Kolumne „Weltwirtschaft“

Warum Chinesen von „fliegenden Autos“ träumen

Menschen gehen in der Wangfujing-Straße in Peking spazieren (Symbolfoto).

Menschen gehen in der Wangfujing-Straße in Peking spazieren (Symbolfoto).

Peking. Vor acht Jahren zog der deutsch-amerikanische Investor Peter Thiel ein ernüchterndes Fazit. „Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen“, sagte der Silicon-Valley-Milliardär über die technologischen Errungenschaften der vergangenen Jahre. Diese haben das Leben zwar bequemer gemacht, tiefgreifend verändert aber haben sie es kaum. In China ist die Grunderfahrung eine vollkommen andere.

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Wenn ich mit chinesischen Bekannten in Jugenderinnerungen schwelge, unterscheiden sich unsere Perspektiven massiv: Die Einkaufsstraße, an deren Schaufenster ich als Piefke meine Nase platt drückte, hat sich seit den 90er-Jahren kaum verändert, und in meinem alten Gymnasium ist selbst der Geruch des Tafelwassers noch derselbe.

Meine chinesischen Freunde und Freundinnen hingegen haben eine wirtschaftliche Revolution erlebt: In ihrer Jugend haben sie auf Reisfeldern geschuftet, Wasser vom Brunnen geholt oder mühsam das Schulgeld aufgetrieben. Nun, keine 30 Jahre später, sitzen sie beim gediegenen Feierabendbier in Peking – einer Stadt, die die meisten westlichen Metropolen in den Schatten stellt.

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Dass sich Chinas Bruttoinlandsprodukt bis vor Kurzem alle zehn Jahre verdoppelte, hatte sehr konkrete Veränderungen zur Folge: Neue Stadtviertel entstanden, Einkaufszentren öffneten und die Löhne stiegen. In der Zeit, in der meine alte Heimat Berlin und Brandenburg einen Flughafen baute, hat China fast 38.000 Kilometer Hochgeschwindigkeitszugnetz verlegt. Diese Erfahrung prägt das Bewusstsein: Man spürt, dass grundlegende Veränderungen möglich sind.

Vielleicht erinnern Sie sich an die große Rede des mittlerweile verstorbenen Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1997 nach einer Asienreise forderte, durch Deutschland müsse „ein Ruck“ gehen. Herzog sagte damals, dass Europa zwar einen einmaligen Wohlstand erreicht habe, es jedoch an Fantasie mangele, wie die Zukunft aussehen könnte. Chinesen und Chinesinnen hingegen haben diese Fantasie. Wenn junge Menschen in Peking von „fliegenden Autos“ sprechen, tun sie das ohne Ironie. Sie glauben daran, dass sie damit noch durch die Gegend düsen werden.

Fabian Kretschmer ist Peking-Korrespondent des RND. Wie die Chinesen und Chinesinnen das 21. Jahrhundert erobern wollen, erklärt er an dieser Stelle mittwochs – im Wechsel mit seinen Kolleginnen und Kollegen in Washington, London, Brüssel sowie für Russland und Osteuropa.

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