RND-Kolumne

Warum ich meinen Kindern keine Bücher über den Klimawandel vorlese

Kinder bei einer Demonstration der Klimabewegung Extinction Rebellion.

Als Klimaforscherin und vierfache Mutter erreicht mich oft die Frage, ob ich nicht ein tolles Buch für Kinder zum Thema Klimawandel und Klimaschutz empfehlen kann. Ohne Zweifel kann ich mich immer für gute Bücher begeistern und habe Spaß daran, aus dem Blickwinkel der kindlichen Neugier heraus in die Welt der Wissenschaft einzutauchen. Nur zum Thema CO₂-Anstieg in der Atmosphäre herrscht in unserem Haus gähnende Leere – wir besitzen nicht ein einziges Kinderbuch dazu. Und das liegt nicht an mangelnden Angeboten.

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Dabei bin ich selbst mit Themen wie Klima- und Umweltschutz, Recycling, sparsamem Energieverbrauch und Erhalt der Artenvielfalt groß geworden – und erinnere mich nur zu gut daran, wie mir ein Kinofilm über das Ozonloch schlaflose Nächte bereitet hat. Denn ich hatte durch den Film verstanden, wie schlimm die von Menschen freigesetzten FCKWs sind, und wie wichtig die Ozonschicht als UV-Filter für Mensch und Tier ist. Aber mir war überhaupt nicht klar, was ich als Kind unternehmen kann und soll, um diese Bedrohung abzuwenden. Um ehrlich zu sein, habe ich die Sorge um das Ozonloch nach einiger Zeit einfach erfolgreich verdrängt.

Als Erwachsene kann ich aktiv werden

Auch jetzt als Erwachsene lesen sich Berichte wie der kürzlich erschienene 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats nicht unbedingt beruhigender. Ich habe als Erwachsene aber den Luxus, dass ich sehr viel aktiver werden kann als ein Kind: Ich kann meinen individuellen Fußabdruck über meine Ernährung, Mobilität und meinen Energieverbrauch kontrollieren, und ich kann an meine Mitmenschen appellieren, ebenfalls aktiv zu werden. Noch viel wichtiger: Ich kann die Komplexität der Zusammenhänge zumindest erahnen. Aber das in meinen Augen Wichtigste ist: Ich kann mich klimapolitisch engagieren. Denn individuelle Maßnahmen alleine reichen längst nicht mehr: Wir brauchen unbedingt wirksame politische Werkzeuge wie zum Beispiel das Tempolimit, um das 1,5-Grad-Ziel einhalten zu können.

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Die Generation meiner Kinder wird mit den Folgen des menschengemachten Klimawandels aufwachsen. Müssen sie da nicht verstehen, was um sie herum passiert und wie der Klimawandel funktioniert? Hinzu kommt: In der Schule wird der Klimawandel oft nur ungenügend behandelt. Die meteorologischen und klimatologischen Phänomene sind eines von vielen Themen und für wenige Schulstunden im übergeordneten Fach „Erdkunde“ integriert. Ein gutes Kinderbuch könnte also viel dafür tun, dass aus Kindern später klimawandelaufgeklärte Erwachsene werden – das kann doch nur gut sein?

Kindern im Vorlesealter sind Handlungsmöglichkeiten verwehrt

Jein. Im besten Fall verstehen – gerade schon etwas ältere – Kinder, was der Klimawandel ist, und vertrauen darauf, dass die Verantwortung für seine Bekämpfung bei den Erwachsenen liegt. Im schlimmsten Fall folgt jedoch auf das Verständnis über das Ausmaß der Klimakrise ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit, das schon bei Erwachsenen zu Klimadepressionen führen kann. Oder es kommt ein Abwehrmechanismus ins Spiel, und aus den aufgeklärten Kindern werden Klimaapathen, die müde mit den Achseln zucken, weil sie eh nichts tun können.

Denn auch wenn die sehr wirkungsvolle Fridays-for-Future-Bewegung auf den immensen Einsatz von jungen Menschen zurückgeht: Kindern im Vorlesealter sind diese Handlungsmöglichkeiten noch verwehrt. Wir widmen uns also vorerst lieber anderen Themen.

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Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation – und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

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