Wirtschaftsforscher: „Wir schrammen an Rezession vorbei“

Malte Rieth (l-r), DIW Berlin, Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, Claus Michelsen, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. in Berlin, Timo Wollmershäuser, ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, und Torsten Schmidt, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, präsentieren die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute Herbst 2019 auf einer Pressekonferenz in der Bundespressekonferenz.

Malte Rieth (l-r), DIW Berlin, Stefan Kooths, Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, Claus Michelsen, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. in Berlin, Timo Wollmershäuser, ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, und Torsten Schmidt, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen, präsentieren die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute Herbst 2019 auf einer Pressekonferenz in der Bundespressekonferenz.

Berlin. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben zwar ihre Wachstumsprognosen zurückgenommen, sehen aber keine Rezessionsgefahren für die Gesamtwirtschaft in Deutschland. „Wir schrammen an einer Rezession vorbei“, sagte Torsten Schmidt vom Essener Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) bei der Vorstellung der traditionellen Herbst-Gemeinschaftsdiagnose der Institute am Mittwoch in Berlin. Allerdings basiert die Prognose auf der Erwartung, dass es einen geregelten Brexit geben wird und sich die internationalen Handelskonflikte insbesondere zwischen den USA und China nicht verschärfen. Tritt das nicht ein, könnte es nach Einschätzung der Konjunkturforscher zu einem Einbruch kommen.

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Lage zweigeteilt

Die Lage in der deutschen Wirtschaft ist der Analyse zufolge klar zweigeteilt: Die Industrie befindet sich derzeit in einer Rezession, während der private Konsum und der Dienstleistungssektor weiterhin boomen. Das führt unter anderem dazu, dass unterm Strich die Zahl der Beschäftigten in Deutschland weiter zu- und nicht abnimmt. Der Trend verlangsamt sich allerdings.

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„Von einer tiefen Konjunkturkrise kann nicht gesprochen werden“, betonte Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Forscher weisen zudem darauf hin, dass auch der Abschwung in der Industrie Besonderheiten aufweist: So seien die Unternehmen jetzt erst normal ausgelastet, während sie in der zurückliegenden Boomphase die vielen Aufträge gar nicht hätten abarbeiten können. Mit anderen Worten: Die Rezession im verarbeitenden Gewerbe hat bisher zu einer gewissen Normalisierung geführt, aber noch nicht zu einem Mangel an Aufträgen.

Strukturkrise?

Gleichwohl rätseln die Wirtschaftsforscher, warum der Einbruch in der Industrie – hier vor allem in der Automobil-, Chemie- und Pharmabranche – so heftig war. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagte, es sei unklar, ob es sich um eine rein zyklische Abwärtsbewegung handele oder um strukturelle Probleme. Letzteres liegt zumindest nahe, da die deutsche Autobranche den Umstieg auf Elektrofahrzeuge verschlafen hat. Kooths verwies in diesem Zusammenhang auf massive staatliche Förderprogramme in China für den Kauf von E-Autos.

Mit Blick auf die schwächere Entwicklung der Industrieproduktion und der Weltwirtschaft senkten die Wirtschaftsforscher ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr gegenüber dem Frühjahr leicht um 0,3 Punkte auf nunmehr 0,5 Prozent. Für 2020 werden 1,1 Prozent statt 1,8 Prozent erwartet. Obwohl die Rate 2020 also fast doppelt so hoch ist wie im laufenden Jahr, spricht das aber nicht für eine Belebung der Wirtschaft. Denn immerhin ist ein Anteil von 0,4 Prozent allein darauf zurückzuführen, dass im kommenden Jahr mehr gearbeitet werden muss: Während es in diesem Jahr je nach Bundesland zwischen 249 und 251 Arbeitstage gibt, steigt die Zahl 2020 auf 253 bis 255 Tage. Wenn mehr gearbeitet wird, steigt die Wirtschaftsleistung automatisch.

„Schwarze Null ist unsinnig“

Konjunkturprogramme lehnen die Wirtschaftsforscher zum jetzigen Zeitpunkt als überflüssig ab. Sie kritisieren allerdings das Festhalten an der schwarzen Null – also an Haushalten ohne jede neue Schulden. Sie verweisen auf die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse, die je nach Konjunkturlage eine gewisse Verschuldung zulässt. „Es macht keinen Sinn, einer Krise hinterherzusparen“, sagte DIW-Konjunkturexperte Michelsen.

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Kritik äußerten die Konjunkturexperten auch am Klimapaket der Bundesregierung. Die CO₂-Bepreisung sei zu niedrig angesetzt, um tatsächlich Verhaltensänderungen zu erreichen. Grundsätzlich befürworteten sie aber den von der großen Koalition eingeschlagenen Weg. Nötig sei ein Konsumverzicht der heutigen Generation zugunsten von Investitionen in eine emissionsärmere Energieerzeugung und in die Verkehrsinfrastruktur. „Klimaschutz gibt es nicht zum Nulltarif“, so das Fazit der Wirtschaftsforscher.

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