Vier Favoriten, vier Verletzte: Kritik an hoher Belastung wächst
„Ich mag die EM gerade gar nicht“, schimpfte vor wenigen Tagen Gordon Herbert gegenüber der Bild-Zeitung. Der ehemalige Trainer der deutschen Basketball-Nationalmannschaft äußerte die Worte nicht etwa mit Blick auf die Leistungen seines Ex-Teams, das mit fünf Siegen aus fünf Vorrundenspielen ohnehin wenig Anlass zur Kritik gibt. Vielmehr ärgert sich der aktuelle Coach des Bundesligisten FC Bayern Basketball über die Verletzungen zweier seiner Schlüsselspieler.
DBB-Co-Kapitän Johannes Voigtmann reiste wegen eines Knorpelschadens im Knie vom Kontinentalturnier ab. Der Forward der Bayern wird dem deutschen Team in der K.-o.-Runde nicht helfen können. Ausfallzeit unklar.
Mit Rokas Jokubaitis erwischte es den Star des litauischen Teams und Sommer-Neuzugang der Münchner noch schlimmer. Der Spielmacher, der in der kommenden Saison in der Bundesliga und in der Euro League die Fäden beim deutschen Meister ziehen soll, verdrehte sich im EM-Spiel gegen Finnland das Knie und fällt mit einer schweren Bänderverletzung mindestens sechs Monate aus. Damit fehlen Herbert zum Bundesligastart Ende September wohl zwei Starting-Five-Spieler.
Auch Serbien muss herben Verlust hinnehmen
Doch Deutschland und Litauen, beide gehören zu den Mitfavoriten bei der EM, sind nicht die einzigen Teams, die während des Turniers personell geschwächt wurden. Auch Topfavorit Serbien musste eine Hiobsbotschaft hinnehmen. NBA-Star und Kapitän Bogdan Bogdanovic, nach Nikola Jokic wichtigster Spieler der Serben, zog sich früh im Turnier einen Muskelriss in der hinteren Oberschenkelmuskulatur zu. Der Dreier-Experte wird seiner Mannschaft nicht mehr helfen können.
Gleiches gilt für Alex Sarr. Der Center der französischen Nationalmannschaft, die bei dieser EM ebenfalls hoch gehandelt wird, fällt mit einer Wadenverletzung aus. Der 20-Jährige wurde im Sommer 2024 an zweiter Stelle des NBA-Drafts von den Washington Wizards ausgewählt und galt als Frankreichs EM-Hoffnung.
Zum Start der K.-o.-Runde an diesem Samstag in Riga - Deutschland trifft um 14.15 Uhr (RTL und Magenta Sport) auf Außenseiter Portugal - müssen also gleich vier Topteams personelle Ausfälle beklagen. Dabei fängt das Turnier nun erst so richtig an.
Spieler und Verantwortliche sehen den vollen Terminkalender der Basketballer, sowohl in Europa als auch in den USA, als Hauptgrund für die sich häufenden Verletzungen. „Es sind zu viele Spiele, wir werden verheizt“, schrieb DBB-Spieler und Bayern-Profi Justus Hollatz kürzlich in seiner Kolumne auf der Homepage des Klubs. An einem Tag habe sein Verein zwei Spieler verloren. Mit Blick auf die anstehende Saison sei das „ein bitterer Beigeschmack“.
DBB-Spieler Hollatz: „Physisch mausetot“
Schon vergangene Spielzeit, als der FCBB Deutscher Meister wurde, sei das Team in den Finalspielen gegen Ulm nach mehr als 80 Partien „physisch mausetot“ gewesen. Es müsse sich etwas ändern, fordert Hollatz.
Doch weder in der NBA noch in den europäischen Topligen oder in der Euro League ist ein Wandel in Sicht. Im Gegenteil: Die Teilnehmerzahl der Euro League wurde auf 20 aufgestockt. Auch die EM ist mit 24 Teams für viele Experten aufgebläht.
„Die Belastung ist einfach zu hoch. Aus Fan-Sicht würde ich mir eine kompaktere EM mit weniger Spielen wünschen“, sagte DBB-Interimstrainer Alan Ibrahimagic. Der 47-Jährige wird aller Voraussicht nach am Samstag gegen Portugal an der Seitenlinie wieder von Chefcoach Alex Mumbru abgelöst, der aufgrund eines akuten Abdomens (Magen) einige Tage ausfiel.
Ex-DBB-Trainer Herbert wird mit Blick auf neun Partien, die die vier EM-Halbfinalisten (inklusive Finale oder Spiel um Platz drei) in 19 Tagen absolvieren werden, noch deutlicher. „Viel zu lang” sei das Turnier durch 24 teilnehmende Teams. „Es sollten nur 16 sein“, meint Herbert.
Im Fußball werden seit Jahren ähnliche Diskussionen zum Thema Belastung geführt. Doch die Tendenz ist, wie auch im Fußball, eindeutig: Es werden mehr Spiele. Fiba-Europe-Generalsekretär Kamil Novak, früherer Sportdirektor des Basketball-Bundesligisten Frankfurt Skyliners, erklärte kürzlich gegenüber der Hamburger Morgenpost, dass er darüber informiert worden sei, dass daran „gearbeitet“ werde, „die Euro League auf 24 Teams“ aufzustocken.