Interview zu fünf Jahren Lockdown

Anders Tegnell: „Wir in Schweden haben die Pandemie nicht geleugnet – ganz im Gegenteil“

Schweden hatte einen ganz eigenen Weg, mit der Pandemie umzugehen.

Die Corona-Pandemie zwang Deutschland und viele andere Staaten zu radikalen Beschlüssen: Die Regierungen versuchten mit nächtlichen Ausgangssperren, Kontaktbeschränkungen und einer Maskenpflicht der ungehemmten Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Schweden schien in den Augen vieler einen komplett anderen Kurs einzuschlagen – und sich der Pandemie allein mit ein paar allgemeinen Empfehlungen entgegenzustellen. Die Rede war schnell von einem „schwedischen Sonderweg“, weil das Land nicht in einen vollständigen Lockdown ging.

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Anders Tegnell (68) war damals als Staatsepidemiologe bei der nationalen Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten für die liberale schwedische Strategie zuständig. Diese setzte maßgeblich auf die Einsicht und die Mitwirkung jedes und jeder Einzelnen. Im Interview mit dem RND blickt Tegnell auf die Corona-Maßnahmen zurück und verrät, was seiner Ansicht nach entscheidend für den Erfolg seines Landes in der Pandemie war. Zudem hat er eine klare Empfehlung, welche Lehren Deutschland zwingend aus den Coronajahren ziehen sollte.

Anders Tegnell war für Schwedens Covid-Strategie zuständig.

Herr Tegnell, es ist jetzt fünf Jahre her, dass Deutschland in einen harten Lockdown ging. In Schweden gab es nie einen. Sind Sie leichtsinnig mit dem Virus umgegangen?

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Nein. Wir haben in Schweden nie akzeptiert, dass sich das Virus gänzlich ungehindert ausbreiten konnte. Auch wir haben alles daran gesetzt, die kleinstmögliche Verbreitung des Virus zu erreichen – mit dem, was wir als effektive Maßnahmen dafür angesehen haben. Man könnte sagen, wir in Schweden haben einen sehr viel fokussierteren Lockdown gehabt als viele andere Länder. Wir haben den Menschen in unserem Land gesagt: Fahrt nicht zur Arbeit, wenn ihr nicht unbedingt müsst. Restaurants durften nur unter bestimmten Auflagen öffnen. Konzerte und andere Großveranstaltungen wurden auch in Schweden abgesagt. Damit haben auch wir einen Lockdown gehabt, jedoch keinen so umfassenden wie andere Länder. Wir haben uns auf die Stellen fokussiert, wo wir eine große Gefahr für eine Weiterverbreitung des Virus gesehen oder angenommen haben.

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Aus unserer deutschen Perspektive haben viele darin jedoch ein komplett anderes Vorgehen gesehen – und von einem „schwedischen Sonderweg“ in der Pandemie gesprochen. Sie haben dieses Framing immer schon als „Mythos“ angesehen. Können Sie das unseren Leserinnen und Lesern genauer erklären?

Das Bild des Sonderwegs impliziert, dass wir nichts gegen das Virus gemacht hätten. Wir haben aber sehr viel gemacht. Viele Schweden haben ihre Lebensgewohnheiten in der Corona-Pandemie verändert. Wir sind alle sehr viel weniger gereist, was sich aus den Mobilfunkdaten ablesen lässt. Diese Daten zeigen auch, dass ungefähr die Hälfte der Berufstätigen im Homeoffice gearbeitet hat. Die Fahrgastzahlen im Nahverkehr sind drastisch zurückgegangen. Die Hotels in Stockholm standen leer.

Was bei uns anders war: Wir haben die Veränderungen erreicht, ohne dass wir die Menschen dazu mit Gesetzen zwingen mussten. Wir haben den Menschen in Schweden erklärt, warum wir das so machen müssen. Und die Menschen haben verstanden, dass sie sich weniger mit anderen Menschen treffen durften, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Auch diejenigen, die nicht von zu Hause aus arbeiten konnten, haben sich überlegt, ob sie nicht besser mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren sollten als mit der U-Bahn. In der Hinsicht hatte in Schweden jeder Einzelne viel Verantwortung, mehr als in anderen Ländern.

Corona-Proteste in Deutschland: Gegner des Lockdowns haben teilweise mit Schwedenflaggen gegen Pandemie-Maßnahmen demonstriert, wie hier in München.
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Sie haben damals auch gesagt: Eine Pandemie ist ein Marathon und kein Sprint. Ihre Idee war, dass weniger radikale Maßnahmen von den Menschen besser – und länger – befolgt werden würden. In Deutschland waren die Corona-Regeln unübersichtlich, wurden vielfach verändert und variierten von Bundesland zu Bundesland. Wie wichtig war der Aspekt der Kontinuität für die schwedischen Regeln?

Wir wussten aus der Geschichte, dass Pandemien Jahre dauern. Dass die Covid-Impfstoffe so schnell entwickelt werden würden, konnten wir zu Beginn der Pandemie nicht wissen. Also haben wir uns darauf eingestellt, dass die Maßnahmen gegen das Virus für eine längere Zeit gelten müssen. Entsprechend mussten es Konzepte sein, mit denen man für eine längere Zeit leben konnte. Davon waren wir überzeugt.

In Deutschland haben Gegner des Lockdowns teilweise mit Schwedenflaggen gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wie fanden Sie es, dass Menschen ihren schwedischen Ansatz instrumentalisiert haben, um die Existenz der ganzen Pandemie zu leugnen?

Das war schon sehr eigenartig. Wir in Schweden haben die Pandemie nun beileibe nicht geleugnet, ganz im Gegenteil. Wir waren uns sehr bewusst, dass wir in einer Pandemie steckten, und wir wussten, dass wir mit ihr sehr lange leben müssen. Insofern war es befremdlich, dass einige Menschen meinten, Schweden nähme die Pandemie nicht ernst.

Was bei uns anders war: Wir haben die Veränderungen erreicht, ohne dass wir die Menschen dazu mit Gesetzen zwingen mussten.

Was wir in Schweden nicht hatten, war ein Glaube oder Anspruch, die Pandemie stoppen zu können. Eine Pandemie kann man nicht aufhalten. Wir als Behörden haben sie aber sehr ernst genommen, und ebenso die Schwedinnen und Schweden, die ihre Lebensweisen verändert haben. Angst vor dem Virus hatten wir nicht im gleichen Maße wie die Menschen in anderen Ländern. Weil wir erkannt haben, dass wir sehr viel gegen die Ausbreitung des Virus tun konnten.

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Massiven Widerstand gegen Covid-Maßnahmen wie in Deutschland gab es in Schweden nicht, wohl aber Kritik an Ihrer Strategie: In den Altersheimen sind viele Menschen gestorben. Warum konnten Sie die Alten nicht besser schützen?

Die Lage in den Altenheimen war das große Problem für Schweden in der Pandemie. Das wussten wir auch. Die Verantwortung für die Altenheime war ungefähr dreißig Jahre zuvor von den Regionen auf die Kommunen übergegangen. Wiederholt war darauf hingewiesen worden, dass wir viele Altenheime mit einer schlechten medizinischen Kompetenz haben. Leider hatte man dagegen keine Maßnahmen ergriffen. Als die Pandemie ausbrach, war es zu spät, um hier schnell gegenzusteuern. Wir hatten in den Heimen kein Personal mit medizinischer Ausbildung, wir hatten nicht die nötige Schutzausrüstung, es gab keine Testmöglichkeiten. Uns hat sehr viel gefehlt, was eigentlich lange im Voraus hätte angegangen werden müssen. Teils bestehen die Probleme auch heute noch. Einige scheinen auch hier in Schweden schon wieder vergessen zu haben, wie groß die Probleme in den Altenheimen waren.

Zum besseren Verständnis sollte ich hinzufügen, dass sich die schwedischen Altenheime von deutschen fundamental unterscheiden: Sie sind eine besonders extreme Form von Altenheimen. Dort leben nur die Ältesten und Kränkesten. Von den zwei, drei Millionen Menschen in Schweden, die älter als 65 sind, leben gerade einmal 10.000 in solchen Heimen. Das ist also ein sehr kleiner Anteil. Aber genau diese Menschen sind die gefährdetsten Menschen gewesen. Entsprechend gravierend war die Lage in den Heimen.

Eines der wenigen strengen Verbote, die es in der Pandemie in Schweden gab, setzte dann auch in den Heimen an: Es gab zeitweise ein Besuchsverbot, ähnlich wie bei uns in Deutschland. Das sehen Sie heute kritisch. Es sei ein Fehler gewesen, alte Menschen zu isolieren, sagen sie.

Es war nicht gut, diesen Menschen komplett zu verwehren, sich mit ihren nächsten und liebsten Angehörigen zu treffen. Man hätte den Menschen ermöglichen müssen, selbst darüber zu bestimmen. Es ist ethisch nicht vertretbar, jemanden daran zu hindern, jemanden anderen zu treffen, wenn er selbst das Risiko einer Infektion eingehen will. Tatsächlich haben wir das allgemeine Besuchsverbot in den Heimen in Schweden auch schnell wieder aufgehoben. Weil wir gesehen haben, dass es nicht die Angehörigen waren, die das Virus in die Heime getragen haben, sondern das Personal. Das kann man sich auch ganz logisch erklären: Die Verwandten saßen ihren alten Familienangehörigen mit reichlich Abstand und auch durch Masken oder Plexiglas geschützt gegenüber. Die Mitarbeiter mussten den Bewohnern aber sehr nahekommen.

Bild aus einem Altenheim im schwedischen Göteborg während der Pandemie: Eine Bewohnerin bekommt die Impfdosis eines Corona-Impfstoffs verabreicht.
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Auch in Bezug auf die jungen Menschen hat Schweden einen anderen Kurs verfolgt als die meisten anderen Länder: Sie haben die Schulen offen gehalten. Weil Sie damals zu der Einschätzung kamen, dass Kinder nicht schwer erkrankten – und kein Treiber der Pandemie sind.

Ja, und unsere Einschätzung beruhte zudem darauf, dass es schwerwiegende Auswirkungen auf Kinder hat, wenn sie nicht zur Schule gehen können. Gerade auf Kinder, die unter schwierigen Bedingungen aufwachsen und zu Hause ein problematisches Umfeld haben. Für sie ist die Schule sehr wichtig, weil es dort ein soziales Umfeld gibt, warmes Schulessen, eine Form von Geborgenheit, die sie vielleicht andernorts nicht bekommen.

Unserer Ansicht nach hätte es schon sehr viele triftige Gründe gebraucht, um Schulen zu schließen, aber die haben wir nicht gesehen. Anhand von Daten aus China und Italien haben wir erkannt: Kleine Kinder werden nicht schwer krank, nur ganz wenige mussten ins Krankenhaus. Und nach einiger Zeit konnten wir auch sehen, dass es keine Auswirkungen auf den Infektionsverlauf hatte, dass wir die Schulen offen gehalten haben. Kinder haben ihre Eltern nur sehr selten angesteckt. Eltern haben sich viel mehr untereinander angesteckt. Und Lehrer untereinander, etwa im Pausenzimmer. Öfter erkrankt als andere Berufsgruppen sind sie im Übrigen aber nicht.

Unserer Ansicht nach hätte es schon sehr viele triftige Gründe gebraucht, um Schulen zu schließen, aber die haben wir nicht gesehen.

Es gab also keine Argumente, die dafür sprachen, die Schulen zu schließen, wohl aber viele, die dagegen sprachen. In der Rückschau sind viele in Schweden sehr froh, dass wir die Schulen offen gehalten haben.

Zu beurteilen, wie „erfolgreich“ ein Land durch die Pandemie gekommen ist, ist ein schwieriges Unterfangen. Im Rückblick zeigen die Statistiken, dass Ihr Land in den ersten beiden Pandemie-Jahren eine der niedrigsten Covid-19-Sterberaten in Europa hatte. Ist die Übersterblichkeit Ihrer Ansicht nach der richtige Indikator bei der Beurteilung?

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Nein, das glaube ich nicht. Aber die Übersterblichkeitsrate ist eine Zahl, die man vergleichen kann. Bei vielen anderen Zahlen geht das nicht. Ich glaube heute, das Entscheidende dafür, wie man durch die Pandemie gekommen ist, war, wie die Ausgangsvoraussetzungen waren. Hatte man ein gutes, leistungsfähiges Gesundheitssystem, das schnell auf die Anforderungen der Pandemie reagieren konnte? Hatte man eine gute Volksgesundheit? Hatten die Menschen Vertrauen in die Behörden? Und haben sich die Behörden untereinander vertraut? Ich glaube, weil wir in all dem gut vorbereitet waren, kamen die nordischen Länder – nicht nur Schweden – sehr gut durch die Pandemie.

In Schweden gab es bereits eine Aufarbeitung der Pandemie durch Kommissionen. Sie mussten Kritik einstecken, weil Ihre Behörde nicht zum Tragen von Masken geraten hat. Sie meinten damals: Eine Maske wiege Menschen in falscher Sicherheit, und es bestehe die Gefahr, dass die Bevölkerung ihre Kontakte mit Masken nicht mehr so stark reduziert, wie es nötig wäre. Wie sehen Sie das heute?

Ich glaube noch immer, dass das eine komplizierte Frage ist. Nicht zuletzt, weil auch heute noch valide Daten dazu fehlen, welchen Effekt Masken tatsächlich haben. Parallel wurden viele weitere Maßnahmen ergriffen. Die wenigen Untersuchungen, die in der Pandemie zum Maskentragen gemacht wurden, sagen, dass es zum Teil keine, zum Teil nur sehr begrenzte Effekte gab. Ganz generell haben sich Länder mit einer Maskenpflicht nicht besser geschlagen.

Es gibt sicher bestimmte Situationen, in denen ein Mundschutz einen Unterschied machen kann. Etwa, wenn man in einem Innenraum sehr eng beieinander sitzen muss und nicht Abstand halten kann. Unsere Beurteilung war jedoch: Abstand halten ist in jedem Fall besser. Wir in Schweden konnten das in großem Maße tun. Wie schon erwähnt, konnten viele von zu Hause aus arbeiten. Das war eine bessere Lösung.

"In Malmö ist alles ganz nah. Aber jetzt müssen wir Abstand halten": In der Pandemie wurden die Schweden zum Social Distancing aufgerufen.

Und Menschen bei einer morgendlichen Joggingrunde im Park zum Tragen eines Mundschutzes zu zwingen, das kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Ich glaube nicht, dass das einen Effekt hatte.

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In Deutschland gab es noch keine nationale Corona-Aufarbeitung. Es wird zudem darum gestritten, in welcher Form sie erfolgen sollte. Welche Lehren sollte Deutschland Ihrer Meinung nach zwingend aus der Pandemie ziehen?

In Schweden gab es die Corona-Kommission leider sehr frühzeitig. Daher haben wir nur die ersten Monate und das erste Jahr der Pandemie genauer aufgearbeitet. Das jetzt, mit einigem Abstand, zu machen, kann sogar besser sein.

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass man sich nicht in der Frage verliert, jede Maßnahme zu bewerten und zu versuchen, Einzelnen Fehler nachzuweisen. Das ist schwer bis unmöglich. Man sollte vielmehr die Erfahrungen in den Fokus rücken, die wir alle gemacht haben. Man sollte schauen, warum etwas in der Pandemie besonders gut funktioniert hat, und das dann genau dokumentieren. Hier in Schweden haben sehr viele Firmen Prozesse entwickelt, mit denen sie gut weiterarbeiten konnten. Dieses Wissen, wie wir es schaffen, in einer Krisensituation weiterzuleben, sollten wir auf allen Ebenen in der Gesellschaft dokumentieren. Nicht nur auf der nationalstaatlichen Ebene.

Und das ist bisher nicht ausreichend geschehen?

Wir haben alle eine Pandemie erlebt. Das ist ein Vorteil, den wir in den kommenden Jahren haben. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Erfahrungen dokumentieren. Ich bin mir nicht sicher, ob wir das schon im ausreichenden Maße gemacht haben. Direkt nach der Pandemie begann der Ukrainekrieg, dann kam die Energiekrise und die Inflation. Jetzt haben wir Trump. Es kommen immer neue Krisen. Wir konnten uns bisher nicht die nötige Zeit nehmen, alle Lehren aus der Pandemie zu ziehen.

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Ein paar Dinge sind offensichtlich, die besser laufen müssen. Das nächste Mal muss es eine bessere globale Zusammenarbeit geben. Wir müssen besser darin werden, die knappen Ressourcen in so einer Krise in der Welt zu verteilen. Europa darf nicht allen Impfstoff aufkaufen, sodass es keinen für Afrika gibt. Wir in Schweden müssen unsere Altenheime besser vorbereiten. Es gibt also vieles, was wir sicher besser machen können in der nächsten Pandemie.

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