Warum sich die Deutschen seltener vor dem Abstieg fürchten
Herr Lengfeld, immer wieder heißt es, die Mittelschicht werde von Abstiegsängsten geplagt. Aber wer genau gehört zur Mittelschicht? Und hat sie sich im Lauf der Zeit verändert?
Plastisch gesagt: Mitte ist da, wo man aufgrund von Bildung und beruflicher Position etwas hinzugewinnen kann. Aber es reicht nie, um sich darauf auszuruhen – man kann auch wieder etwas verlieren. Die Mittelschicht ist in Deutschland immer schon sehr breit. Etwa 60 bis 70 Prozent der Menschen hierzulande gehören dazu, je nach Messweise. Ihre Mitglieder verfügen über 75 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens, haben in der Regel einen mittleren Schulabschluss oder Abitur.
Ab wann zählt man zur Ober- oder Unterschicht?
In der Oberschicht findet man Personen mit höchsten Bildungsabschlüssen. Sie sind oft selbstständig und haben mehrere Beschäftigte, gegenüber denen sie weisungsberechtigt sind. Wer dazu gehört, erzielt über 150 Prozent des Durchschnittseinkommens. Zur Unterschicht zählt, wer weniger als 75 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss. Nicht alle haben eine Ausbildung, viele führen Hilfsarbeiten oder einfache Dienstleistungen aus.
Die Mittelschicht ist kein homogener Block.
Holger Lengfeld,
Soziologe an der Universität Leipzig
Die Mittelschicht ist in den letzten 20 Jahren tatsächlich etwas geschrumpft – um 3 bis 5 Prozentpunkte. Das passierte vor allem in den 2000er-Jahren und dort, wo es um qualifizierte Industriearbeit ging. Heute arbeiten die meisten in qualifizierten Dienstleistungsberufen. Aber auch Selbständige und Studienräte zählen zur Mittelschicht, das ist kein homogener Block. Als dieses Schrumpfen vor 15 Jahren diskutiert wurde, da hatten jedoch alle Angst. Denn viel mehr Menschen zählen sich selbst zur Mittelschicht, als tatsächlich dazugehören.
Was ist der entscheidende Faktor für Abstiegsangst?
Es geht um die Angst, die derzeitige soziale Position nicht halten zu können. Hier passt die Analogie zum Fußball: Die letzten fünf der Tabelle fürchten, in die untere Liga abzusteigen. Mein Team und ich gehen davon aus, dass die Erwerbsarbeit und der Zugang zum Arbeitsmarkt die wichtigste Quelle des Wohlstands ist. In Langzeitbeobachtungen sehen wir, dass diese Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, über alle Schichten hinweg von 1990 bis ziemlich genau 2007 auf Rekordwert angestiegen ist, vor allem in der mittleren Mittelschicht.
Nach 2007 sank sie dann kontinuierlich wieder ab, trotz der leichten Wirtschaftskrise 2010. Unsere Analysen zeigen: Im Jahr 2021 war das Niveau der Abstiegsangst in Deutschland auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Neuere Daten liegen allerdings noch nicht vor. Aber trotz der wirtschaftlichen Stagnation haben wir derzeit keinen krassen Anstieg der Arbeitslosigkeit – weil der demografische Wandel jetzt voll zuschlägt. Es gibt also keinen Anlass für große Abstiegsangst.
Gibt es Unterschiede je nach Region? Oder nach Alter?
Seit 2007 sind die Abstiegsängste in Ostdeutschland stärker gesunken als in Westdeutschland. Dennoch machen sich immer noch rund 10 Prozent der ostdeutschen Erwerbstätigen mehr Sorgen als diejenigen in Westdeutschland.
Das Alter spielt für die Abstiegsangst kaum eine Rolle. Menschen über 50 Jahre machen sich etwas weniger Sorgen als die jüngeren Altersgruppen. Diese Unterschiede sind seit Mitte der 2000er-Jahre geringer geworden. Das heißt aber nicht, dass es da nicht Leute gibt, die sich Sorgen machen. Vor allem, wenn sie eine Erwerbsbiografie haben, die zu einer niedrigen Rente führt – zum Beispiel Frauen, die über lange Zeiträume teilzeitbeschäftigt waren und nicht 100 Prozent in die Rentenversicherung eingezahlt haben.
Was heißt das für die bevorstehende Wahl?
Abstiegsangst ist für die Wahlentscheidung der Menschen nicht wichtig. Das war in den 2000er-Jahren komplett anders. Heute spielen andere Themen eine Rolle. Für einen Teil der Bevölkerung ist es Klimawandel. Für andere ist es öffentliche Sicherheit, Inflation und Migration. Und für den dritten Teil ist es die Angst vor einem Krieg. Das sind alles Bereiche, auf die man selber keinen Einfluss hat. Man fühlt sich ausgeliefert und das macht den Leuten die meisten Sorgen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Ängsten und der Bereitschaft, Parteien am Rande des politischen Spektrums zu wählen?
Wir wissen, dass extreme Parteien, in unserem Fall vor allen Dingen die rechtspopulistische AfD, im Osten immer eine größere Gunst erfahren als im Westen. Aber unsere Untersuchungen haben gezeigt: Wer sich vor dem sozialen Abstieg fürchtet, wählt dort nicht oder nur in ganz geringem Ausmaß die AfD.
Gibt es andere Gründe für die wachsende Unterstützung?
Wenn die Leute AfD wählen, dann gibt es immer zwei, drei sehr klar messbare Gründe. Das Thema Nummer eins ist Migration. Die Leute lehnen sie ab. In nichts sind sich AfD-Wähler in Ost und West so einig wie bei der Ablehnung von Asylzuwanderung. Der zweite Faktor ist der Glaube, dass die repräsentative Demokratie nicht gut funktioniert. Man hält nichts vom parlamentarischen liberalen Betrieb.
Der dritte Faktor ist Populismus: Die Vorstellung, es gebe eine Spaltung der Gesellschaft in eine Elite, die oben Entscheidungen trifft, und ein Volk, das unten betrogen wird. Das Volk als solches ist in dieser Vorstellung ehrlich, rechtschaffen und wird ausgebeutet – auch dadurch, dass die Eliten Migranten die Möglichkeit geben, ins Land zu kommen. Rechtspopulisten finden das schlimm, weil sie denken, dass die Eliten daran verdienen, aber das Volk nicht. Das sind die drei wichtigsten Gründe, warum Menschen AfD wählen. Nach unseren Analysen wirken sie in Ostdeutschland einfach stärker als in Westdeutschland.
Die wirtschaftliche Situation oder größere Probleme in bestimmten Branchen, das spielt in der Regel keine Rolle. Wer sich vor dem Abstieg fürchtet, wird kaum oder selten rechtspopulistisch wählen, sondern eher links. Wer sich vor Migration fürchtet, wird es tun.
Welche Maßnahmen könnten denn Abhilfe schaffen?
Alterssicherung und Altersvorsorge ist ein wichtiges Thema, wenn auch kein neues. Die Frage ist, wie man das derzeitige Rentenniveau halten kann für künftige Generationen. Dann gibt es Konzepte, die immer wieder sagen: mehr Bildung in den Schulen. Das dauert jedoch. Auch mehr Sozialpolitik würde die Menschen nicht überzeugen. Das zeigt unser neues Papier, das noch nicht veröffentlicht ist.
Aber wenn wir immer mehr Leute haben, und das in Gesamteuropa, die sich von der liberalen Form der Demokratie abwenden, ist das ein Riesenproblem. Dafür gibt es keine einfache Lösung, schon gar nicht im Wahlkampf. Es gibt etablierte Parteien, die das ernst nehmen. Sie müssten sich aber mehr mit denjenigen Wählerinnen und Wählern beschäftigen, die sie nicht wählen. Mit denen müssen Sie reden und ihnen auch zuhören.