Second-Hand-Klamotten werden zum Big Business

Modebranche in der Kritik. Wie beim Streetware Cat Walk auf dem Tempelhofer Feld während der Fashion Week in Berlin. Auch große Konzerne setzen auf Second-Hand-Bekleidung.

Modebranche in der Kritik. Wie beim Streetware Cat Walk auf dem Tempelhofer Feld während der Fashion Week in Berlin. Auch große Konzerne setzen auf Second-Hand-Bekleidung.

Frankfurt. In der Rubrik Neuigkeiten fand der Modefan am Donnerstag neben einem Portemonnaie von Bulgari für 270 Euro einen eher schlichten Blouson für 59,95 Euro von Ted Baker. Die beiden Produkte stehen für die Bandbreite, in der sich die Offerten von Vestiaire Collective bewegen. Diese Mischung ist das Erfolgsrezept der französischen Internetplattform für Second-Hand-Mode, die mittlerweile mit 1,7 Milliarden Euro bewertet wird.

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Das Start-up mit dem originellen Namen (auf Deutsch: gemeinsame Umkleidekabine) hat zuletzt gleich mehrere Ritterschläge erhalten. In der jüngsten Finanzierungsrunde haben die Franzosen 178 Millionen Euro eingesammelt. Das Geld kommt unter anderem auch von einer Investmenttochter des japanischen Hightechriesen Softbank.

Aber Anteilseigner, die schon länger dabei sind, haben ebenfalls noch einmal investiert. Dazu zählt das New Yorker Medienunternehmen Condé Nast, das unter anderem die Modezeitschrift Vogue herausgibt. Noch mehr große Namen gefällig? Auch der Investor Generation Investment Management ist jetzt mit von der Partie. An dessen Spitze steht kein Geringerer als Al Gore, Ex-Vizepräsident der USA und Klimaaktivist. Und bei einer Kapitalsammelaktion im Frühjahr hatte sich die französische Gucci-Mutter Kering schon einen Fünf-Prozent-Anteil geschnappt.

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Was Vestiaire so attraktiv macht? Das Unternehmen ist in einer Sparte aktiv, der viele Experten die größten Zuwachsraten in der gesamten Modebranche zurechnen. Der Handel mit gebrauchten Klamotten boomt. Zahlreiche Promis haben sich geoutet, dass sie regelmäßig in der gemeinsamen Umkleidekabine auf Schnäppchenjagd gehen, etwa der Reality-TV-Star Kim Kardashian oder zahlreiche Fußballstars, die inzwischen auch als Modeexperten gelten.

Die Berater der Boston Consulting Group (BCG) haben in einer Studie im Auftrag von Vestiaire Collective hochgerechnet, dass der globale Second-Hand-Handel mit Bekleidung, Schuhen und Accessoires derzeit schon ein Volumen von bis zu 50 Milliarden Dollar pro Jahr hat. Tendenz stark steigend. Die BCG-Experten gehen davon aus, dass die Umsätze in der nächsten Halbdekade um 15 Prozent bis 20 Prozent per annum zulegen werden. In reichen Industrieländern seien sogar Steigerungsraten bis zu 100 Prozent binnen zwölf Monaten möglich.

Das hat viel mit Reputationsproblemen der Modebranche und einer Gegenstrategie zu tun. Umweltschützer prangern die Ex-und-Hopp-Geschäfte der großen Konzerne an. Greenpeace spricht gar vom „Konsumkollaps durch Fast-Fashion“. Die globale Modebranche verursacht verschiedenen Studien zufolge mehr CO₂-Emissionen als die internationale Luftfahrt und die Seeschifffahrt zusammen.

Der Treibhausgasausstoß entspricht damit in etwa der Menge, die Deutschland, Frankreich und Großbritannien insgesamt in die Luft blasen. Hinzu kommen verdreckte Gewässer, Müllberge und vielfach üble Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in Schwellenländern. Das gibt wichtigen Kundengruppen der Modeindustrie – insbesondere jungen Frauen, die mehr Klimaschutz wollen, zu denken.

Der Ausweg ist, den Shirts, Hosen und Blousons, die nicht getragen werden und Millionen von Kleiderschränken verstopfen, eine zweite Chance zu geben. Deshalb gehen die BCG-Experten davon aus, dass der Anteil der Bekleidung, die einen Vorbesitzer hatten, in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Auch die Marktforscher der US-Firma Global Data rechnen bis 2025 mit einer Verdopplung des weltweiten Gebrauchttextilienmarktes.

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Viele große Hersteller und Händler haben das längst mitbekommen. Sellpy, die Online-Second-Hand-Sparte des Moderiesen H&M, hat im Frühjahr eine Offensive gestartet, um die internationale Präsenz steigern – von vier auf 24 Länder. Der hiesige Internettextilhändler Zalando, der gerade in den Dax aufgestiegen ist, will sein Geschäft mit Gebrauchtkleidung ebenfalls ausbauen. Und Pioniere wie Momox, der unter anderem auch Bücher offeriert, oder Vinted, früher: Kleiderkreisel, spielen nach wie vor wacker mit.

Umsatzsteigerung um 90 Prozent

Der besondere Charme von Vestiaire Collective liegt wohl in der Noblesse, die die Plattform noch immer ausstrahlt. Die 2009 von der Französin Fanny Moizant ins Lebens gerufene Website setzte lange Zeit auf Superluxus, auf Chanel, Prada, Bulgari oder Dior.

2018 stieg der deutsche Manager Maximilian Bittner ein und übernahm die Geschäftsführung – er kommt aus dem Berliner Rocket-Internet-Stall, hatte zuvor die E-Commerce-Plattform Lazada in Asien groß gemacht. Er erweiterte das Sortiment massiv mit gängigen und preiswerteren Marken, was unter anderem die aufwendige Authentifizierung vieler Artikel überflüssig macht – extrem teure Marken werden oft gefälscht.

Bittners Konzept funktioniert offenbar. Der Umsatz ist in den vergangenen zwölf Monaten nach Angaben des Unternehmens um 90 Prozent gestiegen. Absolute Erlöszahlen werden allerdings nicht genannt. Vestiaire wirbt aber auf der Website damit, dass ständig drei Millionen Artikel im Angebot sind und dass es jeden Monat über 550.000 neue Listings gibt.

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Jetzt ließ Bittner wissen, dass mit dem frisch eingesammelten Geld nicht nur die internationale Expansion finanziert, sondern auch ein nachhaltigeres Wirtschaften organisiert werden soll. Die Logistik macht den allergrößten Teil der CO₂-Emissionen von Vestiaire aus. Deshalb soll der Direktvertrieb von Verkäufer zu Käufer ausgebaut werden. Immerhin hat das Unternehmen kürzlich bereits eine „B-Corp-Zertifizierung“ errungen. Die US-Non-Profit-Organisation B Lab bescheinigt damit, dass Vestiaire ein Unternehmen ist, das nach ihren Kriterien gesellschaftlich Nützliches macht.

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