Protest und Kritik

„Fühlt sich an wie 1989“: Gut 60.000 demonstrieren in Leipzig gegen Rechtsextremisten und AfD

In Leipzig haben etwa 60.000 Menschen am 21.1.2024 gegen die AfD und gegen Rechtsradikalismus demonstriert.

Leipzig. Ein Teilnehmer ist sichtlich berührt. „Das fühlt sich an wie der 9. Oktober 1989“, sagt der Mann, der am frühen Sonntagabend auf die Abschlusskundgebung der Demonstration „Zusammen gegen rechts“ wartet. Hier, am Johannisplatz, endete der wohl größte Leipziger Protest seit dem Mauerfall: Die Polizei vermutete eine mittlere fünfstellige Teilnehmerzahl, von mindestens 60.000 sprachen die Veranstalter.

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Der geographische Ausgangspunkt war der Markt, der emotionale waren die Berichte des Recherchenetzwerks Correctiv über ein Treffen von AfD-Politikern mit Neonazis und die Erwägungen zur Vertreibung von Deutschen mit ausländischen Wurzeln. Schon vor Beginn kurz nach 15 Uhr wurde deutlich, dass diese Demonstration eine andere Dynamik und großen Zuspruch aus der Zivilgesellschaft erhalten würde: Die Straßenbahnen auf dem Weg ins Zentrum waren so verstopft, dass viele den Weg zu Fuß nahmen.

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Plakat-Wald mit vielen Appellen

Der Markt vor dem Alten Rathaus war schnell voll, auch in den angrenzenden Einkaufsstraßen drängelten sich die Menschen. Ein Plakat-Wald aus Bekenntnissen und Appellen wogte über den Köpfen: „Der Regenbogen hat kein Braun“, „Wir sind AfD-negativ“ oder „Nazis raus, Liebe rein“.

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Bürgerrechtlerin Gesine Oltmanns sprach für die Stiftung Friedliche Revolution und von damals, von 1989 und den Errungenschaften der Demokratie. „Die lassen wir uns nicht von krakeelenden Faschisten und Nazis zerstören.“ Ausdrücklich bedankte sie sich „bei den jungen Aktivistinnen und Aktivisten, die sich schon seit Langem gegen rechts engagieren und von der Stadtgesellschaft allein gelassen wurden“. Das dürfe nicht mehr passieren.

„Es ist zum Kotzen“

Beklatscht wurden auch Beiträge von Ex-Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff („Wir haben es in der Hand, dass die Rechten in die Schranken gewiesen werden“) und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), der rassistische Zitate von AfD-Politikern verlas und kommentierte: „Hierzu fällt mir nichts ein außer: Es ist zum Kotzen!“

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Die Ansage der beiden Moderatorinnen, Kritik an Parteien und Regierungsentscheidungen sollten an diesem Tag keinen Platz haben, befolgten nicht alle, die das Mikrofon bekamen. Zu ihnen gehörte die Vertreterin der Initiative „Eltern gegen Polizeigewalt“. Sie sprach dem OBM das Recht ab, bei der Demo zu reden, denn die sei von Menschen organisiert worden, die er bei der linken „Tag X“-Kundgebung im Juni 2023 als „durchgeknallte Straffällige“ bezeichnet habe. Jung trete nur wegen der diesjährigen Kommunalwahlen vor die Menge. Dafür kassierte die Rednerin „Buh“- und „Aufhören“-Rufe.

„Wunderbar, welches Signal von Leipzig ausgeht“

Wegen der enormen Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern setzte sich der geplante Protestmarsch bereits vor dem Ende aller geplanten Beiträge in Bewegung, darunter auch Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) und der stellvertretende Ministerpräsident Wolfram Günther (Grüne). „Es ist mal wieder wunderbar, welches Signal von Leipzig ausgeht“, sagte Köpping, und Günther machte dieser Nachmittag „richtig Mut. Dieses Engagement für eine demokratische, vielfältige Gesellschaft muss jetzt weitergehen.“

Am 21.1.2024 ist der Markt voller Menschen, die gegen die AfD und rechte Netzwerke demonstrieren.

Von Höhe der Thomaskirche aus bewegten sich die Massen Richtung Hauptbahnhof und weiter Richtung Augustusplatz – der Schnittstelle zweier unterschiedlicher Welten: Während an und auf der Open-Air-Schlittschuhbahn der „Eistraum“ gefeiert wurde, bewegte sich die Demo-Spitze mit „Alerta Antifascista“-Rufen den Georgiring hoch.

Zug wird zum Johannisplatz umgeleitet

Weil dort, am ursprünglichen Endpunkt der Demo, wegen des Andrangs die Fläche zu klein war, leitete die Polizei den Zug zum Johannisplatz um. Und obwohl einige am Ring ihre Teilnahme beendeten, sammelten sich an der Kreuzung vor dem Grassimuseum viele Tausende. Unter anderem Dominik Brähler. „Ich finde es wunderbar, dass diese Bewegung auch aus der Bürgerschaft kommt und Menschen aus allen Generationen ein Zeichen setzen“, sagte der 56-jährige Leipziger.

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Als der Johannisplatz längst überfüllt war, waren noch nicht alle Teilnehmer vom Leipziger Markt auf dem Demo-Weg. Die Polizei verzeichnete wenig Zwischenfälle, ermittelt jedoch wegen des Abbrennens von Pyrotechnik und zu einem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Außerdem wurde bekannt, dass kurz vor 17 Uhr ein Auto in Höhe der Bosestraße den Aufzug durchfahren haben soll. Verletzt wurde offenbar niemand. Es besteht der Verdacht einer Verkehrsstraftat.

Rudolph-Kokot glücklich über enormen Zuspruch

Schon während des Gangs um den Ring zeigte sich Irena Rudolph-Kokot (SPD), Sprecherin des mitveranstaltenden Bündnisses „Leipzig nimmt Platz“, glücklich über den enormen Zuspruch. „Das sind sogar mehr als beim großen Protest der Bevölkerung gegen Legida 2015, als 30.000 gegen rechts auf die Straße gingen.“

Zuvor hatte Rudolph-Kokot die Erwartungen noch gebremst und nicht unbedingt mit mehr als den 10 .000 Menschen gerechnet, die am vergangenen Montag in Leipzig demonstriert hatten. Im Vorfeld der Demo am Sonntag hatten auch mehrere Stadtratsfraktionen, Kirchen und Verbände zur Teilnahme aufgerufen. In anderen sächsischen und deutschen Städten setzten Menschen ebenfalls ein Zeichen gegen Rechtsextremismus und die AfD.

LVZ

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