Blick auf Hauptrundengegner

Dänemark-Kracher: Warum die Handballer früher aufstehen müssen als der Bäcker

Die deutsche Mannschaft bildet nach dem Schlusspfiff einen Kreis und jubelt über ihren Sieg gegen Tschechien.

Herning. „Juri, Juri! Hier, hier!“ Im Halbdunkel unter den Stahlrohr­tribünen drängeln sich die deutschen Fans. Kinder und Teenies in Deutschland-Trikots, Mädels mit schwarz-rot-goldenen Brillen. Sie rufen nach Juri Knorr, den Spielmacher, der gerade in der Interviewzone verschwindet. Sie bekommen David Späth und Justus Fischer. Mit den Fans im Rücken posiert das Gute-Laune-Duo für den Selfie-Jubelschrei, lacht und scherzt. Und hat auch allen Grund dazu. Mit dem bislang besten Spiel bei dieser WM feiern Deutschlands Handballer gegen Tschechien (29:22) vor 7552 Zuschauern den dritten Sieg im dritten Spiel.

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Als Vorrundenerster und mit weißer Weste (4:0 Punkte) zieht das Team von Bundestrainer Alfred Gislason in die Hauptrunde ein. In der geht es bereits am Dienstag gegen Titelfavorit Dänemark (20.30 Uhr/ARD). Am Donnerstag wartet Italien im vorentscheidenden Spiel für den Einzug ins Viertelfinale (18 Uhr). Am Samstag ist Tunesien der letzte Hauptrunden­gegner (20.30 Uhr). Die K.‑o.-Runde in Oslo erreichen nur die zwei Gruppenbesten.

Vorrunden-Muster: Zittrige Hände, dann abgezockt

Das deutsche Muster in der Vorrunde: Zittrige Hände in Halbzeit eins. Das Bild: Fehlpässe, Fehlwürfe. Kampf, Krampf. Rückstände mit bis zu drei Toren. Der Kontrast nach der Pause, vor allem der Schlussphase: Handball mit Herz. Cool, abgezockt, willensstark, das Momentum zum Sieg nutzend. Mal mit Julian Köster als „Mann des Comebacks“ (gegen Polen), mal mit Renars Uscins als Torjäger und Juri Knorr als Dirigenten (gegen Tschechien). Aber immer mit Weltklasse-Torhütern.

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Gegen Tschechien war es nicht Andreas Wolff, sondern sein Stellvertreter David Späth, der den glücklosen Chef zwischen den Pfosten nach 14 Minuten ablöste. Späth wehrte mit 14 Paraden fast die Hälfte der 30 Würfe ab, war Matchwinner, Torschütze und emotionaler „Leader“. In Summe: „Player of the Match“. Für den 22‑Jährigen eine neue Erfahrung: „Meine erste internationale Auszeichnung. Ich hoffe, ich kann das Schild mit nach Hause nehmen und übers Bett hängen.“

Bundestrainer Alfred Gislason staunte derweil, „wie wir uns selbst das Leben schwer machen. Wir vergeben klarste Chancen, dazu noch die Siebenmeter.“ Dazu das Spiel der Tschechen. Sie verkörpern bei dieser WM die Anomalie des Handballs. Nur 36 Tore in zwei Spielen, die Angriffe dauern durchschnittlich 60 Sekunden und länger. Handball, wie er in den 1990ern gespielt wurde. In der Pause habe er gescherzt, erzählt Gislason, dass man künftig nur noch zweite Halbzeiten spielen wolle. „Die Mannschaft hat es da aber gut gemacht.“ Mit Knorr in der Spielsteuerung, mit Uscins als Torjäger (10 Würfe/8 Tore), einer Topabwehr und einem 6:1‑Lauf zum vorentscheidenden 19:14 (40.).

Dänemark: Vorrunde als Aufwärmprogramm

Und jetzt warten am Dienstag Dänemark und 15.000 Fans im Tollhaus Jyske Bank Boxen. Der dreifache Titelträger, die Unbezwingbaren, die seit dem Viertelfinal-Aus 2017 bei einer WM in 31 Spielen nicht verloren haben. „Da sind wir großer Außenseiter, wie jedes Team. Das ist die absolut beste Mannschaft der Welt“, sagt Gislason. „Wir müssen da von Anfang an hellwach sein. Spielen wir da wie in der Vorrunde, ist das Spiel weg.“ Mit 118 Toren in drei Spielen rollte der Dänen-Express durch die Vorrunde, hatte in Emil Nielsen (27) zudem einen überragenden Rückhalt. „Die Vorrunde war unser Aufwärmprogramm“, sagt Flensburgs Keeper Kevin Möller. Die dänische Zeitung „BT“ schwärmt bereits vom vierten Titel: „Es gibt auf der ganzen Linie einen Fluss – die dänischen Spieler denken nicht, sie tun es einfach. Es ist wie eine kollektive Masse extremer Handballtalente. Um diese Mannschaft zu schlagen, müssen die anderen früher aufstehen als der Bäcker.“

Um diese dänische Mannschaft zu schlagen, müssen die anderen früher aufstehen als der Bäcker.

„BT“,

dänische Tageszeitung

Juri Knorr geht mit einem guten Gefühl in die Hauptrunde: „Wir sind in der Schlussphase immer bereit, wissen, dass wir eine gute Abwehr und überragende Torhüter haben.“ Das Dänemark-Spiel will er „einfach nur genießen. Es ist auch in Dänemark besonders, vor so einer Kulisse, in so einer Halle mit Stehtribüne zu spielen. In einem fremden Haus zu spielen, den Favoriten zu ärgern, das macht Spaß.“ Eine Rechnung hat er nach der Vorführung im Olympia-Finale (26:39) nicht offen. „Eher mit uns selbst, dass wir nicht wieder so alt aussehen. Und es ist kein Olympia-Finale, nur ein Hauptrunden­spiel. Ein Sieg würde uns sicher einen Push geben, mehr aber nicht. Denn unser Ziel ist das Viertelfinale.“

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Italien entdeckt den Handball

Das Positive: Nach der maximalen Vorrunden­ausbeute bliebe das deutsche Team auch nach einer Niederlage gegen Dänemark noch auf Kurs Viertelfinale, hat es gegen Italien und Tunesien selbst in der Hand. „Das sind keine Selbstläufer“, warnt Gislason. Italien – nach 28 Jahren Abstinenz zurück auf der Weltbühne – ist „kein Fallobst mehr. Die Tunesier sind heißblütig, individuell gut.“ Vor allem Italien begeistert con passione, leidenschaftlich, und hat in der Heimat für einen Hype gesorgt. „Früher hatten wir in der ‚Gazzetta dello Sport‘ maximal eine Spalte, heute kriegen wir eine ganze Seite. Der italienische Sport hat eine Sportart wiederentdeckt. Handball war in Vergessenheit geraten“, berichtet der Leipziger Torhüter Domenico Ebner voller Stolz. Er ist sich sicher: „Wir haben gegen Deutschland eine Außenseiterchance.“ So wie Knorr und Co. gegen Dänemark.

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