Kolumne „Eltern – Kinder – Emotionen“

Bei der Debatte um Schuluniformen geht es auch um Wohlstand und Armut

„Wie man sich zu kleiden lernt, ist immer ein Teil der Identitätsfindung.“

Vielleicht wäre ich mit 13 Jahren ein Fan von Schuluniformen gewesen. Es war auch vor 30 Jahren oft anstrengend, als Jugendlicher den Überblick zu behalten über Trends, unterschwellige Strömungen und die Bedeutung von modischen Codes. Zwischen zwei fast gleich aussehenden Jeans konnten auch damals schon Welten liegen, sowohl preislich wie auch im Hinblick auf Status, den sie an der Schule verliehen und den man sich leisten können musste.

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Die für mich richtige Kleidung zu finden war ein ständiges Ausprobieren und Verwerfen. Wie man sich zu kleiden lernt, ist immer ein Teil der Identitätsfindung. Und das ist gut so. Es ist auch Aufgabe von Schule, Kinder und Jugendliche in ihrer Identitätsfindung zu unterstützen, sie in all ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit zusammenzuführen, sie miteinander und voneinander lernen zu lassen.

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Unterschiede sichtbar machen

Zu dieser Vielfalt gehören unterschiedliche soziale, ökonomische und kulturelle Hintergründe, natürlich aber auch unterschiedliche Entwürfe von Identitäten und Lebenshaltungen. Diese Unterschiede müssen sichtbar werden dürfen. So können Kinder und Jugendliche ein Gefühl dafür entwickeln, wie unterschiedlich es in der Gesellschaft und letztlich in der ganzen Welt zugeht.

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Viel wichtiger noch als das Entdecken der Vielfalt der anderen erscheint mir aber das Entdecken der inneren Vielfalt, der eigenen noch unbekannten inneren Seiten, Sehnsüchte und Möglichkeiten. Die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen und ihren unterschiedlichen Erscheinungsbildern schafft erst die Grundlage dafür, sich kritisch mit sich selbst auseinanderzusetzen. So kann man an sich selbst Neues entdecken, so kann es zu kreativer Veränderung und innerem Wachstum kommen. Vor diesem Hintergrund schneiden Uniformen naturgemäß schlecht ab.

Armut sollte kein Tabu sein

Allerdings sind sie häufig besser als ihr Ruf. In meinen Jahren als Krankenhausarzt habe ich erfahren, dass einheitliche Berufskleidung auch signalisiert, dass man selbst als Individuum etwas in den Hintergrund tritt, oft im Dienst an der Gemeinschaft. Dieser Dienst ist wichtig, ganz besonders in dieser Zeit, die nicht nur von zahlreichen Krisen geprägt ist, sondern auch von Überindividualismus und fortwährender Selbstbetrachtung und Selbstperfektionierung.

Die Debatte um Schuluniformen ist letztlich auch eine Debatte um Wohlstand und Armut. Armut ist überall. Die „Armutsgefährdungsquote“ ist in den letzten 15 Jahren beständig gewachsen. Armut ist oft nicht zu sehen – und schambehaftet. Man muss Menschen meist erst besser kennen, um mitzubekommen, dass ihnen Geld nicht nur für große Dinge fehlt, sondern auch für die Busfahrkarte, den Monatsbeitrag im Sportverein, ein regelmäßiges Taschengeld.

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Viele Menschen in Armut sind geübt darin, diese möglichst zu verdecken. Über Armut sollte darum mehr gesprochen werden, sie sollte nicht noch weiter aus dem Blick geraten. Man kann einheitliche Schulkleidung einführen, um soziale Unterschiede in den Schulen zu kaschieren. Fatal wäre aber, wenn dann die Wahrnehmung von Armut und das Einfühlungsvermögen gegenüber ärmeren Menschen gleich mit kaschiert werden.

In seiner Kolumne „Eltern – Kinder – Emotionen“ schreibt der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen einmal pro Monat über die emotionalen Herausforderungen des Familienalltags und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf.

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