An der Grenze rekrutiert

„Sorry, zu voreilig“: Tönnies stoppt Anwerbung ukrainischer Geflüchteten

Die Arbeit in Schlachthöfen ist ein Knochenjob – den oft migrantische Beschäftigte erledigen.

Die Arbeit in Schlachthöfen ist ein Knochenjob – den oft migrantische Beschäftigte erledigen.

Göttingen. Ukrainerinnen und Ukrainer dürfen in Deutschland arbeiten – und sie sind als Arbeitskräfte offenbar heiß begehrt: Der Fleischkonzern Tönnies bestätigte am Donnerstag, Geflüchtete an der polnisch-ukrainischen Grenze angeworben zu haben. Nun wächst die Sorge, dass manch umstrittene Arbeitgeber aus dem Niedriglohnbereich sie ausnutzen könnten.

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Die Anwerbeversuche hatte die ARD am Mittwochabend aufgedeckt. Demnach hatten Flüchtlingshelfer im Grenzgebiet Tönnies-Mitarbeiter entdeckt und „vertrieben“, wie sie auf Instagram schilderten. „Sich am Elend zu bereichern und es als gute Tat zu verkaufen, ist in der Fleischbranche nichts Neues. 2015 bei der Flüchtlingswelle haben wir Ähnliches erlebt“, sagte daraufhin Inge Bultschneider von der Interessengemeinschaft Werkfairträge der ARD.

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Tönnies wollte nur helfen

Davon will man bei Tönnies nichts wissen: „Tönnies ging und geht es nur darum, den Menschen zu helfen“, erklärte ein Sprecher am Donnerstag. Firmenchef Clemens Tönnies habe kürzlich einen Hilfskonvoi an die Grenze begleitet. Nach diesem „emotionalen Besuch“ sei die Idee entstanden, Flüchtlingen direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze Unterstützung durch Arbeitsplätze, Unterkünfte und Transport nach Deutschland anzubieten, teilte das Unternehmen mit.

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Dennoch löste der Vorfall unter Branchenkennern auch am Donnerstag Fassungslosigkeit aus, wie mehrere dem RedaktionsNetzwerk Deutschland sagten. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Corona-Ausbrüche in Tönnies-Schlachthöfen. Diese stehen schon länger wegen der prekären Situation der meist migrantischen Beschäftigten in der Kritik – auch wenn sich deren Arbeits- und Lebensbedingungen nach einigen Gesetzesänderungen zuletzt verbessert haben sollen.

Flüchtlinge häufig im Niedriglohnbereich tätig

Dabei ist es erklärtes Ziel der Bundesregierung, Geflüchtete aus der Ukraine rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Angesichts der Zerstörungen in der Ukraine und der Länge des Krieges würden viele Menschen längere Zeit in Deutschland bleiben, hatte Arbeitsminister Hubertus Heil am Mittwoch erklärt. Längst gibt es entsprechende Jobbörsen und Sprachkurse, auch an der Anerkennung von ukrainischen Berufsabschlüssen arbeitet die Bundesregierung laut Heil.

Allerdings zeigen diverse Untersuchungen aus der Vergangenheit, dass viele Geflüchtete zunächst – und nicht selten dauerhaft – im Niedriglohnbereich tätig werden. Ihre Situation mache das nicht besser, meint der Göttinger Soziologe Peter Birke. „Die Voraussetzung für Integration und Teilhabe sind gute Arbeitsbedingungen, erfahrungsgemäß sind die in der Fleischindustrie nicht gegeben“, sagt der Wissenschaftler, der zur Situation migrantischer Beschäftigter, etwa in Schlachthöfen und bei Amazon, forscht.

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Gewerkschaften und Ministerien steuern gegen

Die Bundesregierung und hiesige Gewerkschaften arbeiten bereits fieberhaft daran, für möglichst gute Arbeitsbedingungen der Geflüchteten zu sorgen. „Der Beratungsbedarf ist hoch“, schilderte ein Sprecher der für die Fleischbranche zuständigen Gewerkschaft NGG. Bei Fragen rund die Arbeit in Deutschland seien die Gewerkschaften auch für die Menschen aus der Ukraine der richtige Ansprechpartner, bekräftigte er.

Zudem will auch das Arbeitsministerium für zusätzliche Beratungsangebote sorgen: Die Beratungsstellen des Netzwerks Faire Integration sollen nach Heils Angaben gestärkt werden – wegen „schwarzer Schafe“ unter hiesigen Arbeitgebern, wie Heil am Mittwoch erklärt hatte. Dem Vernehmen nach ringen Beratungseinrichtungen bislang aber damit, dass Ukrainisch und Russisch in der Vergangenheit keine große Rolle bei ihnen gespielt haben.

Tönnies entschuldigt sich

Die Anwerbeversuche im Grenzgebiet hat Tönnies unterdessen eingestellt, wie das Unternehmen am Donnerstag erklärte. „Sorry, vielleicht waren wir hier zu voreilig“, hieß es dort. Künftig wolle man sich besser mit den Behörden und der Politik absprechen. Zugleich betonte Tönnies, dass allein am Donnerstagmorgen rund ein Dutzend Anfragen auf „extra für die Flüchtlinge“ geschaffene Arbeitsplätze eingegangen seien.

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Rückendeckung für Tönnies kam von CDU-Sozialpolitiker Dennis Radtke: Er freue sich, dass das Unternehmen in diesen wirtschaftlichen Zeiten für ukrainische Flüchtlinge Arbeitsplätze und und Wohnungen anbiete. „Das ist eine gute Initiative, die natürlich mit den staatlichen Stellen eng abgestimmt und koordiniert werden muss“, erklärte Radtke in einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Unternehmen.

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