Von einem anderen Stern: Schiaparelli bringt die Haute Couture zurück

Das Hause Schiaparelli war schon immer bekannt für exklusive und provokative Haute Couture.

Das Skelettkleid mit eingearbeiteter Wirbelstruktur war Stadtgespräch. Ebenso wie die Pullover, die wie die tätowierte Brust eines Seemanns anmuteten – mit Schlangen und pfeildurchbohrten Herzen. Alles für die Dame von Welt. Und dazu das passende Parfüm: „Shocking!“ Elsa Schiaparelli hatte Freude an der Provokation. Sie war sozusagen ihr Geschäftsmodell, damals in den 1930er-Jahren, dem Höhepunkt ihres Schaffens in Paris. Ihr Faible für Abseitiges und zugleich Elegantes, ihre Leidenschaft für Kunst und ihr Talent als Netzwerkerin machten die Designerin zeitweise populärer als ihre Erzrivalin Coco Chanel.

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Das Haus Chanel gilt bis heute als eines der Zugpferde der Chambre Syndicale de la Haute Couture, dem seit 1868 bestehenden Dachverband der Marken, die die hohe Schneiderkunst, die Königsklasse der Mode, beherrschen. Nach den Haute-Couture-Schauen Ende Januar in Paris für die diesjährige Frühjahrsmode ist klar: Das Duell zwischen Chanel und Maison Schiaparelli geht auf Augenhöhe in eine neue Runde.

Schiaparelli war zu extravagant

So wie Virginie Viard mit ihren Kreationen die Handschriften von Coco Chanel und Karl Lagerfeld pflegt, so sehr sieht sich Daniel Roseberry der Tradition von Elsa Schiaparelli verpflichtet. Diese musste ihr Haus 1954 schließen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man keine schrägen Extravaganzen, sondern huldigte dem New Look von Dior und dem schlichten Chanel-Chic. Letzterer dominierte auch die jüngsten Haute-Couture-Modelle des Luxuslabels: Tweedanzüge in Dunkelblau, Blümchenkleider und hochgeschlossene Blazer – alles mit gewohntem Bombast im Grand Palais Éphémère präsentiert.

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Doch selbst die schillernde Markenbotschafterin Charlotte Casiraghi aus dem monegassischen Fürstenhaus, die hoch zu Ross über den als Springparcoursgarten gestalteten Laufsteg ritt, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwürfe doch zum Teil recht bieder wirkten.

Kollektion wie von einem anderen Stern

Roseberry dagegen präsentierte im Petit Palais eine Kollektion wie von einem anderen Stern. „Planet Schiaparelli“ war ihm zufolge auch der Arbeitstitel: „Zwei Jahre lang habe ich viel über das Surreale nachgedacht. Ich stellte mir ein Wesen vor, dessen Kleidung den Regeln der Schwerkraft widerspricht“, sagte er bei der Vorstellung. Seine Weltraumfantasien haben beeindruckende Formen angenommen, die nicht nur Presse und Publikum bei der Show beeindruckten, sondern auch in den sozialen Medien Wellen schlugen.

Mit viel Aufwand und Handwerk wurde Roseberry mit seinem Team den hochgesteckten Ansprüchen der Haute Couture gerecht und präsentierte textile Kunstwerke mit skulpturalen Verzierungen, aufwendigen Stickereien, opulenten Krägen, übergroßen U-Boot-Ausschnitten, Kegel-BHs und satellitenförmigen Hüten – alles reduziert auf die Farben Schwarz, Gold und Weiß. Die Models glichen in ihren Outfits Medusen, Hohepriesterinnen oder Superheldinnen aus dem Marvel-Universum.

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Auswirkungen auf die Mainstream-Mode

Die von dem italienischen Lederwarenkonzern Tod‘s Group 2007 wiederbelebte Marke Schiaparelli ist unter Roseberry wieder zu einem begehrten It-Label geworden. Bereits kurz nach seinem Antritt 2019 als Kreativdirektor gelang es dem gebürtigen Texaner, der zuvor für Designer Thom Browne gearbeitet hatte, Stars aus dem Showbusiness für sich zu begeistern. 2021 sorgte er gleich für zwei Kreationen, die Modegeschichte schreiben dürften: das vergoldete Collier in Form einer Lunge, das Model Bella Hadid bei den Filmfestspielen in Cannes quasi als Oberteil trug, sowie Lady Gagas Taubenrobe bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden. Beides genial surreal – und damit ganz im Sinne von Elsa Schiaparelli, die einst Kunstschaffende wie Salvador Dalí, Jean Cocteau und Meret Oppenheim für sich entwerfen ließ.

Doch was hat die breite Masse von solchen Ideen, die abseits roter Teppiche untragbar sind und noch dazu nahezu unbezahlbar? Nach zwei Jahren Abstinenz ist die Haute Couture jetzt wieder auf die Laufstege zurückgekehrt. Schon vor der Pandemie wurde sie oft für tot erklärt: Zu elitär, zu unnahbar, zu unerschwinglich sei die Maßanfertigung mit ihren Preisen, die zum Teil an jene für ein Einfamilienhaus heranreichen. Doch die von den Modemachern, Modemacherinnen und Modefans so viel beschworene Strahlkraft handgemachter Luxusmode färbt auch ab auf den Kleidungsstil auf der Straße: Farben, Formen, Accessoires finden sich früher oder später in den ganz normalen Läden wieder.

Schiaparelli als Inspiration

Elsa Schiaparelli machte es einst vor: Sie versah ihre Haute-Couture-Modelle mit Reißverschluss, was damals als höchst unfein galt, und machte das One-Shoulder-Abendkleid gesellschaftsfähig. Bis Neuerungen in der Mode vom Laufsteg aus die Klamottengeschäfte erreichen, kann man sich wie an kostbaren Kunstwerken im Museum einfach am Betrachten gelungener Kreationen erfreuen.

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Roseberry bedient dabei wie kein anderer gerade den Zeitgeist: Eskapismus ist an der Tagesordnung. Wir sehnen uns nach einem Ausweg aus dem Pandemiealltag, tauchen dafür ab ins Weltraumkino oder in Fantasyliteratur. Roseberry verleiht dieser Sehnsucht nach anderen Welten Ausdruck. Der „Planet Schiaparelli“ ist eine riesige Inspirationsquelle.

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