen Leihräder, die überall in der Stadt zur Verfügung stehen, so beliebt sind wie nie. Mehr dauerhafte und temporäre Radwege und -spuren, breitere Bürgersteige sowie bessere Ampelschaltungen könnten den Anteil der Fahrradfahrer verzehnfachen und auch jenen der Fußgänger deutlich vergrößern, so die Hoffnung.

Leider ist der Smog Alltag in London, mitverantwortlich sind die berühmten roten Doppeldeckerbusse und ikonenhaften schwarzen Taxis, die häufig noch mit alten Dieselmotoren laufen. So furchtbar wie zwischen dem 5. und 9. Dezember 1952 ist es jedoch längst nicht mehr. Der „Great Smog“ ging als eine der schlimmsten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen Europas in die Geschichte ein. Damals starben rund 12.000 Menschen, davon etwa 4000 an jenen fünf Tagen, 8000 an den Folgen. Im Anschluss wurden drastische Maßnahmen ergriffen, die die Qualität der Luft deutlich verbessert haben. Doch völlig in den Griff bekam die neun Millionen Menschen zählende Stadt die Verschmutzung nie.

Zusatzmaut für alte Autos soll Umwelt­belastung reduzieren

Ein Vorstoß war die Einführung der Maut. Auto- und Lkw-Fahrer, die unter der Woche tagsüber ins Zentrum der Metropole wollen, müssen seit dem Jahr 2003 eine Einfahrgebühr bezahlen, mit der die Stadtverwaltung den Verkehr und somit die Umweltbelastung reduzieren wollte. Mittlerweile gilt sie täglich in der Innenstadt zwischen 7 und 22 Uhr und kostet 15 Pfund, umgerechnet rund 16,50 Euro, pro Wagen pro Tag. Die Autos werden mittels automatischer Nummernschild­erkennung per Videokameras überwacht, und all jenen, die die Abgabe nicht rechtzeitig entrichten, droht eine saftige Strafgebühr. Die sogenannte „congestion charge“, zu Beginn noch deutlich günstiger als heute, hatte für eine Weile funktioniert.

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Doch schnell reichten die Schadstoffwerte an die Zeit vor der Einführung der Staugebühr heran. Doppeldeckerbusse, Taxis, Autos und Lieferwagen drängen sich insbesondere morgens und abends durch den dichten Verkehr der Hauptstadt. Deshalb hat Bürgermeister Sadiq Khan im Oktober 2017 eine Zusatzmaut für Autos, die mehr als zehn Jahre alt sind, eingeführt. Und für Diesel- und Benzinfahrzeuge, die nicht mindestens dem Standard Euro 4 entsprechen, fällt für den gesamten Großraum London eine sogenannte T-Charge von 10 Pfund, umgerechnet gut 11 Euro, an, die zusätzlich zur „congestion charge“ bezahlt werden muss.

„Ultra low emission zone“: Dieselwagen müssen mindestens dem Standard Euro 6 entsprechen

Seit April vergangenen Jahres gilt in der Londoner Innenstadt sogar eine „ultra low emission zone“, eine neue Umweltzone, in der Dieselautos mindestens dem Standard Euro 6, Benziner dem Standard Euro 4 entsprechen müssen. Das alles hilft jedoch kaum, die Kritik an Bürgermeister Khan wird von Woche zu Woche lauter, insbesondere jetzt in Corona-Zeiten. Wer dieser Tage die Themse überqueren muss, steckt nämlich vor allem im Stau. Einige Brücken werden saniert, zusätzliche Rad- und Fußwege nehmen Auto-, Bus- und Lkw-Fahrern den ohnehin geringen Platz auf der Straße. Und das gerade während der Pandemie, da zahlreiche Londoner lieber ihren Wagen nehmen als öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Ein Teil der wichtigen Verkehrsader Park Lane entlang des Hyde Parks genauso wie um den Knotenpunkt Vauxhall etwa wurde für Radler reserviert. Dasselbe gilt für etliche andere Teile der Innenstadt, wo sich nun noch mehr Busse, Lastwagen und Taxis stauen als ohnehin. „Es ist mittlerweile ein Albtraum, durch London zu radeln, und schlimmer als je zuvor“, schimpft etwa der Brite Robbie, der schon vor Corona aufs Auto und die U-Bahn verzichtete. Immerhin, aufgrund der anhaltenden Luftkrise greifen etliche Fahrradfahrer in der Metropole bereits seit Jahren zu Sauerstoffmasken und düsen mit einer die Luft filternden Atemmaske über Mund und Nase durch Londons Straßen. Ein bisschen sehen sie aus wie strampelnde Darth Vaders. In Corona-Zeiten liegen sie damit mehr als im Trend.

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