Unternehmensnachfolge

Der Lehrling ist der neue Chef

Richard Wohlfeld (r.) und Ralf Krippner: Der Ex-Lehrling ist nun der Geschäftsführer von ProSoft Krippner.

Richard Wohlfeld (r.) und Ralf Krippner: Der Ex-Lehrling ist nun der Geschäftsführer von ProSoft Krippner.

Leipzig. Mitten im Gespräch steht Ralf Krippner auf, um eine Runde Kaffee zu holen. Normalerweise, so denkt der Beobachter, wäre das doch die Aufgabe von Richard Wohlfeld gewesen, denn er ist mit seinen 25 Jahren 33 Jahre jünger als der Gründer der Prosoft Krippner GmbH. Der winkt lächelnd ab, als der junge Mann seine Hilfe anbietet. Es ist zu spüren, dass die Chemie zwischen den beiden stimmt. Krippner, ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch, macht damit indirekt deutlich, wie zufrieden er mit Wohlfeld ist. Ihm hält er gerne den Rücken frei – und sei es, indem er Kaffee heranschafft.

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Krippner will ihm ein gut bestelltes Feld übergeben. Der gebürtige Löbnitzer hat sich Wohlfeld ausgeschaut, um Ende nächsten Jahres die Nachfolge als Chef anzutreten. Krippner zieht sich Ende 2020 aus dem Systemhaus mit Sitz in Delitzsch zurück. „Klar, wenn Hilfe benötigt wird, stehe ich natürlich gern auch danach zur Verfügung“, sagt Krippner – und hofft, dass diese so gut wie nie nötig sein wird. Weshalb er auch keinen Beratervertrag unterzeichnen wird, um auf diese Weise ein Stück Macht in der Firma zu behalten.

Einen Tag nach Mauerfall ging die Arbeit los

Die Zukunft der profitablen Firma mit ihren 50 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 18 Millionen Euro ist also gesichert. Schon früh hatte Krippner sich für Informationstechnologie interessiert. Nach der Berufsausbildung mit Abitur studierte er an der Technischen Universität Dresden Informationstechnik und arbeitete später in einem Delitzscher Landbaubetrieb – natürlich am Computer. Auf den Mauerfall und die Grenzöffnung am 9. November 1989 reagierte der heutige Gelegenheits-Golfer prompt. „Einen Tag danach habe ich angefangen, die ersten Briefe zu schreiben, um mich selbstständig zu machen“, erzählt er. Wenige Monate später eröffnete er in Delitzsch ein Computergeschäft. Die Erfolgsgeschichte begann. Später kamen Filialen in Leipzig, Dresden und Halle hinzu. Die Betreuung vor allem mittelständischer Firmen florierte rasch und hält bis heute an. Von komplexen IT-Strukturen bis zum richtigen Toner oder einer Verlängerung der Garantie – die Angebotspalette ist vielfältig.

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„Es kann ja immer was passieren“

Vor gut drei Jahren setzten bei Krippner erste Überlegungen ein, die Nachfolge zu regeln. „Es kann ja immer was passieren.“ Da habe er auch an einen Verkauf gedacht. Es wurden Gespräche mit Konkurrenten geführt, aber „das war letztlich keine ernsthafte Alternative“. Denn dann wäre sein Betrieb nur eine Art verlängerte Werkbank geworden, so mancher seiner Beschäftigten hätte um den Job bangen müssen. „Und das wollte ich nicht.“ Unternehmer hätten schließlich eine große Verantwortung ihren Mitarbeitern gegenüber. „Sie verlassen sich auf den Chef.“ Folglich startete Krippner seinen Plan B: die Suche nach einem internen Nachfolger.

Wohlfeld war im dritten Lehrjahr – und gleich Chef

Im März 2017 wurde bei Krippner eine schwere, inzwischen auskurierte Erkrankung festgestellt. Das beschleunigte seine Bemühungen und endete in einer ungewöhnlichen Lösung. Richard Wohlfeld war gerade im dritten Lehrjahr, überzeugte mit hervorragenden Leistungen und ließ erkennen, dass er einen gesunden Ehrgeiz hat und sich mehr zutraut. Folglich übertrug Krippner dem Azubi die Geschäftsführung. „Ich hatte keine andere Chance“, sagt Krippner über die Entscheidung, die er „nie bereut“ hat. Er habe erkannt, dass Wohlfeld „es will und kann“. Neun Monate lang fiel der alte Geschäftsführer weitgehend aus, tauschte sich in dieser Zeit zwar regelmäßig mit dem jungen Interims-Chef aus, ließ ihm aber freie Hand. „Man muss loslassen können und den Mitarbeitern was zutrauen.“

„Ich bin nicht wieder in mein Büro eingezogen“

Nach der Genesung drehte er das Rad der Firmengeschichte nicht zurück. „Ich bin nicht wieder in mein Büro eingezogen, sondern habe es Wohlfeld überlassen.“ Der wiederum hatte ursprünglich einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Er arbeitete in der Zahnarztpraxis seines Vaters in Lampertswalde mit und startete eine Ausbildung als Zahnarzthelfer, die er aber nicht zu Ende führte. „Mir ist bewusst geworden, dass das nichts ist, was ich ein Leben lang machen möchte.“ Da zog es ihn in die Informationstechnologie oder in die Immobilienbranche. Letztlich bewarb er sich bei Prosoft um eine Lehrstelle und freute sich, als die Zusage kam. „Ich wollte schon immer nach Leipzig ziehen, das ist einfach eine schöne Stadt“, berichtet der Hobby-Motorradfahrer. In der Ausbildung schraubte er zunächst Computer zusammen, signalisierte aber bald, „dass mir das nicht reicht“.

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Kein einziger Mitarbeiter hat gekündigt

Die große Herausforderung kam mit der Erkrankung Krippners. Wohlfeld war plötzlich der Chef, durchaus kritisch beäugt von den langjährigen Beschäftigten. Doch mit Beharrlichkeit, Konsequenz, Fachwissen und Einsatz gelang es ihm, das Vertrauen zu gewinnen. „Das ging ziemlich schnell.“ Wohlwissend, dass er auf die Rückendeckung Krippners setzten konnte. „Es hat kein einziger Mitarbeiter gekündigt“, streicht der Bald-Vorgänger heraus. „Das hat mir gezeigt, dass ich die richtige Wahl getroffen habe.“ Wohlfeld habe das vorgelebt, was er von den Beschäftigten verlangt habe. Der Neue hat zunächst viel geschaut und wenig verändert. „Das Schlimmste wäre gewesen, alles sofort umzukrempeln.“ So lief das Geschäft in geordneten und gewohnten Bahnen weiter. „Das große Erfolgsgeheimnis“, kommentiert Krippner, „ist die Personalführung.“ Es komme darauf an, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen. Das könne sein Nachfolger.

Wohlfeld ist nun Gesellschafter und Geschäftsführer

Seit Jahresbeginn ist Wohlfeld Gesellschafter und offiziell Geschäftsführer. Schwierig war die Finanzierung der Anteile, die Krippner abgegeben hat. Angebote der Banken waren unattraktiv und hätten Wohlfeld, der naturgemäß noch über keine Sicherheiten wie ein abgezahltes Haus verfügt, über Gebühr belastet, so womöglich den Fortbestand von Prosoft (Krippner: „Das ist ein grundsolides Unternehmen, wir haben nie rote Zahlen geschrieben“) gefährdet. Letztlich wurde, auch mit Hilfe des Zahnarzt-Vaters, eine Lösung gefunden. „Wichtig ist, dass es mit der Firma weitergeht“, freut sich der Gründer. Am Ende des Gesprächs steht Wohlfeld als erster aus dem Sessel auf und schnappt sich die Tassen, um sie zum Geschirrspüler zu bringen. Ganz der zupackende Chef – wie sein Vorgänger.

Von Ulrich Milde

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